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Darmkrebs: Wie sich die Gefahr früh bannen lässt – Vier Mediziner beantworten Ihre Fragen

Jetzt geht sogar einer der Spaßmacher der Nation, „Verstehen Sie Spaß“-Moderator Guido Cantz mit gutem Beispiel voran: In Kürze will sich der 46-Jährige den Darm spiegeln lassen und so für eine der laut Studien wirksamsten, aber zugleich unbeliebtesten Krebsvorsorgeuntersuchungen werben. Denn seit Jahren gilt: Von der Gefahr wissen die meisten Menschen.

Koloskopie ist eine der wirksamsten, aber zugleich auch unbeliebtesten Vorsorgeuntersuchungen – Was passiert, wenn ein Tumor festgestellt wird.
Koloskopie ist eine der wirksamsten, aber zugleich auch unbeliebtesten Vorsorgeuntersuchungen – Was passiert, wenn ein Tumor festgestellt wird.

Nur zur Vorsorge geht nur etwa jeder Fünfte der über 55-Jährigen. Darmkrebs löst bei vielen eine diffuse Angst aus, die sie das Thema gern verdrängen lässt. Fatal, sagen Experten. Laut Felix Burda Stiftung in München ist Darmkrebs der zweithäufigste bösartige Tumor bei Männern und Frauen. „Mehr als 60.000 Menschen erkranken jedes Jahr, und es sterben rund 30.000 Menschen an diesem Krebs im Jahr“, sagt Professor Richard Raedsch vom Berufsverband Deutscher Internisten. Ein Überblick über wichtige Fakten:

1 Die Risikogruppen: Rund 18 Prozent der Betroffenen haben laut Raedsch eine familiäre Vorbelastung. Ist also in der eigenen Familie ein Verwandter an Darmkrebs erkrankt, empfiehlt es sich besonders, in jungen Jahren an der Darmkrebsvorsorge teilzunehmen. „Ist ein leiblicher Verwandter erkrankt, sollte man zwischen 40 und 45 erstmals zur Darmspiegelung“, sagt der Gastroenterologe Prof. Jürgen Riemann von der Gastro-Liga. Denn dann ist laut Riemann das Darmkrebsrisiko doppelt so hoch – statt bei 6 Prozent liege es bei 12 Prozent. Ein erhöhtes Risiko haben auch Menschen, die unter einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa sowie Morbus Crohn leiden. Sie sollten sich an einen Gastroenterologen wenden. Das gilt auch für diejenigen, die unter Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen leiden. Menschen mit Diabetes Typ 2 haben ein dreimal höheres Risiko zu erkranken.

2 Risikofaktoren: Auch ein ungesunder Lebenswandel, Rauchen, zu viel Alkohol und Übergewicht – wirkt sich aus: Die Ernährung sollte ausgewogen sein, mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Seefisch und zwei Litern kalorienfreien Getränken am Tag. Raedsch rät zu mindestens 30 Gramm Ballaststoffen täglich, Alkohol sollte nur in Maßen genossen werden. „Regelmäßige Bewegung ist wichtig“, ergänzt Prof. Wolff Schmiegel, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Sport beugt viele Krebsarten vor. Das Risiko an Darmkrebs zu erkranken liegt laut Deutschem Krebsforschungszentrum bei sportlich aktiven Menschen 20 bis 30 Prozent niedriger als bei denen, die sich kaum bewegen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche.

3 Die Vorsorge: Ab dem 50. Lebensjahr kümmert man sich am besten Kassen übernehmen jährlich einen Okkultbluttest, der verstecktes Blut im Stuhl aufspüren soll, sowie die Austastung des Mastdarms. „Ist der Test negativ, heißt das allerdings nicht, dass alles in Ordnung ist“, erklärt Raedsch. „Ebenso wenig bedeutet Blut im Stuhl automatisch Krebs.“

Ab dem 55. Lebensjahr zahlen die Kassen eine Darmspiegelung. „Der Patient sollte die Vorbereitung gewissenhaft durchführen, damit der Darm möglichst sauber ist“, rät Schmiegel. Denn nur so kann der Arzt die Darmoberfläche gut sehen. Daher putzt der Patient vor der Koloskopie mit abführenden Mittel den Darm frei. Direkt der Darmspiegelung wird der Patient in einen Dämmerschlaf versetzt. Von der Untersuchung bekommt er nichts mit. Der Arzt sucht mit einem Endoskop Dick- und Mastdarm nach Veränderungen ab, zum Beispiel nach Polypen, pilzförmige Wucherungen. Etwa 10 Prozent der Bevölkerung haben Polypen im Darm. Mit steigendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, Darmpolypen zu haben. Das sind zunächst gutartige Wucherungen der Schleimhaut im Darm. Doch je größer sie werden, desto höher die Gefahr, dass eine Fehlbildung entsteht, Krebszellen wuchern und zu einem bösartigen Tumor werden. Bis ein Darmpolyp zum kolorektalen Karzinom entartet, kann es zehn Jahre dauern.

Laut Riemann ist eine Darmspiegelung sehr zuverlässig: „Es werden zwischen 96 und 98 Prozent der Veränderungen erkannt.“ Weniger zuverlässig, aber angenehmer für den Patienten ist der Stuhltest. Je nach Test werden laut Riemann zwischen 30 und 40 Prozent der Tumore entdeckt. Patienten bekommen ein Test-Set und müssen an drei aufeinanderfolgenden Tagen eine Stuhlprobe abgeben. Bei einem positiven Befund folgt eine Darmspiegelung.

4 Die Chancen: Wer zur Vorsorge geht, bei dem kann ein Polyp noch als harmlose Wucherung entdeckt werden. „Jeder Polyp wird bei der Darmspiegelung entfernt und zur histologischen Untersuchung eingeschickt“, erklärt Professor Christian Trautwein von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Finden sich bei einem Polypen erste Veränderungen, ist abhängig von der Anzahl der gefundenen Polypen eine Kontrolle nach zwei oder drei Jahren notwendig. Ohne Polypenfund folgt die nächste Darmspiegelung nach zehn Jahren.

Werden Krebszellen im Polypen gefunden, die entarteten Zellen sind aber noch nicht tiefer in die Darmwand eingedrungen, stehen die Heilungschancen sehr gut. Das gilt häufig auch, wenn die Darmwand schon stärker angegriffen ist. Der Chirurg entfernt den Tumor, einen Teil des Darms sowie Lymphknoten. Abhängig vom Stadium der Erkrankung ist mitunter eine Chemotherapie nötig, um die Heilungschancen zu erhöhen.

5 Die Operation: Wenn Darmkrebs im frühen Stadium festgestellt wird, steht in der Regel eine Operation an. Frühes Stadium bedeutet, dass der Krebs noch nicht in andere Organe gestreut hat. Der Darmkrebs ist in diesem Fall oft heilbar. Bei dem Eingriff werden der betroffene Darmabschnitt sowie umliegendes gesundes Gewebe entfernt. Je nachdem, ob sich der Tumor im Dick- oder Enddarm befindet und wie weit fortgeschritten der Krebs ist, kommen unter Umständen Chemotherapie sowie Bestrahlung infrage. In einigen Fällen benötigen Patienten nach dem Eingriff einen künstlichen Darmausgang (Stoma) – dauerhaft oder vorübergehend. Vielen Betroffenen können nach einiger Zeit wieder reisen, Sport treiben und arbeiten.

6 Probleme: Auch wenn der Schließmuskel erhalten bleibt, kann es sein, dass Patienten nach der Operation Probleme mit dem Stuhlgang haben. Die Experten raten hier zu Geduld: Es kann Monate oder sogar Jahre dauern, bis sich die Beschwerden bessern. Helfen können Beckenbodentraining oder Krankengymnastik. Auch die seelische Belastung während oder nach einer Darmkrebserkrankung kann enorm sein. Betroffene sollten ihre Ärzte darauf ansprechen und psychoonkologische Hilfe der Krebsgesellschaft in Anspruch nehmen. Trautwein rät, sich an die zertifizierten Darmzentren oder Comprehensive Cancer Center in Deutschland zu wenden. „Sie sind qualitätskontrolliert, die Ärzte sehr erfahren beim Darmkrebs, und mehrere Fachdisziplinen arbeiten zusammen.“ Außerdem sollte man eine zweite Meinung einholen.

In vielen Fällen müsste es nicht erst so weit kommen. Wenn da nicht die Angst vor der Darmspiegelung wäre. Doch Schmiegel beruhigt: „Der Patient merkt nichts, und auch das Abführen die Tage vorher ist verbessert worden.“ Wenn dies davor bewahren könnte, an Darmkrebs zu erkranken – ist das nicht einen Tag in der Nähe der Toilette wert? ck/dpa

Diese vier Mediziner beantworten Ihre Fragen

Am Mittwoch beantworten wieder vier Spezialisten bei einer Telefonaktion der Rhein-Zeitung die Fragen unserer Leser. Geschaltet sind die Telefone von 14 bis 16 Uhr. Rede und Antwort stehen diesmal die folgenden Ärzte:

Prof. Dr. Samir Said, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Koblenzer Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein/Evangelischer Stift, erreichen Sie unter der Telefonnummer:

0261/892-291

Dr. Jens Dommermuth, Facharzt für innere Medizin und Gastroenterologie in Koblenz, erreichen Sie unter der Telefonnummer:

0261/892-292

Dr. Christian René de Mas, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie, Marienhaus-Klinikum St. Elisabeth Neuwied, erreichen Sie nur von 15 bis 16 Uhr unter der folgenden Telefonnummer:

0261/892-293

PD Dr. Christoph Thilmann, Praxis für Strahlentherapie in Neuwied, erreichen Sie unter der folgenden Telefonnummer:

0261/892-294

Immer weniger Darmkrebsfälle im Land

61010 Menschen in Deutschland sind im Jahr 2014 an Darmkrebs erkrankt, darunter 32.120 Männer und 27.890 Frauen. Es ist damit bei beiden Geschlechtern die zweithäufigste Krebserkrankung, nach Prostatakrebs bei den Männern und Brustkrebs bei den Frauen.

2931 Rheinland-Pfälzer sind im Jahr 2013 an Darmkrebs erkrankt, darunter 1581 Männer und 1350 Frauen. Die Erkrankungsrate sinkt seit Jahren.

40 Prozent weniger Darmkrebsfälle gibt es in Rheinland-Pfalz seit Einführung der Krebsfrüherkennung 2002 deutlich zurückgegangen – um 40 Prozent. Bundesweit nahm die Zahl im gleichen Zeitraum um 26 Prozent ab.

1254 Rheinland-Pfälzer starben im Jahr 2013 an Darmkrebs, darunter waren 662 Männer und 592 Frauen.

Quellen: Krebsregister Rheinland-Pfalz, Robert Koch-Institut

Rheinland-Pfalz
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