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    Crashkurs von Mainzer Historiker: Gefährdet die Demokratie den Kapitalismus?

    Schaffen Frauenquoten eine neue Ungleichheit? Und ist die Demokratie womöglich eine Gefahr für den Kapitalismus? Der Mainzer Historiker Prof. Dr. Andreas Rödder nimmt in seinem Buch "21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart" ungewohnte Perspektiven ein. Wir sprachen mit ihm über Digitalisierung, Neoliberalismus, Gleichberechtigung und die Frage, ob unser westliches Modell für andere Weltregionen taugt.

    Foto: privat

    In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich auch mit der Digitalisierung. Haben Sie auch manchmal Angst, abgehängt zu werden?

    Diese Angst haben die Zeitgenossen vor 100 Jahren auch schon gehabt. Was heute die Algorithmen sind, war früher die Elektrizität. Damals war von elektrischer Schnelle die Rede. Man fürchtete, die Entwicklung nicht mehr beherrschen zu können. Massive Beschleunigung verunsichert uns. Im 19. Jahrhundert hatten die Menschen sogar mal die Befürchtung, dass ihre Kinder der Lesesucht verfallen. Vielleicht klagten schon Steinzeitmenschen über Reizüberflutung durch Höhlenmalereien.

    Eigentlich haben wir uns ja durch neue Technologien viel Zeit freigeschaufelt. Nutzen wir die denn?

    Das ist eines der Paradoxa der Moderne. Einerseits haben die Menschen mehr Zeit. Nehmen Sie die Waschmaschine. Sie hat den Waschtag ersetzt. Trotzdem meinen wir, immer weniger Zeit zu haben. Denn wir brauchen mehr Zeit, weil wir immer mehr waschen.

    Herr Rödder, Ihre vielleicht provokanteste These lautet, dass die Demokratie den Kapitalismus gefährdet. Was meinen Sie damit?

    Ich will damit sagen, dass man es sich zu einfach macht, wenn man immer nur davon spricht, der Kapitalismus würde die Demokratie bedrohen. Die Finanzkrise von 2008 ist nicht nur von ungeregelten Finanzmärkten und gierigen Bankern ausgegangen, sondern auch von staatlichen Einflussnahmen. Es waren die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank Fed oder das staatliche Programm zur Unterstützung von Hypotheken, die dazu beigetragen haben, eine enorme Blase zu erzeugen. Wir erleben hier eine Allianz von kreditsüchtigen Staaten und renditehungrigen Banken.

    Was die Frage aufwirft: Wer kontrolliert eigentlich wen? Lassen sich die Märkte überhaupt noch vom Staat Fesseln anlegen?

    Der Staat kann der Wirtschaft so viele Fesseln anlegen, dass er sie erdrosselt. Das ist auch 2015 noch möglich. Die Frage ist nur, ob das klug ist. Stattdessen muss man die richtige Balance zwischen einem entfesselten Kapitalismus und einem überregulierten Markt finden, in dem Wohlstand verloren geht. Die Erkenntnis des 20. Jahrhunderts ist, dass keines unserer großen Modelle zur Steuerung der Wirtschaft funktioniert. Der Keynesianismus, der glaubte, die Wirtschaft mit staatlichen Eingriffen zu lenken, ist in den 70er-Jahren gescheitert. Und der Neoliberalismus, der die Vorstellung hatte, dass unregulierte Märkte zu einem harmonischen Zustand führen, hat auch nicht funktioniert.

    Ist der Neoliberalismus nicht gerade das Grundübel unserer Zeit?

    Nein, das Grundübel sind nicht die Deregulierungen der Finanzmärkte in den 80er-Jahren. Im Gegenteil. Er war zunächst sogar sehr erfolgreich, und zwar in einem Punkt, den man meist übersieht - im enormen Rückgang globaler Armut. Der Anteil der Bevölkerung in den Entwicklungs- und Schwellenländern, die weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung haben, ist zwischen 1990 und 2011 etwa um die Hälfte zurückgegangen, insbesondere in Asien. Das Problem lag daran, dass man in den 90er-Jahren nicht gegengesteuert hat, als man vor allem in den USA merkte, dass sich die Märkte zu verselbstständigen drohen.

    Da kommen wir zu einer weiteren These Ihres Buches, dass Ideen immer dann schädlich werden, wenn sie sich von der Realität lösen.

    Das ist meine zentrale These. Das erleben wir auch auf anderen Ebenen, von der Europäischen Währungsunion bis zur Rechtschreibreform. Und es gilt auch für die Gleichstellungspolitik und die aktuelle Flüchtlingskrise.

    Was bedeutet das konkret am Beispiel der Gleichberechtigung aller Bevölkerungsgruppen?

    Haben Sie bemerkt, dass wir den Begriff der "Gleichberechtigung" durch den Begriff der "Gleichstellung" ersetzt haben? Die Idee, Benachteiligungen auszugleichen, hat sich mit der Vorstellung verbunden, dass der Staat bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse selbst gestaltet. Durch die Frauenquote für Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen etwa erhält eine kinderlose Industriellentochter aus München-Bogenhausen den Vorzug vor einem mehrfachen Familienvater mit Migrationshintergrund aus Berlin-Neukölln. Ein anderes Beispiel: Homosexuelle leben in Deutschland heute besser als vor 30 Jahren - und das ist gut so. Eine Mutter, die ihre Kinder zu Hause erzieht und nicht erwerbstätig ist, findet sich hingegen am Rand des öffentlichen Diskurses wieder - die Bundesfamilienministerin sagt ihr, dass sie ihre Lebensform problematisch findet. Jede Gleichstellung schafft neue Ungleichheiten, jede Inklusion schafft neue Exklusion.

    Der Westen geht ja dennoch mit seinem Gesellschaftsmodell weltweit hausieren. Kann man der arabischen Welt etwa die Demokratie einfach so überstülpen?

    Da bin ich sehr skeptisch. Die westliche Lebensform - Rechtsstaat und Demokratie, individuelle Freiheit und Pluralismus - ist ein großartiges Projekt. Als globale Mission aber wird sie scheitern. Asiatische Länder haben die technologische Modernisierung und die ökonomische Freiheit des Westens übernommen, aber sie wollen ihre eigene Gesellschaftsform und Kultur bewahren. Problematisch ist natürlich die Frage der Menschenrechte. Es gibt ein internationales Übereinkommen, gegen elementare Menschenrechtsverletzungen vorzugehen. Viel mehr ist einstweilen nicht realistisch.

    Das Interview führte Dirk Eberz


    Andreas Rödder: "21.0: Eine kurze Geschichte der Gegenwart", erschienen im Beck-Verlag, 494 Seiten, 24,96 Euro

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