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    Kakamega/KeniaAufbau Afrika: Bescheidene Bilanz der Entwicklungshilfe - Und ein neuer Versuch

    17 Prozent der Weltbevölkerung leben in Afrika, 3 Prozent trägt der Kontinent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Die Entwicklungshilfe hat eine bescheidene Bilanz. Jetzt startet man einen neuen Versuch. Kann das klappen?

    Der Mugumo ist ein geheimnisvoller Baum. Er soll Wundersames bewirken, erzählen sich die Menschen in Kenia. Wer es etwa wage, siebenmal den dicken Feigenbaum zu umkreisen, dem kann es geschehen, dass er sich plötzlich von einem Mann in eine Frau, von einer Frau in einen Mann verwandelt sieht. Der Mugumo-Baum kann allerdings auch Profaneres. Wenn er seine Blätter verliert und grüne Triebe aus den Ästen sprießen, dann wissen die Bauern, dass der Regen nicht mehr lange auf sich warten lässt.

    Das erzählt Rosemary Atieno Siaya an einem wolkenverhangenen Tag in Kakamega gut 60 Kilometer nördlich des Victoriasees in Kenia. Doch die Mugumo-Bäume sind verschwunden, sagt Rosemary. Geschlagen von Holzfällern und Bauunternehmen.

    Neues Afrika: Kleinbäuerin Rosemary Atieno Siaya lässt sich die Wetterdaten nun aufs Handy schicken.
    Neues Afrika: Kleinbäuerin Rosemary Atieno Siaya lässt sich die Wetterdaten nun aufs Handy schicken.
    Foto: Thomas Imo/GIZ

    Rosemary hält auf ihrem Hof zwei Kühe, auf dem Acker wachsen Kartoffeln und ein wenig Mais. Zwei Kinder müssen davon satt werden. Sie braucht den Regen wie sonst nur wenig in ihrem Leben. Aber es fällt ihr immer schwerer, das Wetter einzuschätzen. Es hat sich vieles verändert in den vergangenen Jahren, sagen die Bauern in Kakamega. Die Regenzeiten beginnen immer später im Jahr, und wenn es regnet, ist der Niederschlag längst nicht mehr so ergiebig wie einst.

    Es gibt nicht EINE Lösung, EINEN Weg, EINEN Plan, um auf die Herausforderungen des afrikanischen Kontinents zu reagieren.

    Zitat aus dem Marshallplan mit Afrika

    Es ist eine gute Zeit, um diese Geschichte zu erzählen. Denn gerade blickt die halbe Welt auf Afrika. Der G 20-Gipfel in Hamburg hat den Kontinent zum Schwerpunkt. Das hat vermutlich viel damit zu tun, dass die vergangenen Jahre gezeigt haben, wie die Krisen dieser Welt auch früher oder später auf Europa zurückfallen. Über das Mittelmeer machen sich immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa. Es gibt kaum einen Außenpolitiker, der in Zeiten der Flüchtlingskrise nicht beschwor, man müsse dringend die Situation in den Herkunftsländern verbessern. Entwicklungshilfe hat heute viel mit Migrationspolitik zu tun.

    Wieder einmal soll auch deshalb die Entwicklungszusammenarbeit neu justiert werden. Anfang des Jahres präsentierte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in Kenia einen Aufbauplan für Afrika. Es wurde erwartungsgemäß schnell Kritik laut, die sich nicht nur am symbolträchtigen Begriff „Marshallplan“ festmachte. Afrikanische Ökonomen kritisierten die fehlende Differenzierung innerhalb Afrikas – schließlich benötige ein Land wie der Sudan ein anderes Konzept als Südafrika, andere bemängelten die zu sehr auf europäische Interessen ausgerichteten Inhalte und mancher fragte sich, weshalb Europa wieder einmal bestimmen will, was für Afrika gut oder schlecht sei. Tatsächlich bedeutet Müllers Marshallplan keine Zeitenwende, aber er gibt einen recht guten Eindruck davon, wie sich die Perspektiven der Entwicklungszusammenarbeit inzwischen verändert haben.

    Chancen und Wachstum für afrikanische Staaten: Lässt sich der deutsche Mittelstand animieren, mehr zu investieren?
    Chancen und Wachstum für afrikanische Staaten: Lässt sich der deutsche Mittelstand animieren, mehr zu investieren?
    Foto: Thomas Imo/GIZ

    Dazu muss man sich in Erinnerung rufen: Europas Zusammenarbeit mit Afrika war bisher meist eine Aneinanderreihung von Missverständnissen und Enttäuschungen. In den 60er- und 70er-Jahren wurden Milliarden in Staudämme, Fabriken und Infrastrukturprojekte gesteckt – und den Regierungen zur freundlichen Nutzung übergeben. Vieles von dem Geld kam nicht dort an, wo es gebraucht wurde. Später hieß das Motto Hilfe zur Selbsthilfe. Aber auch diese Projekte brachten die Entwicklung des Kontinents nicht wirklich voran. Die afrikanischen Staaten tragen heute gerade 3 Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt aber bei fast 17 Prozent. Von den 20 Staaten mit der höchsten Kindersterblichkeitsrate liegen 19 in Afrika. Viele Staaten leben tatsächlich ganz gut davon, dass Nichtregierungsorganisationen Schulen und Brunnen finanzierten. Kritiker wie der kenianische Publizist James Shikwati fordern deshalb seit Jahren einen harten Ausstieg aus der Entwicklungshilfe. Die Finanzhilfen würden die Länder nur abhängiger und träge machen und am Ende daran hindern, eine eigene Industrie aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Für dringlicher halten die Skeptiker etwa eine fairere Handelspolitik der EU, die nicht mehr eigene Bauern mit Subventionen unterstützt und damit lokale afrikanische Märkte in ihrer Entwicklung bremst.

    Entwicklungsminister Müller sprach bei der Präsentation in Kenia in der Tat nur wenig von Hunger und Armut, aber viel von Chancen und Wachstum. Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist in den Mittelpunkt gerückt. Die ideale Zusammenarbeit dürfte in Müllers Vorstellung wohl so aussehen: Mittelständische Unternehmen beider Seiten treffen sich und schließen Geschäfte ab, von denen beide Volkswirtschaften profitieren. Die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft soll durch Ausbildung und Beratung wachsen. Die Regierungen, die sich an rechtsstaatliche Regeln halten, werden zudem belohnt, Potentaten sollen hingegen leer ausgehen. Das deutsche Finanzministerium hat zudem im März mit der Ankündigung des Projektes der sogenannten Compact-Partnerschaften nachgelegt. Die Regierung will so Investitionen über Partnerschaften fördern.

    Brunnen und Häuser bauen - das können die Kenianer selbst.

    Hendrik Linneweber, Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit

    Wo es hingehen soll, kann man schon jetzt im Kleinen bei Rosemary beobachten. Sie besucht gerade eine Fortbildung am Bukura Agricultural Centre in Kakamega. Früher hätte eine Organisation das Zentrum, in dem Kleinbauern wie Rosemary ausgebildet werden, vermutlich selbst gebaut – und sich später gewundert, dass die Einrichtung wenig nachhaltig war und kaum genutzt wird, weil die Lehrer fehlen. Heute ist ein Zentrum wie dieses in staatlicher Hand und wird mit Expertenwissen aus Deutschland unterstützt. So werden Kleinbauern unterrichtet, wie sie auch in Trockenzeiten besser leben können, weil sie etwa Kartoffelsorten anbauen, die widerstandsfähiger und vitaminreicher sind als die herkömmlichen, oder wie sie neue Silagetechniken anwenden können und den Umgang mit Biogasanlagen erlernen. Bauern sollen so ihr Einkommen aufbessern, damit sie etwa in Dürreperioden den steigenden Preisen nicht gänzlich ausgeliefert sind.

    Rosemary hat hier gelernt, wie sie Saat und Ernte besser auf das erwartete Wetter abstimmen kann. Sie hält ihr altes Nokia-Handy in der Hand und zeigt auf das zersprungene Plastik des Displays. Dann liest sie die SMS vor, die sie heute am frühen Morgen erhalten hat. Die SMS stammt vom staatlichen Wetterdienst des Landes. Sie hat hier auch gelernt, die Zahlen und Daten zu analysieren. Die SMS sagt, dass der Tag Regen bringen wird. Und später sogar Gewitter. „Um 4 Uhr am Nachmittag wird es regnen“, sagt sie ohne jeglichen Zweifel. Als sie die SMS am Morgen las, holte sie ihre Bohnen von draußen, damit sie nicht feucht und schimmelig werden, und breitete sie an einem trockenen Platz in ihrer Hütte aus.

    Rosemarys Einsatz mit dem Handy ist symptomatisch für eine Entwicklung, die durchaus Hoffnung macht. Der Mobilfunk hat in Afrika das Leben von Millionen Menschen verändert. Der Kontinent hat die Entwicklungsphase des Festnetztelefons übersprungen, bis in die entferntesten Winkel des Landes dehnt sich heute das Mobilfunknetz aus. Fast die Hälfte der Kenianer nutzen das Handy zum bargeldlosen Bezahlen und somit oft auch als Konto. Durch das Geldtransfersystem M-Pesa sollen bereits mehr als 40 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes fließen, schreibt das Magazin des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Es ist eine beispiellose Entwicklung, die einen Gedanken nährt: Ist eine ähnlich rasante Entwicklung auch im Digitalbereich oder Energiesektor möglich? Wenn die afrikanische Bevölkerung sich bis zum Jahr 2050 tatsächlich verdoppelt haben wird, so birgt das viele Risiken, es entstehen aber auch große Märkte.

    Rund 350 Kilometer weiter östlich vom Victoriasee sitzt Hendrik Linneweber im Landesbüro der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Nairobi. Die GIZ ist Deutschlands staatliche Entwicklungshilfeorganisation, die vor sechs Jahren aus dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) der GTZ und Inwent hervorging. Die GIZ betreut eine Vielzahl von Projekten in Kenia, die längst nur mehr wenig mit der klassischen Entwicklungshilfe gemein haben. „Brunnen und Häuser bauen – das können die Kenianer selbst“, sagt Linneweber. Die GIZ findet ihre Partner immer häufiger in der Privatwirtschaft. Für Linneweber ist Kenia ein Beispiel für das Potenzial, das in diesem Kontinent steckt. „Das Land fährt wirtschaftlich auf der Erfolgsspur“, schwärmt er. „Und es bietet dabei mit einer neuen Verfassung aus dem Jahr 2010 auch noch Rechtssicherheit.“ Das sind die Sätze, die Investoren hören wollen. Nur 3 Prozent der Direktinvestitionen aus dem Ausland kamen in den vergangenen zehn Jahren aus Deutschland. Künftig, so hoffen viele, soll auch der Mittelstand in Deutschland stärker animiert werden, den Kontinent nicht ganz den chinesischen Investoren zu überlassen. Noch ist die unsichere Rechtslage oftmals Grund dafür, dass sich viele deutsche Konzerne schwer mit einem Engagement in afrikanischen Ländern tun. Dazu kommt die weiterhin verbreitete Korruption. Kenia belegt im Korruptionsindex den 145. Platz – von 176 Ländern.

    Die Eigenverantwortung der afrikanischen Staaten muss gestärkt, die Zeit der Entwicklungshilfe und die Zeit von Geber und Nehmer abgelöst werden.

    Mit dem Marshallplan soll ein neuer Weg beschritten werden.

    Was den Entwicklungshelfern zugute kommt, sind ehrgeizige Ziele, die sich Kenia selbst gesteckt hat. Mit der „Vision 2030“ will Kenia in den nächsten 13 Jahren „eine weltweit wettbewerbsfähige und wohlhabende Nation mit hoher Lebensqualität schaffen“. Das Bruttoinlandsprodukts soll jährlich um durchschnittlich 10 Prozent steigen, Hindernisse für ausländische Investoren abgebaut werden. Nicht weniger ambitioniert ist ein zweites Programm: Bis zum Jahr 2020 hat nun Kenias Regierung angekündigt, das ganze Land mit Strom zu versorgen. Bisher ist noch fast jeder zweite Haushalt ohne Strom.

    Hunderte Kilometer weiter westlich, im Naturschutzgebiet Masai Mara, kann man schon erkennen, wie die Zukunft aussehen könnte. Der halbstaatliche Stromanbieter hatte kein Interesse daran, den 1500-Einwohner-Ort Talek an die nationale Stromversorgung anzuschließen. GIZ und Förderbank KfW haben den Aufbau einer 50-Kilowatt-Solar-Hybrid-Anlage unterstützt, betrieben wird sie von einem privaten Anbieter. Diese sogenannte Insellösung erlaubt es, den Strom unabhängig von großen Stromtrassen zu betreiben. Früher kam der Strom von Dieselgeneratoren, jetzt kann sich das Dorf selbst mit Strom versorgen – und wieder spielt dabei der Mobilfunk eine zentrale Rolle.

    Der Apotheker Joshua Saitoti zeigt in seinem kleinen Laden, wie das geht. Immer dann, wenn er Energie benötigt, bestellt er über M-Pesa ein neues Stromguthaben. So kann er spezielle Medikamente kühlen oder abends einfach nur das Licht einschalten und so sein Geschäft einige Stunden länger geöffnet halten. Und wie die meisten hat er auch selbst daraus wieder ein Geschäft gemacht.

    Apotheker Joshua Saitoti nutzt seit Kurzem Solarstrom.
    Apotheker Joshua Saitoti nutzt seit Kurzem Solarstrom.
    Foto: Thomas Imo/GIZ

    Saitoti verkauft den Strom wieder weiter, in dem seine Kunden ihr Handy in seiner Apotheke gegen eine Gebühr aufladen können. Die Zahlen lassen sich nicht überprüfen, aber die GIZ spricht davon, dass mehr als 100 Arbeitsplätze durch den Strom entstanden sind und knapp 40 neue Geschäfte eröffnet wurden. Es soll nur ein Anfang sein. Rund 20 weitere dezentrale Dorfstromanlagen plant der private kenianische Betreiber bereits. Es klingt wieder einmal nach einer großen Hoffnung. Aber es wäre ja nicht das erste Mal. 

    RZ-Redakteur Dietmar Telser hat sich nach Kenia aufgemacht. Die Recherchereise wurde von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit unterstützt.
     
     
     

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