Archivierter Artikel vom 24.07.2021, 15:00 Uhr
Ahrtal

„Schlimmer als Krieg“: Notarzt Dennis Ritter hat mit Sanitätskollegen in der Ahrtal-Flutnacht fast 150 Menschen gerettet

Er war einer der ersten Soldaten, die in der Nacht des 14. Juli 2021 mit Bundeswehrfahrzeugen ins Katastrophengebiet im Ahrtal fuhren: Dr. Dennis Ritter, leitender Oberarzt im Bundeswehrzentralkrankenhaus (BWZK) in Koblenz. Im Gespräch mit unserer Zeitung hat der 47-Jährige uns von den Stunden erzählt, als er und seine Kameraden fast 150 von den reißenden Fluten eingekesselten Menschen in Ahrweiler und Dernau das Leben retteten. Unser Redakteur Christian Kunst hat die Erinnerungen des Notarztes an die Nacht, als die Flut kam, dokumentiert:

Von Christian Kunst

In Bad Neuenahr-Ahrweiler begannen Dr. Dennis Ritter und seine Kameraden ihren Rettungseinsatz, am Morgen hatten sie sich ins überflutete Dernau vorgekämpft.
In Bad Neuenahr-Ahrweiler begannen Dr. Dennis Ritter und seine Kameraden ihren Rettungseinsatz, am Morgen hatten sie sich ins überflutete Dernau vorgekämpft.
Foto: Dr. Dennis Ritter

Am 14. Juli war ich zu Hause, hatte Feierabend, als mich der Wachleiter des Rettungszentrums im Bundeswehrzentralkrankenhaus um kurz vor 22 Uhr anrief. Er sei von der zivilen Rettungsdienstleitstelle in Koblenz gefragt worden, ob wir zusätzliche Fahrzeuge für eine beginnende Großschadenslage in Bad Neuenahr-Ahrweiler in Dienst stellen können. Der Wachleiter erzählte mir, dass über den normalen Rettungsdienstfunk immer wieder zu hören sei: „Straße kann nicht befahren werden. Hochwasser hier. Kommen nicht durch.“ Die Hochwasserlage spitzte sich zu. Es gehe jetzt darum, sagte mir der Stabsfeldwebel, größere Verbände zusammenzuziehen im Bereitstellungsraum Heerstraße in Bad Neuenahr – dort, wo früher die Kaserne war. Als ich das gehört habe, war mir klar, dass wir dort mit normalen Rettungswagen auf keinen Fall weiterkommen. Wir brauchten für so etwas geländegängige, watfähige Fahrzeuge, zum Beispiel Unimogs, die in ein 1,20 Meter tiefes Gewässer fahren können.

Ich habe kurzerhand beim Führungsbereich des Sanitätsregiments 2 in Koblenz, dem Kommandeur Oberfeldarzt Dr. Markus Widoniak, geländefähiges Gerät angefragt. Beim Ausbildungs- und Simulationszentrum, das ebenfalls Teil unseres Sanregiments ist, habe ich um weitere Fahrzeuge gebeten. Dann habe ich erst mal das Landeskommando über die Lage in Kenntnis gesetzt. Da war der spätere Gefechtsstand in Mainz noch gar nicht besetzt. Daher habe ich dort darum gebeten – damit alles seinen offiziellen Gang geht und wir versicherungstechnisch abgesichert sind –, dass man beim Kommando Territoriale Aufgaben in Berlin direkt Hilfeleistungsanfragen stellt. Wir dürfen ja nicht einfach Truppen im Inland losschicken.

Zwei Unimogs sind nach Trier-Saarburg in Marsch gesetzt worden, weil es von dort auch eine Anfrage gab. Nach Ahrweiler sind wir um 23 Uhr aufgebrochen, mit drei Unimogs, einem Eagle IV – ein nicht so watfähiges, aber dafür gepanzertes Fahrzeug –, einem Intensivtransportwagen, einem Notarzt- und einem Rettungswagen sowie einem Führungsfahrzeug. Wir waren 17 Kameraden, vom Rettungs- bis hin zum Notfallsanitäter, sogar ein Intensivpfleger und ein Notarzt waren dabei.

Dr. Dennis Ritter
Dr. Dennis Ritter

Ich bin mit den zivilen Notarztwagen vorausgefahren, um schon mal mit der Einsatzleitung zu besprechen, wo unsere geländegängigen Fahrzeuge gebraucht werden. Die kamen eine Dreiviertelstunde später gegen Mitternacht in der Heerstraße an. Doch die Einsatzzentrale musste bereits dann wegen steigenden Hochwassers wieder aufgegeben werden. Der größte Teil der Rettungskräfte ist dann zur Firma Haribo in der Grafschaft umgezogen. Wir sind unten geblieben und haben Teile der Ausrüstung wie Notfallrucksäcke, Medikamente, Defibrillatoren der zivilen Rettungswagen auf die Unimogs verteilt, damit wir eine vollständige Notfallausrüstung auf den geländegängigen Wagen haben.

In Ahrweiler haben wir vom Kreisfeuerwehrinspekteur den Auftrag bekommen, das Hotel „Lindenmühle“ in der Straße „Am Mühlenteich“ zu evakuieren, in dem 20 Menschen eingeschlossen waren. Dorthin sind wir dann mit vier Fahrzeugen aufgebrochen. Eines wurde gleich abgefischt, weil es auf dem Weg eine Notlage mit einem Säugling gab. Auf dem Weg zum Hotel fuhren wir durch Straßen, in denen viele Menschen vor den Häusern standen. Die meisten hatten nichts an ihren Füßen. Die Menschen waren offenbar von der Flut aus dem Schlaf gerissen worden und sofort in die höheren Straßen ins Trockene geflohen. Wir haben in dieser Nacht viele Menschen ohne Schuhe gesehen.

Gegen halb eins erreichten wir das Hotel. Dort konnten auch Boote nichts mehr ausrichten, weil die Strömung und die mitgerissenen Gegenstände zu stark waren. Das war irre. Ich habe mit dem Unimog schon so einiges im Gelände erlebt. Aber dort haben wir gegen wahnsinnige Kräfte gekämpft. Die Reifen des Unimogs ließen sich im Stand nicht drehen. Das Fahrzeug musste in Bewegung bleiben, weil so viel Druck und Kraft auf das Auto wirkten. Und immer wieder prallten Gegenstände gegen das Fahrzeug.

Dann entdeckten wir den Hotelier und haben uns kurz verständigt. Wir sind mit einem Unimog ins tiefe Wasser unter einen Balkon gefahren, damit die Menschen, die sich in die erste Etage gerettet hatten, so auf das Dach des Fahrzeugs klettern konnten. Dort haben sie zwei Feldwebel in Empfang genommen. Ich bin mit meinem Fahrzeug rückwärts herangefahren. Dann konnten die Menschen in die Patientenkabine des Unimogs gelangen, wo wir sie versorgen konnten. Beim ersten Schwung hatten wir 14 Menschen in der Kabine.

Wir haben sie nur ein paar Straßen höher zu einer Baustelle gefahren, wo es ein Dixi-Klo gab. Sie in die Grafschaft zu bringen, hätte viel zu lange gedauert. Wir mussten doch schnell zurück, weil das Wasser stieg und die Menschen im Hotel in Gefahr waren. Außerdem wollten wir auch die Menschen aus den anderen Häusern in der Straße retten. Schließlich war vor ihren Türen ein reißendes Gewässer. Wir sind dann nach und nach an die Balkone der Häuser gefahren. Das wurde immer riskanter. Im weiteren Straßenverlauf haben wir einen Menschen draußen auf einem Mühlrad sitzen sehen. Der saß da seit drei Stunden und war total durchnässt. Weil das Wasser schon so tief war, sind wir nicht mehr nah genug an ihn herangekommen. Wir haben dann eine Schaufeltrage genommen, die wir als Brücke genutzt haben. Darüber konnte er zu uns rüberkrabbeln. An dieser Stelle hatte ich bereits Wasser vorn im Fahrerhaus und hinten in der Patientenkabine stehen – die Flut war schon zu hoch.

Insgesamt haben wir in dem Gebiet fast drei Stunden lang Leben gerettet. Wir haben sie nicht gezählt. Es dürften zwischen 40 und 60 gewesen sein. Sie wurden später alle mit einem Bus in die Grafschaft gebracht. Gegen 3 Uhr sahen wir dann, dass der Wasserpegel zu fallen begann. Das war schön.

Was tragisch war ... Ich bekam einen Anruf, ob wir auf der Straße noch näher an die Ahr fahren könnten. Dort würden in einem Haus zwei Menschen in einem Halbgeschoss auf Tischen stehen und ertrinken. Aber den Einsatz musste ich ablehnen. Ich musste sagen: „Ich kann da nicht hin. Ich muss hier jetzt aufhören. Ansonsten verliere ich das Auto.“ Und es wäre lebensgefährlich gewesen. Da hatten wir schon Informationen, dass es aufgrund der starken Strömung 16-Tonner der Feuerwehr weggerissen hatte.

Erst bei Tageslicht haben sie das ganze Ausmaß der Flutkatastrophe gesehen.
Erst bei Tageslicht haben sie das ganze Ausmaß der Flutkatastrophe gesehen.
Foto: Dr. Dennis Ritter

Man muss auch bedenken, dass wir teilweise sehr alte Herrschaften aus den Häusern gerettet haben. Die mussten waghalsig von ihren Dächern klettern, damit wir sie mit zwei Feldwebeln in unser Fahrzeug bugsieren konnten. Diese Menschen hatten panische Angst, haben sich zugleich aber wahnsinnig zusammengerissen. Wir haben den beiden nach Hilfe rufenden Menschen dann zurufen müssen, dass wir nicht zu ihnen kommen können. Wir haben durch das irre laute Geräusch des tosenden Wassers gerufen: „Warten Sie auf Hilfe! Das Wasser fällt.“ Wir konnten sie nicht mal sehen. Wir konnten doch nur so weit sehen, wie unsere Handscheinwerfer leuchteten. Was aus ihnen geworden ist? Wir wissen es nicht.

Zwei unserer Fahrzeuge wurden abkommandiert, um in Bad Neuenahr-Ahrweiler weitere Menschenleben zu retten. Ich bin dann auf der B 267 ins Ahrtal gefahren. Kurz hinter Ahrweiler war die Straße schon zu. Baumstämme, ein riesiges Geröllfeld mit Trümmerteilen. Dann haben wir versucht, über die Weinberge weiter nach Dernau zu kommen. Auf dem Weg wurde ich gebeten, mit meinem Unimog eine 84-Jährige zu retten, die vor sieben Wochen eine neue Hüfte bekommen hatte. Sie lebte mit ihrem gelähmten Sohn, Mitte 40 in einem Haus. Zwei Etagen. Ihr Sohn wog sicherlich 80 Kilo. Den hat sie aus dem Erdgeschoss, das komplett unter Wasser stand, mit Mühe und Not die Treppe hochgeschleppt. Sie hat es mit ihm bis zum Treppenabsatz geschafft, beide die Füße im Wasser. Dort haben sie die Nacht verbracht. Die Feuerwehr hat sie während der Hausdurchsuchungen am frühen Morgen entdeckt. Sie waren total unterkühlt. Ihnen ging es schlecht. Aber ihr Überlebenswille hat der Frau übermenschliche Kräfte verliehen. Wir haben sie eingepackt und in die Grafschaft gebracht. Es war 7 Uhr. Wir haben uns kurz gestärkt. Kaffee. Toilette. Zigarette.

Wir sind dann wieder runter ins Ahrtal. Über die Weinberge nach Dernau. Als wir am Kloster Marienthal rauskamen, war es taghell. Dort haben wir das erste Mal wirklich gesehen, wie die Flut gewütet hat. Am Fuße des Klosters, auf Höhe des Biergartens, konnten wir nicht mehr weiter. Da standen Trümmerfahrzeuge, da war Schlamm. Keine zehn Meter weiter floss die Ahr, fast 150, 200 Meter vom eigentlichen Ahrbett entfernt. Dann haben wir gesehen, dass Menschen in offenen Häusern standen, auf Dächern, teilweise die Dachpfannen weggeschlagen hatten, damit sie winken konnten. Da haben wir begonnen, das Ausmaß dieser Flut zu begreifen. Da lagen riesige Gastanks herum, Trümmerteile, Fahrzeuge waren übereinandergestapelt.

Unsere Kameraden waren mit dem zweiten Unimog schon früher nach Dernau gekommen. Sie hatten dort eine Patientensammelstelle an der Kirche eingerichtet. Dort war die Ahr nicht hingekommen. Es gab dort auch eine Versorgungsstelle: Einige Dernauer haben dort mit ihren Traktoren Lebensmittel hingebracht. Dort war auch die Feuerwehr aus Wirges. Keine Ahnung, wie es die dorthin geschafft haben. Die hatten glücklicherweise ein Boot dabei. Wir haben dann mit dem Unimog Trümmerfahrzeuge beiseitegeschoben, damit die Feuerwehrkameraden durchkamen. So konnten wir schon mal beginnen, Leute aus erreichbaren Häusern herauszuholen, die akut versorgt werden mussten. Der Jüngste war ein sieben Monate alter Säugling, der als Frühchen auf die Welt gekommen war. Die Älteste war eine bettlägerige 94-Jährige. Wir mussten sie auf die Höhe fahren, wo sie von Rettungswagen abgeholt wurden. Nur dort hatten wir Funk- und Telefonempfang. Von 7 bis 14 Uhr haben wir so mehr als 100 Leute aus Dernau in Sicherheit gebracht.

Schuttberge soweit das Auge reicht.
Schuttberge soweit das Auge reicht.
Foto: dpa

Wir haben auch Tote gesehen. Ja. In der Ahr. Und als sich der Fluss weiter zurückzog, auch in vielen Häusern. Es gab offene Knochenbrüche, Prellungen, Weichteilverletzungen. Und bei vielen geriet das Asthma völlig außer Kontrolle. Denn in der Luft war wegen der aufgerissenen Dieseltanks ein bestialischer Gestank.

Der Mann auf dem Mühlrad in Ahrweiler erzählte uns: „Ich wurde gewarnt, mein Auto wegzufahren. Als ich es abgestellt hatte und zu meinem Haus zurückkehrte, konnte ich die Tür nicht mehr öffnen, weil drinnen schon Wasser war. Dann habe ich gemerkt, dass mir das Wasser schon bis zu den Knien ging, und habe mich auf das Mühlrad gerettet.“ Viele berichteten uns, dass das Wasser in einer solchen Geschwindigkeit gestiegen und in die Häuser eingedrungen war, dass sie sich nur noch in die höheren Etagen retten konnten. Viele mussten rennen, manche auf die Dächer. Sie hatten Todesangst.

Ich war in acht Auslandseinsätzen. Kosovo, Afghanistan, zuletzt in Mali. Das ist nicht mit dem vergleichbar, was ich im Ahrtal gesehen habe. Das war schlimmer als im Krieg. Das hat es in Deutschland seit der Sturmflut von 1962 nicht gegeben. Die gesundheitliche Lage wird im Ahrtal in den nächsten Wochen extrem schwierig. Wir müssen verhindern, dass Infektionskrankheiten wie Cholera oder Hepatitis A ausbrechen.

Das Ahrtal ist am Freitag noch einmal zu mir zurückgekehrt: Ich hatte Dienst als leitender Notarzt im Bundeswehrzentralkrankenhaus. Am Nachmittag kam ein Bus mit 25 älteren Patienten aus dem Krankenhaus in Ahrweiler ins Bundeswehrzentralkrankenhaus. Das dortige Krankenhaus war durch eine Schlammlawine schwer beschädigt worden. Diese Menschen waren displaced persons. Es waren Entwurzelte, Menschen, die den Krieg noch als Kinder erlebt haben und jetzt das Gleiche noch einmal. Sie wirkten hoffnungslos, hatten kein Zuhause mehr. Man kann das fast nicht in Worte fassen. Diese Menschen bei uns aufnehmen zu können, ihnen Obdach, Sicherheit, Essen, Trinken, Zuwendung zu geben und ihre Dankbarkeit zu spüren, hat mich sehr berührt. Bis zu dem Freitag haben wir insgesamt 74 Patienten aus Ahrweiler aufgenommen. Am Abend bin ich nach Hause gefahren und habe geschlafen. Ein paar Tage nach der Flutkatastrophe waren wir in Lahnstein bei einem Freilufttheater. Da wurde gelacht, getrunken. Das war so seltsam, so surreal.

Ich war in acht Auslandseinsätzen. Kosovo, Afghanistan, zuletzt in Mali. Das ist nicht mit dem vergleichbar, was ich im Ahrtal gesehen habe.

Dr. Dennis Ritter

Die gesundheitliche Lage wird im Ahrtal in den nächsten Wochen extrem schwierig. Wir müssen verhindern, dass Infektionskrankheiten wie Cholera oder Hepatitis A ausbrechen.

Dr. Dennis Ritter