Archivierter Artikel vom 06.08.2021, 07:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz im Klimawandel: Wie Forstexperten die Baumbestände widerstandsfähiger machen wollen

Der Wald in Rheinland-Pfalz verändert sich mit dem Klimawandel. Experten sagen: Die Wälder der Zukunft müssen vielfältiger werden. Waldplaner in Rheinland-Pfalz setzen deshalb auch auf neue Baumarten: Dazu gehören zum Beispiel die Flaumeiche, die Baumhasel oder die Libanonzeder – also Baumarten, die mit Trockenheit besser umgehen können. „Wir wollen zunächst punktuell testen, wie sich diese Arten hier überhaupt verhalten“, sagt der oberste Forstplaner für Landesforsten Rheinland-Pfalz, Dirk Ueckermann, in Emmelshausen (Rhein-Hunsrück-Kreis). Heißt: Man muss schauen, wie sie mit Spätfrösten und der Sonneneinstrahlung, die anders einfällt als im Mittelmeerraum, umgehen.

Von Birgit Reichert
Der Wald in Rheinland-Pfalz verändert sich mit dem Klimawandel. Gewinner sind die Wärme liebende Eiche und Baumarten, die mit Trockenheit klarkommen. Beim Aufforsten ist deshalb Vielfalt das Gebot.
Der Wald in Rheinland-Pfalz verändert sich mit dem Klimawandel. Gewinner sind die Wärme liebende Eiche und Baumarten, die mit Trockenheit klarkommen. Beim Aufforsten ist deshalb Vielfalt das Gebot.
Foto: dpa

Auch andere heimische oder bewährte Baumarten, die wärmeangepasster sind, spielen eine größere Rolle: Dazu zählen der Spitzahorn, die Winter- und Sommerlinde, aber auch die Echte Walnuss und die Edelkastanie. Ganz klar: Der rheinland-pfälzische Wald, der in den vergangenen drei Hitze- und Dürrejahren gelitten hat, wird abwechslungsreicher. Weil er das muss. „Biodiversität ist wichtig. Je größer die Vielfalt der Baumarten auf der Fläche ist, desto anpassungsfähiger ist der Wald“, sagt Ueckermann.

„Der Klimawandel ist ganz offensichtlich. Das sehen wir an dem vermehrten Auftreten von Witterungsextremen und auch an den Ausfällen der Bäume.“ Wie schnell das weitergeht, weiß auch der Experte nicht. Um den Wald für die Zukunft aufzubauen, müsse man vorrangig auf die Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft setzen – also Buche und Eiche – plus Bäume, die ebenfalls „angepasster sein werden“, sagt der Leiter des Außendienstes der Forstplanung bei der Zentralstelle der Forstverwaltung.

„Wir werden somit immer mehr zu Laubbaum-geprägten Mischwäldern kommen.“ Konsequenz ist, dass der Nadelbaumanteil immer weiter abnimmt. Im Staatswald liegt er bei derzeit um die 40 Prozent. „Vor gar nicht langer Zeit waren es noch mehr als 50 Prozent.“ Der Rückgang vor allem der Fichtenbestände hängt Ueckermann zufolge mit den großen Windwürfen ab den 1990er-Jahren zusammen, aber auch einem „gewollten aktiven Umbau“ der großflächigen Fichtenwälder „in Laubwälder mit Nadelbaumanteilen“.

Denn: Die Fichte ist begehrtes Ziel von Borkenkäfern. Der Buchdrucker breitet sich seit Jahren in den geschwächten Bäumen aus. 2020 wurden die Schäden im Zusammenhang mit Borkenkäfern vom Umweltministerium auf 340 Millionen Euro beziffert. Wegen des Borkenkäferbefalls mussten fünf Millionen Kubikmeter Fichtenholz aus dem Wald abtransportiert werden.

Zunehmend breiten sich auch Tannenborkenkäfer aus, sagt der Referent für Waldschutz beim Landesbetrieb Landesforsten Rheinland-Pfalz, Tobias Stubenazy, in Trippstadt. Einen Schwerpunkt gibt es demnach an der Mosel nahe Trier – bis in die Höhen vom Hochwald. „Der Krummzähnige Tannenborkenkäfer steht dem Buchdrucker in nichts nach“, sagt Stubenazy. Und: Neu ist, dass Tannenborkenkäfer auch an Douglasien gehen. „Wenn auch bisher nur in Einzelfällen. Es ist aber ein neues Phänomen, das wir weiter beobachten.“ Das Wirtsspektrum der Arten erweitert sich.

Im Fokus der Waldschützer bei Landesforsten stehen rund 100 Krankheiten und Erreger, darunter Viren, Bakterien, Pilze. „Viele von ihnen gibt es schon lange in Rheinland-Pfalz. Durch den Klimawandel aber wird deren Etablierung und Ausbreitung begünstigt“, sagt Stubenazy. 2019 wurde ein digitales Waldschutz-Meldewesen eingeführt. Dort sieht man: Reviere melden immer mehr Krankheitsbefall. Im Jahr 2020 wurde eine Waldfläche von mehr als 40.000 Hektar gemeldet – mehr als die Hälfte ist als „bestandsbedrohend“ eingestuft worden. Die Meldungen seien von „praktisch überall aus Rheinland-Pfalz“ gekommen, sagt Stubenazy. Auch die Mistel ordnet er als „einen Gewinner des Klimawandels“ ein. Die Licht und Wärme liebende Pflanze, die dem Wirtsbaum Wasser und Mineralien entzieht, breitet sich zunehmend aus. Darüber hinaus sind in weiten Teilen des Landes Trockenschäden festzustellen von Sonnenrindenbrand, gestorbenen Baumkronen bis hin zu abgestorbenen Bäumen.

Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf nicht heimischen Quarantäneschadorganismen, die neu in den Wäldern auftreten können. Wie zum Beispiel der Asiatische Laubholzbockkäfer oder der aus Nordamerika stammende Bronzefarbene Birken-Bohrer. „Dazu haben wir auch ein präventives Quarantäne-Monitoring laufen“, sagt Stubenazy. „Bisher haben wir aber zum Glück noch keinen bestätigten Nachweis.“ Im Umgang mit Schadorganismen und Krankheiten sei eine große Baumartenvielfalt im Wald entscheidend, sagt auch er. „Ein Konzept, das auf wenige Arten setzt, ist verwundbar.“ Dazu gehört für ihn auch eine Verjüngung der Wälder. „Für ein Ökosystem Wald mit hoher Resilienz im Klimawandel werden jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt.“ Wälder bedecken mehr als 40 Prozent der Landesfläche von Rheinland Pfalz.

Ueckermann sagt: „Wir müssen den Wald erhalten und seine Anpassungsfähigkeit gezielt unterstützen, damit er die Anforderungen heutiger und zukünftiger Generationen bestmöglich erfüllen kann.“ Es sei wichtig, einen guten Weg zu finden, um die Anforderungen zu gewährleisten, die an den Wald als Erholungs-, Natur- und Lebensraum, als Rohstofflieferant und auch hinsichtlich der Klima-, Erosions- und Wasserschutzwirkungen gestellt werden. „Ein gezieltes Management ist dafür unabdingbar.“

Von Birgit Reichert

Neue Fördermodelle für Erhaltung der Wälder gefordert

Weniger Holznutzung, mehr Naturnähe – diese Forderungen standen im Mittelpunkt eines „Nationalen Waldgipfels“ in der Eifel. Dabei sprachen sich sowohl Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) als auch der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck für neue Förderanreize aus, um die Wälder mit Blick auf den Klimawandel widerstandsfähiger zu machen. Der Wald muss umgebaut werden oder die Möglichkeit haben, sich selbst umzubauen“, sagte Schulze in einem Grußwort zu der zweitägigen Konferenz, zu der die Waldakademie des Försters und Autors Peter Wohlleben in Wershofen (Kreis Ahrweiler) eingeladen hatte.

Das einseitige Verständnis, den Wald als Plantage für die Holzproduktion zu nutzen, habe keine Zukunft mehr, sagte Schulze und warb für das Ziel der Biodiversitätsstrategie, 5 Prozent der Waldfläche in Deutschland einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. „Die Aufgabe kann nicht nur darin bestehen, Naturwälder auszuweisen“, erwiderte Habeck. „Die Bewirtschaftung insgesamt muss sich ändern.“ Da der Wald in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter strapaziert werde, müsse die Nutzung reduziert werden. „Das ist die logische Konsequenz.“ Dazu schlug er die Einrichtung eines „Waldzukunftsfonds“ vor. „Wald ist immer der Prügelknabe“, sagte Wohlleben. „Wenn irgendwas gebraucht wird, wird im Zweifelsfall der Wald beseitigt.“ Dies zeige sich bei der Einrichtung von Windkraftanlagen im Wald, für die riesige Schneisen geschlagen werden müssten. Diese sollten nur noch an bereits belasteten Flächen wie entlang von Autobahnen installiert werden.
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