Archivierter Artikel vom 27.07.2021, 19:19 Uhr
Bad Neuenahr-Ahrweiler/Mainz

Nach der Unwetterkatastrophe im Ahrtal: Noch immer erklärt niemand die späte Warnung

Noch immer ist nicht klar, welche Informationen zu welchem Zeitpunkt am 14. Juli im Krisenstab in der Kreisverwaltung vorlagen und wann man wie dort reagiert hat. Landrat Joachim Pföhler hatte in einem Gespräch mit unserer Zeitung am vergangenen Sonntag von einem Schlüsselmoment gesprochen, als am 14. Juli gegen 18 Uhr auf Basis einer Regenprognose des Deutschen Wetterdienstes (DWD) der erwartete Pegelstand in Altenahr von fünf Metern auf vier Meter reduziert worden war. Demnach schien sich die Spitze des Regengebiets in Richtung Nordrhein-Westfalen zu verschieben. Ein automatisiertes Simulationsprogramm errechnete diesen neuen Pegel-Höchststand, im Krisenstab machte sich Erleichterung breit.

Von mr/bea/dpa
Aufräumungsarbeiten werden in der Gemeinde Insul im Ahrtal fortgesetzt. Das Hochwasser der Ahr hat in dem Ort große Schäden hinterlassen.
Aufräumungsarbeiten werden in der Gemeinde Insul im Ahrtal fortgesetzt. Das Hochwasser der Ahr hat in dem Ort große Schäden hinterlassen.
Foto: dpa

Doch die Datenlage änderte sich rasch wieder zu Lasten des Ahrtals. Was dann geschah, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Fakt ist, dass man beim Hochwassermeldedienst des Landesamts für Umwelt rasch reagierte und die Vorhersagen für Altenahr wieder deutlich anhob. Alle 15 Minuten werden die gemessenen Werte auf der Seite www.hochwasser-rlp.de aktualisiert, erklärte der Sprecher des Landesamts für Umwelt, Joachim Knapp. „Diese Pegelstände fließen dann in die Berechnung für aktualisierte Prognosen ein.“

Dann ging es Schlag auf Schlag. Nachdem um 19.45 Uhr der gemessene Pegelstand in Altenahr bereits bei 4,29 Meter gelegen habe, sei die Prognose auf fünf Meter erhöht worden. Eine Stunde später zeigte der Pegel seinen letzten Messwert an: 5,75 Meter. Die Vorhersage auf der Internetseite stieg auf „mehr als 690 cm“. Wer also um 20.45 Uhr auf diese Internetseite geschaut hat, der konnte wissen, dass sich da ein gewaltiges Unheil anbahnte.

Ein Diagramm mit der Grafik, die die dramatische Entwicklung mit einer steil aufsteigenden Kurve augenfällig darstellte, wurde um 21.06 Uhr auf der Internetseite aktualisiert. Außerdem werden in einem automatisierten Verfahren im Dreistunden-Rhythmus aktualisierte Vorhersagen per Mail an die Kreisverwaltung geschickt, erläuterte Knapp auf Anfrage.

Wie der Krisenstab in Ahrweiler auf diese dramatische Wende und die massiv steigenden Pegelstände in Altenahr reagiert hat und was er unternahm, ist noch nicht klar. „Die Zuständigkeit zur Organisation und den Abläufen in den Krisenstäben liegt bei den beteiligten Organisationen vor Ort“, sagte Landesamtssprecher Knapp.

Die Meldung von 20.45 Uhr war das letzte Signal des Pegels Altenahr, denn er wurde danach von den Wassermassen mitgerissen. Der Einsatzzentrale in Kreis Ahrweiler fiel das aber erst später auf. „Irgendwann gegen 22 Uhr war klar, der Pegel ändert sich nicht mehr, da ist irgendwas“, sagte Fachbereichsleiter Erich Seul am Sonntag.

Fakt ist, dass vom Krisenstab in Ahrweiler erst um 23.09 Uhr ein Evakuierungsaufruf abgesetzt wurde. Die Menschen sollten 50 Meter links und rechts des Flusses ihre Häuser räumen. Viel zu wenig, wie sich herausstellte. Für diese bisher nie da gewesenen Wassermassen fehlten die Erfahrungswerte. Die tragische Folge: In den Flutwellen der Ahr starben mindestens 132 Menschen, weitere 74 sind noch immer vermisst.

Wenige Tage nach der Katastrophe hatte das Land auf Bitten der Kreisverwaltung die Einsatzleitung vor Ort übernommen. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag wollte der Leiter des Krisenstabs, Thomas Linnertz von der ADD in Trier, zu den offenen Fragen rund um die Maßnahmen des Krisenstabs in Ahrweiler noch keine Stellung beziehen. „Wir sind immer noch dabei, die Lage zu bewältigen“, sagte er. Man habe sich noch nicht mit den einzelnen Schritten befassen können, die der Krisenstab vor Ort an dem besagten Abend des 14. Juli eingeleitet habe. „Dazu kann man noch nichts Seriöses sagen“, erklärte Linnertz. Damit werde man sich erst im Nachgang beschäftigen. „Im Moment konzentrieren wir uns auf das Schadensbild.“

Und die Schäden sind gewaltig: Auch fast zwei Wochen nach der Hochwasserkatastrophe türmen sich im Ahrtal bis zu zehn Meter hohe Berge von mit Schlamm überzogenen Trümmern. Bislang wurden nach Angaben der Technischen Einsatzleitung im Kreis Ahrweiler mehrere Zehntausend Tonnen Müll abtransportiert. Nachdem zwei Tage gezielt Müll und Unrat rausgefahren wurde, zeige sich ein „erstes Vorankommen“, sagte ein Polizeisprecher in Koblenz.

Über ein Fahrzeug der Bundeswehr verbreitete die Kreisverwaltung Durchsagen mit Hinweisen zu Brauchwasser für die Aufräumarbeiten sowie zu Tetanus- und Hepatitis-Impfungen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung riefen zudem am Dienstag zu Blutspenden auf. Der Bestand habe sich aufgrund der Corona-Pandemie und wegen der Urlaubszeit stark verringert. In einigen Regionen würden dringend Blutpräparate benötigt, um die vielen Verletzten versorgen zu können.

Im Kreis Ahrweiler wurden inzwischen rund 6500 Anträge auf Soforthilfe gestellt. Bislang wurden Hilfen von mehr als 2,6 Millionen Euro ausgezahlt, teilte eine Sprecherin mit. mr/bea/dpa