Archivierter Artikel vom 13.07.2022, 07:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Nach den Erfahrungen mit der Flut: Viele Kommunen in Rheinland-Pfalz bauen ihre Warnsysteme wieder aus

Nach der verheerenden Flut im Sommer 2021 wollen Kommunen in Rheinland-Pfalz die Bevölkerung bei Katastrophen künftig mit Sirenen besser warnen können. In Mainz beispielsweise ist die Anschaffung von 36 modernen elektronischen Sirenen vorgesehen: Nach der Ausschreibung laufe in diesen Tagen das Vergabeverfahren, sagte der Sprecher der Stadt. „Ziel ist es, künftig mit den Sirenen jeden Winkel des Stadtgebietes erreichen zu können.“ Mit dem Aufbau solle noch in diesem Jahr begonnen werden.

Von dpa

Eine auf einem Flachdach installierte Sirene: In rheinland-pfälzischen Kommunen werden diese Alarmgeber wieder zunehmend aufgestellt. Die Menschen sollen so vor Gefahren gewarnt werden – eine Lehre aus der Flutkatastrophe vom vergangenen Jahr.  Foto: Robert Michael/dpa
Eine auf einem Flachdach installierte Sirene: In rheinland-pfälzischen Kommunen werden diese Alarmgeber wieder zunehmend aufgestellt. Die Menschen sollen so vor Gefahren gewarnt werden – eine Lehre aus der Flutkatastrophe vom vergangenen Jahr.
Foto: Robert Michael/dpa

In Koblenz sollen alle neuen Sirenen am 8. Dezember – dem bundesweiten Warntag – startklar sein, wie der Sprecher der Stadt sagte. Die 16 neuen Hochleistungssirenen funktionierten schon seit vergangenem Oktober, 30 weitere seien gerade im Bau. Nach der Flutkatastrophe vor einem Jahr sei in Koblenz der Ausbau des Warnsystems beschleunigt worden, sagte der Sprecher.

Förderung wird laut Städtetag Rheinland-Pfalz nicht reichen

Klar sei, dass die vom Bund und Land bereitgestellten insgesamt 8 Millionen Euro für den Ausbau des Sirenensystems in Rheinland-Pfalz nicht ausreichten, teilte der Städtetag Rheinland-Pfalz mit. Die meisten kreisfreien Städte hätten bereits Anträge auf Fördergeld gestellt und Bewilligungsbescheide erhalten. Die Auszahlung erfolge aber erst, wenn die jeweilige Stadt die Auftragserteilung an einen Sirenenbauer nachweisen könne.

Da es bundesweit nur wenige Sirenenbauer gebe, sei „mit einem verzögerten Fördermittelabfluss mangels Auftragserteilung“ zu rechnen, teilte der Städtetag weiter mit. Ob die Sirenenbauer zusätzlich unter Materialengpässen litten, sei nicht bekannt. Ein größeres Problem sei auch der Fachkräftemangel, hieß es aus Koblenz. Die Stadt rechnet mit Gesamtkosten von rund 800.000 Euro, der Zuschuss belaufe sich auf 120.000 Euro.

Im Kreis Neuwied sollen im nächsten Jahr vorerst 20 Sirenen installiert werden, weitere sollen folgen, damit das Sirenennetz wieder flächendeckend ausgebaut werden kann. Um bis dahin für den Fall der Fälle gerüstet zu sein, wurden bereits 16 mobile Lautsprecheranlagen angeschafft. In Ludwigshafen geht die Umrüstung der bestehenden Warnsirenen auch voran: Bislang wurden elf der 22 geplanten Standorte für elektrische Sirenen mit den neuen Modellen ausgestattet, teilte die Stadt mit. Vorgesehen sei, das Projekt bis Jahresende abzuschließen. Nach der Umrüstung würden in Ludwigshafen 28 moderne Warnsirenen installiert sein, um die Bevölkerung im Fall der Fälle schnell auf Gefahren hinweisen zu können.

Sechs Sirenenstandorte entlang des BASF-Werksgeländes waren in der Vergangenheit bereits entsprechend umgerüstet worden, wie die Stadt schrieb. Die neuen Sirenen könnten künftig über verschiedene Wege angesteuert werden und aufgrund einer Batteriepufferung auch bei einem Stromausfall mehrere Tage im Stand-by-Modus einsatzfähig sein – und dann auch weiter mit Signaltönen warnen.

Trier strebt einen dreistufigen Ausbau bis 2024 an

In Trier soll ein Sirenennetz bis Ende 2024 gebaut werden. Nach dem Beschluss des Stadtrates von Dezember 2021 sind insgesamt 55 Sirenen geplant: elf im Jahr 2022, 22 in 2023 und noch mal 22 in 2024. Die Sirenen sollen auf Gebäuden oder Grundstücken der Stadtverwaltung oder der Stadtwerke Trier aufgestellt werden. Die Kosten beliefen sich inklusive Errichtung und Mehrwertsteuer auf 1,1 Millionen Euro. Fördermittel in Höhe von knapp 110.000 Euro seien bewilligt.

Nach Ansicht der Trierer könnte der Zeitplan aber noch ins Wanken kommen. Denn nicht nur das Hochwasser, sondern auch der Ukraine-Krieg habe dazu geführt, dass auch Kommunen „sehr daran gelegen“ sei, „die vorhandenen Sirenennetze zu erweitern oder neu zu installieren“, hieß es in einem Papier aus dem Rathaus. Der Markt, der vorher nur eine Nische gewesen sei, stehe nun vor der Aufgabe, „außergewöhnlich viele Kunden bedienen zu müssen“. Lieferprobleme vor allem bei elektronischen Bauteilen verschärften die Lage. dpa

Deutscher Wetterdienst ändert Warnsystem

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat aus der Flutkatastrophe vom 14. Juli vergangenen Jahres Konsequenzen gezogen und ändert sein Warnsystem. „Die frühzeitigen und zutreffenden Warnungen des DWD wurden damals noch nicht optimal genutzt. Deshalb passen wir unser Warnsystem an“, kündigte das für die Wettervorhersage zuständige DWD-Vorstandsmitglied, Renate Hagedorn, laut Mitteilung in Offenbach an.

„Unser Ziel ist, dass sich Einsatzkräfte und Bevölkerung noch besser auf Wettergefahren vorbereiten können“, betonte Hagedorn. „Die Warnungen sollten künftig verständlicher und maßgeschneidert für die Nutzerinnen und Nutzer angeboten werden.“

Im rheinland-pfälzischen Landtagsuntersuchungsausschuss Flutkatastrophe hatte Hagedorn Ende Januar gesagt: „Wir haben rechtzeitig gewarnt und waren erschüttert, was tatsächlich passiert ist.“ Im nördlichen Rheinland-Pfalz kamen bei dem Unwetter mindestens 135 Menschen ums Leben, davon allein 134 im Ahrtal. Zwei Menschen werden noch vermisst. Zusammen mit dem ebenfalls betroffenen Nordrhein-Westfalen wurden rund 190 Tote gezählt.

Nun werde das Warnsystem noch genauer an die Bedürfnisse von Einsatzkräften und Bevölkerung angepasst, sagte Hagedorn. Es solle noch frühzeitiger, nahtloser und mehr aus einem Guss gewarnt werden: vom Warntrend – sechs bis zehn Tage zuvor – bis zur Akutwarnung wenige Stunden vor einem Unwetterereignis. Dabei werde auch die Eintrittswahrscheinlichkeit mit kommuniziert. Hagedorn erklärte: „Die Betroffenen sollen die Auswirkungen der Unwetter besser einschätzen können.“ Dazu gehörten auch „maßgeschneiderte Beschreibungen möglicher Unwetterfolgen“. dpa

Flutkatastrophe im Ahrtal
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