Archivierter Artikel vom 30.07.2021, 07:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Manfred Ruch zu den Warnsystemen in Rheinland-Pfalz: Kommunale Krisenstäbe dürfen nicht alleingelassen werden

Auch mehr als zwei Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal wissen wir noch nicht, was genau im Krisenstab des Landkreises Ahrweiler an jenem Abend besprochen, entschieden und kommuniziert wurde, als es darum ging, die arglosen Menschen vor dem gewaltigen Hochwasser zu warnen, das sich durch das Ahrtal wälzte. Traurige Gewissheit ist dagegen: Unfassbare 134 Todesopfer wurden bereits gezählt, 73 weitere Menschen werden noch immer vermisst. Und die Befürchtung ist groß, dass viele von ihnen diese historische Katastrophe nicht überlebt haben.

Von Manfred Ruch

Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber
Manfred Ruch, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung
Foto: Jens Weber

Sicher ist: Die gigantischen Schäden, die das Hochwasser hinterlassen hat, waren nicht zu verhindern. Nichts und niemand hätte diese Wassermassen aufhalten können. Ob dies aber auch für all die Todesopfer gilt, das darf nach den Recherchen unserer Zeitung zum Verhalten des Krisenstabs in Ahrweiler bezweifelt werden.

Und jetzt? Wie geht es weiter mit dem Ahrtal? Brücken, Straßen, Schienen, Häuser, Betriebe, Geschäfte, Versorgungsleitungen, Sportplätze, Schulen, Kitas: So vieles ist schwer beschädigt oder komplett zerstört worden, dass einem der Atem stockt. Einige Milliarden Euro werden nötig sein, um dieses einst so schöne Tal wieder aufzubauen. Und dieses Signal zum Aufbruch muss schnell und klar kommen, damit die Menschen dort wieder Hoffnung schöpfen und an eine Zukunft glauben können.

Doch dazu gehört auch, dass sich die Menschen im Ahrtal wieder sicher fühlen müssen. Sonst droht ein Exodus. Die Ahr hat bitter gezeigt, wozu sie fähig ist. Wie vieles davon dem Klimawandel geschuldet ist, das steht gewiss nicht fest. Doch dass der Klimawandel die Gefahren von extremen Wetterlagen verschärft, wird mittlerweile von kaum jemandem bestritten. Das wird man bei einem erfolgreichen Wiederaufbau berücksichtigen müssen.

Das Netz der Sicherheit muss im Ahrtal und anderswo neu geknüpft werden. Gesucht wird ein Warnsystem, auf das sich die Menschen auch in schlimmsten Fällen verlassen können. Es ist untragbar, wenn Leib und Leben in einer solchen Katastrophennacht davon abhängen, wer im Krisenstab Dienst tut und ob jemand mit der Lage möglicherweise heillos überfordert ist. Unabhängig davon, dass der Krisenstab Ahrweiler die Dramatik der Lage offenbar falsch eingeschätzt, zu spät vor den tödlichen Fluten gewarnt und sich auch keine Hilfe von höheren Instanzen geholt hat: Es darf nicht sein, dass eine Kommune das letzte Glied in einer Kette ist, das mit einer solch monströsen Gefahr allein bleibt, wenn sie sich nicht von selbst meldet.

Wo ist die sichere Funktechnik, die auch solchen Fluten standhält? Wo die Mechanismen, die sicherstellen, dass in einem solch kritischen Augenblick auf allen Ebenen die Warnlampen angehen? Wo sind die Alarmketten, die höhere Instanzen nicht nur per E-Mail oder Warn-App füttern, sondern per Notfalltelefon? Angesichts der rasch eskalierenden Lage am Abend der Flut darf dies nicht nur Holschuld für kommunale Krisenstäbe sein: Es ist auch eine Bringschuld des Innenministeriums und der zuständigen Landesbehörden, sich proaktiv zu kümmern und notfalls einzugreifen, wenn es vor Ort nicht läuft. Ein Besuch im Krisenstab reicht da nicht.

Innenminister Roger Lewentz hat angekündigt, dass die gesamte Alarmkette geprüft wird. Er hat allen Grund dazu. Denn man hat nicht das Gefühl, dass sie in Rheinland-Pfalz wirklich funktioniert.

E-Mail an Autor: manfred.ruch@rhein-zeitung.net