Archivierter Artikel vom 13.08.2018, 11:50 Uhr
Rheinland-Pfalz

Leserdialog: Worüber wollen Sie mal reden? Nennen Sie uns Ihr Top-Thema!

In den öffentlichen Debatten dominieren oft die Schrillen und Lauten. Und die schreien im Moment vor allem: Flüchtlinge! Zuwanderung! Abschotten! Am sogenannten Asylstreit ist sogar beinahe die Bundesregierung zerbrochen. Aber ist die Zuwanderung und alles, was damit zusammenhängt, wirklich das Thema, das die Menschen am meisten interessiert?

Welche Themen beschäftigen Sie?
Welche Themen beschäftigen Sie?
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Blickt man auf Umfragen wie den ARD-Deutschlandtrend oder das Eurobarometer, ist die Antwort eindeutig: Nein. Zumindest ist Zuwanderung nur ein Thema unter vielen. Was die Bürger persönlich besorgt, sind steigende Lebenshaltungskosten – vor allem teurer Wohnraum –, Engpässe bei der Pflege und im Gesundheitssystem, die Qualität des Bildungssystems, die Entwicklung der Renten, Umweltprobleme und Klimawandel.

Doch auch zwischen diesen Statistiken und dem, was Menschen im Alltag erleben, klafft immer wieder eine Lücke. Die Frage, wie es „den Deutschen“ oder „den Rheinland-Pfälzern“ geht und was sie beschäftigt, ist schnell gestellt. Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Und deswegen wollen wir es ganz genau wissen – und zwar von Ihnen persönlich: Was beschäftigt Sie? Welche Fragen bestimmen Ihren Alltag? Was beunruhigt Sie, was regt Sie richtig auf – oder womit sind Sie zufrieden? Schreiben Sie uns eine E-Mail mit der Betreffzeile Mein Thema an leserpost@rhein-zeitung.net oder per Post an Rhein-Zeitung, Zentralredaktion, August-Horch-Straße 28, 56070 Koblenz, Stichwort: Mein Thema.

Die Zuschriften erscheinen in loser Folge in unserer Zeitung, oder wir nutzen sie als Anstoß für Recherchen. Für den Anfang haben sechs Redakteurinnen und Redakteure aufgeschrieben, worüber man dringend mal reden müsste:

Über die Hebammen in der Geburtshilfe müssen wir noch einmal reden.

Es passiert eigentlich alle ein bis zwei Wochen: Eine Freundin erzählt von einer Freundin, die kurz vor dem Geburtstermin steht und noch immer keine Hebamme gefunden hat. Oder eine mir völlig unbekannte Frau schreibt eine verzweifelte, manchmal auch wütende Nachricht bei Facebook oder Instagram, die dort hundertfach geteilt wird. Tenor: Man muss sich als Frau offenbar bereits auf die Suche nach einer Hebamme machen, wenn man nur mit dem Gedanken spielt, schwanger zu werden.

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Der Mangel trifft nicht nur die Ballungsräume: Dass die Geburtsstation im Krankenhaus in Bad Neuenahr Mitte August zehn Tage schließen muss, weil neun Hebammen entweder in Urlaub sind oder selbst Mutter werden, kann man belächeln. Man kann sich aber auch fragen, wieso es nicht möglich ist, diesen Zeitraum zu überbrücken, um dann ziemlich schnell festzustellen: Etwas läuft schief in der Geburtshilfe in Deutschland.

Und das liegt nicht an den Hebammen selbst. Die Zahl der Geburten steigt, die Zahl der Krankenhäuser aber, in denen Frauen entbinden können, ist seit den frühen 90er-Jahren um 40 Prozent gesunken. Dann ist da noch die Berufshaftpflichtversicherung. Freiberufliche Hebammen müssen sie abschließen, wenn sie auch Geburtshilfe anbieten. Die Prämien liegen inzwischen oft im hohen vierstelligen Bereich. Es ist nicht so, dass über das Thema nie gesprochen würde. Als die Hebammen 2017 für eine höhere Vergütung stritten, bestimmte das wochenlang die Schlagzeilen. Am Ende stand eine Honorarerhöhung, die nach Ansicht der Hebammenverbände bestenfalls die bisherige Unterbezahlung ausgleicht. Und die Versicherungsprämien steigen weiter. Man kann also nicht oft genug über die Geburtshilfe in Deutschland reden. Angela Kauer-Schöneich

Totale digitale Überwachung – darüber müssen wir mal reden.

Eine alltägliche, scheinbar banale Szene: Ein Mann mit Fitnessarmband am Handgelenk steht im Drogeriemarkt an der Kasse, zückt seine Payback-Karte, zahlt ohne Bargeld und fragt auf dem Weg zum Auto seine Smartphone-Sprachassistentin Siri nach den Wetteraussichten. Würde man ihn fragen, warum er mit seinen Daten, mit denen sich spielend ein detailliertes Persönlichkeitsprofil erstellen ließe, so sorglos umgeht, käme mit großer Gewissheit als Antwort: „Ich habe doch nichts zu verbergen, außerdem ist es praktisch.“ Ein fataler, ein dummer Satz. Die brisanten Enthüllungen von Julian Assange und Edward Snowden scheinen längst vergessen zu sein, es herrscht nur noch Pragmatik und Konsumfreude.

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Die Alltagsszene ist symptomatisch: Wir steuern – freiwillig! – auf eine total überwachte Gesellschaft zu. Datengierige Politiker, die unter dem Vorwand der Terrorabwehr die Videoüberwachung ausbauen, freut das, Nachrichtendienste und Konzerne sowieso. Eine andere Politik ist nicht in Sicht, schon deshalb nicht, weil die Staatsbürger sich nur noch als Konsumbürger verstehen und für jede winzige Erleichterung, für jede alberne Rabattaktion ihr Datenherz öffnen. Oder es verkaufen – an Versicherungen, die denjenigen Vergünstigungen versprechen, die sich von einem Fitnessarmband kontrollieren lassen. In China ist der digitale Kontroll- und Überwachungsapparat bereits perfektioniert: Bis 2020 sollen dort alle privaten und staatlichen Datenbanken miteinander verbunden sein. Dann wird jedes Verhalten erfasst, bewertet, belohnt oder bestraft. Wer würde angesichts dieses Szenarios noch sagen, er habe nichts zu verbergen? Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse ist so wie die chinesische: Sie ist unfrei. Wolfgang M. Schmitt

Reden wir über die alternde Gesellschaft.

Deutschland wird immer älter. Auch wir Rheinland-Pfälzer können an einer Hand abzählen, dass wir uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten um einen immer größer werdenden Kreis von älteren Menschen und ihre ganz speziellen Bedürfnisse kümmern müssen.

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– Um Seniorinnen und Senioren, die so lange wie möglich zu Hause leben wollen und dabei Unterstützung brauchen.

– Um ältere Leute, die sich um ihre Gesundheit sorgen, weil in ihrer ländlichen Heimat die Ärzte verschwinden.

– Um betagte Menschen, die auf barrierefreien Wohnraum angewiesen sind, aber keine bezahlbare Bleibe finden oder sich den Umbau ihrer Wohnung nicht leisten können.

– Die, wenn sie dann nicht mehr allein wohnen können oder wollen, im Seniorenheim oder in anderen Wohnformen gut leben und anständig gepflegt werden – und das bitteschön auch nachts.

– Die ein größeres Sicherheitsbedürfnis haben, weil sie nicht mehr im Besitz ihrer früheren Kräfte sind und sich mehr Polizeipräsenz wünschen.

– Die von der Geschwindigkeit der digitalisierten Gesellschaft nicht selten überfordert sind und trotzdem Onlinebanking lernen müssen, weil ihre Bankfiliale dichtgemacht hat.

– Die sich wachsende Sorgen darum machen, ob ihre Altersvorsorge zum Leben reicht.

Ich glaube nicht, dass wir uns wirklich darauf eingerichtet haben. Was für die Digitalisierung unseres Landes gilt, gilt ebenso für die Alterung unserer Gesellschaft: Man wird den Eindruck nicht los, dass wir uns nicht so ins Zeug legen, wie es dringend sein müsste. Darüber sollten wir endlich mal reden. Manfred Ruch

Alternativen zu verstopften Städten – darüber redet kaum einer.

Mal ganz provokant gefragt: Gibt es ein Gesetz in Deutschland, in dem steht, dass die Stadt den Autofahrern gehört? Die Antwort lautet nein – und deswegen müssen wir dringend darüber reden, wie unsere Städte in Zukunft aussehen sollen. Ob wir weiter auf den Fakt, dass die meisten Innenstädte unter Verkehrskollaps und horrendem Parkplatzmangel leiden, reagieren wollen, indem wir mehr Straßen und größere Parkhäuser bauen. Oder ob wir die Antworten und Ideen aus dem vergangenen Jahrhundert endlich über Bord werfen.

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Denn es gibt (mindestens) eine Alternative. Ein Gefährt, mit dem sich viele Probleme der Städte (dreckige Luft, Lärm, verstopfte Straßen) lösen lassen, das seinen Benutzer gesünder macht und das das Vorzeigevehikel der Elektromobilität ist. Es heißt Fahrrad. Weltweit begreifen Metropolen, dass im Auto nicht die Zukunft liegt. Sie bauen Innenstädte so um, dass sie Radlern, Fußgängern und Anwohnern nützen – und nicht den Blechlawinen. Und in Rheinland-Pfalz? Sieht es verheerend aus. Nur ein Beispiel: Bei einer Studie des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) landet Koblenz in seiner Kategorie auf dem letzten Platz – in ganz Deutschland. So holt man niemanden aufs Rad. Dabei sind laut ADFC die Hälfte aller Autofahrten kürzer als fünf Kilometer.

Es gibt 73 Millionen Fahrräder in Deutschland. Viele würden gern häufiger fahren – gerade mit den drei Millionen Pedelecs auf Deutschlands Straßen, die den Aktionsradius rapide erweitern und die Anstrengung reduzieren –, aber ihnen fehlt es an Komfort und Sicherheit. Alle 23 Stunden stirbt auf Deutschlands Straßen ein Radfahrer. Das kann man ändern. Mit abgetrennten Radwegen, mit Fahrradleihstationen, mit Brücken oder Unterführungen, mit Parkhäusern für Räder, mit autofreien Zonen, mit einem ÖPNV, der eine flexible Pendelei auch über weite Strecken ermöglicht. Denn natürlich kann niemand erwarten, dass der Pendler von Betzdorf nach Koblenz durchstrampelt. Was aber, wenn er nur zum Bahnhof muss, dort sein Rad schnell einladen kann, regelmäßig und komfortabel ans Ziel kommt und da weiterradelt? All das ist keine Spinnerei. Es wird so oder so ähnlich in der ganzen Welt getestet. Mit Erfolg. Und mit wirtschaftlichem Gewinn. Deswegen müssen wir schauen, was andere besser machen. Wir müssen überlegen, wie wir in Zukunft leben wollen. Und dann müssen wir reden – dringend. Markus Kuhlen

Reden wir doch mal über Teilzeit.

Viele Menschen in meinem Umfeld träumen von der gleichen Sache: Arbeitszeit zu reduzieren. Ihre Beweggründe sind ganz verschieden. Sie pendeln zwischen dem Wunsch, mehr Zeit für Familie, Freunde und so etwas wie Selbstverwirklichung zu haben, aber auch dem ehrlichen Eingeständnis, dass die beruflichen Anforderungen in den vergangenen Jahren derart gewachsen sind, dass sie mit der Schnelligkeit und der geforderten Flexibilität nicht mehr problemlos mitkommen.

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Und parallel zu dieser Beobachtung kommt eine Debatte darüber in Gang, wie sich Arbeit in Zukunft gestaltet, welche Jobs in 10 oder 20 Jahren überhaupt noch gebraucht werden und welche durch die zunehmende Automatisierung verschiedener Branchen gänzlich wegfallen könnten.

Nun frage ich mich, ob sich der Traum von weniger Arbeitszeit nicht ganz von allein regeln wird. Und was dann? Steigen in einem Negativszenario die Arbeitslosenzahlen durch die Veränderung der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter immens? Wie wollen wir künftig als Gesellschaft zusammenleben? Wie zwingend müssen dann Überlegungen wie die Einführung eines Grundeinkommens in der Realpolitik ankommen? Und wie weit werden sich Arm und Reich noch entfernen, wenn Arbeit zunehmend zum Privileg wird? Zugegebenermaßen klingt das theoretisch. Wer zunächst praktisch denken will, sollte die Seite www.job-futuromat.iab.de aufrufen. Dahinter steckt eine Initiative der Bundesagentur für Arbeit. Sie tippen einen Beruf ein und erfahren, mit welcher Wahrscheinlichkeit dieser in der Zukunft automatisiert wird. Bei Journalisten sind es 20 Prozent aller Tätigkeiten. Und bei Ihnen? Melanie Schröder

Deutsche Bahn, wir müssen reden. Aber im Ernst.

Dies ist die kurze Geschichte einer womöglich bald traurig endenden Liebesbeziehung. Sie beginnt vor 40 Jahren mit der ersten großen Bahnfahrt mit der Oma von München nach Frankfurt. Ich durfte herumlaufen, mir vorlesen lassen, die Landschaft im Vorbeirauschen bestaunen – und als Krönung gab es ein Essen im Speisewagen. So begann eine lebenslange Liebe zur Schiene. Und wenn sie nicht gestorben ist ...

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Stopp! Zurück zur Gegenwart, einige Hunderttausend Bahnkilometer weiter. Deutsche Bahn, wir müssen reden. Das geht so nicht weiter mit uns. Hey, ich bin nicht irgendein Gelegenheitspassagier, der sich auf den nächsten freien Sitz fläzt und erstaunt aus der Wäsche guckt, wenn jemand mit Platzreservierung genau dort sitzen möchte. Nein, ich bin dein Bahnkomfortnutzer, ich bin dir treu und habe immer bezahlt. Warum machst du es mir so schwer? Genau heute, wo ich und alle anderen dich so dringend brauchen, wo emissionsarmes Reisen in aller Munde ist – und wo ich zwar selten die Zeit habe, die vorbeirauschende Landschaft zu genießen, aber rein theoretisch jede Bahnstunde hervorragend zum Arbeiten nutzen könnte, tust du alles, um mich von der Schiene wieder auf die Straße zu treiben.

Ich weiß, der Sommer kommt für die Klimaanlage immer genauso überraschend wie der Winter für die Heizung. Deswegen ist Duschzeug für danach oder mehr zum Anziehen schon immer dabei. Und ja, die Umsteigezeiten, die der Ticketcomputer berechnet, sind Serviervorschläge ohne Gewähr, ich fahre möglichst Stunden vor der knappsten Verbindung los, um einigermaßen sicher zu sein.

Was hab ich getan, dass du dich so gehen lässt? Allein in diesem Jahr: Züge, die massenweise Abteile nicht – oder verschlossen – führen. Im Funk-Nirvana verschollene Sitzreservierungen, geschlossene Zugrestaurants, üble Verspätungen. Vielleicht ist das halt so in einer langen Beziehung. Aber mit wirklich teuren ICE-Tickets durch Deutschland kutschiert zu werden, ohne ein einziges geöffnetes Klo im gesamten Zug, mit Zugbegleitern, die sich aus guten Gründen im Dienstabteil verstecken, um nicht zu viel Zorn abzubekommen, mit regelmäßigen Ansagen wie „Dieser Zug fährt nicht weiter, solange nicht alle Passagiere aussteigen, die irgendwie anders ihr Ziel erreichen können“ – mir reicht es. Mach dich mal wieder hübsch für mich, lass dich nicht so gehen. Tu was für dein Geld. Ich brauche dich. Claus Ambrosius

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