Rheinland-Pfalz

Diskussion um Motorradfahrer: Wie laut darf Freiheit sein?

Motorradfahren im Frühling dürfte für viele Biker in Rheinland-Pfalz in Zeiten weitreichender Corona-Beschränkungen noch schöner sein als sonst – gäbe es da nicht dieses Dauerthema: Lärm. Schon lange klagen Anwohner über dröhnende Motorräder, Biker hingegen plädieren für eine faire Debatte. Kann ein Kompromiss gelingen? Seit Jahren ringen Bürger, Biker und Behörden um einen fairen Umgang miteinander. Was kann helfen? Prävention? Lärmobergrenzen? Gar ein Fahrverbot? Ein Überblick zur noch jungen Saison 2021.

Von Wolfgang Jung und Ira Schaible
Motorradfahrer auf einer Landstraße oberhalb von Alken an der Mosel: Seit Jahren klagen Anwohner an den beliebten Motorradstrecken in Rheinland-Pfalz über dröhnende Motorräder und fordern Konsequenzen, Biker hingegen plädieren für eine faire Debatte. Foto: dpa
Motorradfahrer auf einer Landstraße oberhalb von Alken an der Mosel: Seit Jahren klagen Anwohner an den beliebten Motorradstrecken in Rheinland-Pfalz über dröhnende Motorräder und fordern Konsequenzen, Biker hingegen plädieren für eine faire Debatte.
Foto: dpa

Der ADAC spricht sich gegen Wochenendfahrverbote oder Einschränkungen auf viel befahrenen Strecken aus. „Damit würde man alle Motorradfahrer bestrafen, die rücksichtsvoll und mit legalen, nicht manipulierten Motorrädern unterwegs sind“, sagt Rudi Speich, Vorstand Verkehr und Technik beim ADAC Mittelrhein.

Außerdem würden die schon durch Corona angeschlagenen Gastronomie- und Hotelbetriebe an diesen Strecken zusätzlich getroffen, meint der Diplom-Ingenieur. „Auch neue Lärmobergrenzen würden keine zeitnahen Auswirkungen auf die Situation an den Motorradstrecken haben. Bis diese Grenzen bei Motorrädern verpflichtend würden, gingen Jahre ins Land“, sagt Speich. Er plädiert dafür, an die Biker zu appellieren, in Ortslagen besonnen und rücksichtsvoll zu fahren.

Die Landesregierung aus SPD, FDP und Grünen setzt in der Diskussion um wirkungsvolle Wege zur Eindämmung des Motorradlärms auch auf Gebote statt Verbote. Das betonte Verkehrsstaatssekretär Andy Becht (FDP) unlängst bei einem digitalen „Runden Tisch Motorradlärm“, der auf Einladung des Verkehrsministeriums mit Vertretern von Verbänden, der Polizei sowie des Innenministeriums stattfand.

„Wir wollen die Freiheitsrechte der Biker mit den ebenso berechtigten Interessen des Anwohner- und Naturschutzes austarieren“, sagte Becht. Da helfe keine generelle, undifferenzierte Verbotskulisse, sondern die punktuelle Eindämmung vermeidbaren Motorradlärms. „Zudem ist der Motorradtourismus in manchen Regionen des Landes ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor.“ Er selbst fahre zwar Traktor, habe aber auch großes Verständnis für die Biker, die mit der gleichen Technikbegeisterung ihrem Hobby nachgingen, betonte Becht.

Für viele Motorradfahrer ist das Dahingleiten auf zwei Rädern ein Inbegriff von Freiheit. Wie sehen sie selbst die Diskussion? „Ich habe natürlich Verständnis für Anwohner an manchen Strecken. In manchen Landstrichen ist Lärm tatsächlich ein Problem“, sagt Rolf Frieling, Vorsitzender der Biker Union. Allerdings machten die Störer nur einen geringen Prozentsatz der Motorradfahrer aus. Er sieht Prävention als eine Möglichkeit – zum Beispiel Hinweise wie die Schilder „Leise fahren. Lärm ersparen. Rücksicht kommt an. Danke!“ bei einem Pilotprojekt gegen Motorradlärm im Gelbachtal (Westerwald).

Gleichwohl gebe es schwarze Schafe, bei denen man mit gutem Zureden leider nichts erreiche, sagt Frieling. „An den harten Kern kommen Sie nur mit konsequenten Kontrollen ran. Da würden nur landesweite Konzepte der Repression nutzen. Mehrfachtätern muss das wehtun – bis zum Erlöschen der Betriebserlaubnis“, sagt der Chef der Biker Union. Die klare Mehrheit halte sich aber an die Regeln.

„Ich kann absolut nachvollziehen, wenn Anwohner sich in belebten Bereichen ärgern, wenn Fahrzeuge vorbeibrettern und beschleunigen – ob das nun Motorräder sind oder Autos“, sagt der Biker Patrick Kuntz. Auch er betont, dass es oft wenige schwarze Schafe seien. „Ärgerlich, dass alle darunter leiden.“ Ein gewisser Sound gehöre zwar zum Motorradfahren. Aber auch er ist dafür, Störer mit illegalen oder manipulierten Soundanlagen „kräftig zu bestrafen“.

Zum Thema Sicherheit betont das Innenministerium, die Zahl der Verkehrsunfälle mit Motorrädern sei im vergangenen Jahr gesunken. Die Behörde führt dies auch auf Präventionsprogramme zurück. Zudem werde entlang beliebter Motorradstrecken kontrolliert. „Derartige Kontrollen finden, sofern es die Pandemie zulässt, auch in Kooperation mit Luxemburg, Belgien und den Niederlanden sowie mit Nordrhein-Westfalen statt. Die Strecken in der Eifel ziehen viele auch über die Landesgrenzen hinweg an“, so das Ministerium.

Und wie sieht es mit Lärm aus? „Bürgerbeschwerden per Telefon oder E-Mail sind gang und gäbe bei dem schönen Wetter“, heißt es bei der Polizei Adenau über den Hotspot Nürburgring. „Wir überprüfen das, wenn es möglich ist.“ Mit dem schönen Wetter habe dies auch in Corona-Zeiten wieder zugenommen. Allerdings sei das Niveau insgesamt niedriger, es mache sich schon bemerkbar, dass größere Ansammlungen in, vor oder außerhalb der Gastronomie derzeit nicht möglich seien.

„Bei uns gibt es nicht wirklich Beschwerden über Lärm“, teilte etwa das Polizeipräsidium Westpfalz mit. Hingegen landen in Rathäusern im Bundesland durchaus Beschwerden, etwa im „Motorradfahrer-Mekka“ Pfälzer Wald. Dort sperrte die Verwaltung im vergangenen Jahr zum Beispiel den bei Bikern als Raststelle beliebten Parkplatz Johanniskreuz bei Kaiserslautern. Ähnliches könnte auch in diesem Jahr eintreten, meint ein Behördensprecher. Verstöße würden geahndet.

Von Wolfgang Jung und Ira Schaible

Wir wollen die Freiheitsrechte der Biker mit den ebenso berechtigten Interessen des Anwohner- und Naturschutzes austarieren.

Verkehrsstaatssekretär Andy Becht (FDP)