Bad Neuenahr-Ahrweiler

Aus der Ukraine ins Ahrtal: Flüchtlinge helfen Flutopfern

Die Ukrainerin Valentyna Ridvanskaya und ihre Familie mussten nach dem von Russland begonnenen Angriffskrieg ihre Heimat verlassen. Jetzt leben und engagieren sie sich im heftig von der Flutkatastrophe getroffenen Ahrtal. Wir haben die Familie in ihrem neuen, vorübergehenden Zuhause besucht.

Von Jens Albes

Vor dem Krieg in der Ukraine ist Valentyna Ridvanskaya mit ihrer Familie in den Kreis Ahrweiler geflüchtet, sie leben in der Wohnung eines älteren Ehepaars. Sie seien gut und freundlich von den Menschen im Tal aufgenommen worden, inzwischen packt das Paar im Gegenzug an, um Flutopfern zu helfen.
Vor dem Krieg in der Ukraine ist Valentyna Ridvanskaya mit ihrer Familie in den Kreis Ahrweiler geflüchtet, sie leben in der Wohnung eines älteren Ehepaars. Sie seien gut und freundlich von den Menschen im Tal aufgenommen worden, inzwischen packt das Paar im Gegenzug an, um Flutopfern zu helfen.
Foto: picture alliance/dpa

Ein Kriegsflüchtling hilft Hochwasseropfern: Valentyna Ridvanskaya verteilt Kartoffelsalat an Anwohner mit flutbeschädigten Häusern. Noch immer wohnen viele Menschen in Ausweichquartieren und warten teils auf ihre finanziellen Hilfen – der Wiederaufbau verläuft schleppend. Immer noch hilft in Bad Neuenahr-Ahrweiler der Verein Die Ahrche vielen Flutopfern unter anderem mit einem Zelt zum Essen, einer improvisierten Turnhalle und einem Kinderkino. Und der Verein unterstützt nun rund zehn Flüchtlinge des russischen Angriffskrieges in der Ukraine – einschließlich Ridvanskaya.

Die 41-Jährige aus Brovary bei Kiew ist kürzlich mit ihrem Mann (39), zwei Töchtern (3 und 9) und ihrer Schwiegermutter (57) im Auto vor den tödlichen Angriffen geflohen. „Eine andere Ukrainerin war schon hier“, berichtet die Lehrerin für autistische Kinder. „Sie hat mir von Bad Neuenahr-Ahrweiler erzählt, deshalb sind wir auch hierhergekommen.“

Die ukrainische Familie mit drei Generationen ist in einer Wohnung im Haus eines älteren Ehepaars untergekommen. „Die wollen uns helfen“, sagt Ridvanskaya. Bad Neuenahr-Ahrweiler sei schön und die Bürger nett. „Aber wir wissen natürlich auch, dass es hier ein schlimmes Hochwasser gegeben hat.“ Immer noch sind viele Zerstörungen zu sehen.

Während Yurii Ridvanskaya sich für den Verein Die Ahrche unter anderem um Brennholz kümmert,...
Während Yurii Ridvanskaya sich für den Verein Die Ahrche unter anderem um Brennholz kümmert,...
Foto: picture alliance/dpa

Ein Geben und Nehmen

Schon bald kommt die ukrainische Familie auch in die Ahrche auf einem ehemaligen Campingplatz am nun so harmlos wirkenden Flüsschen Ahr. Vereinsgründer Lucas Bornschlegl erklärt: „Wir haben ihnen gesagt, dass sie von allem, was wir anbieten, auch was nehmen dürfen. Sie kommen ja auch von einer Katastrophe.“ Die Flüchtlingsfamilie freut sich. Bornschlegl sagt: „Die Kinder haben gleich in der Spielecke mitgespielt, und die Erwachsenen haben gefragt, wo sie helfen können.“ Valentyna Ridvanskaya arbeitet unter anderem in der Küche mit, und ihr Mann Yurii, ein Geschäftsmann, kümmert sich beispielsweise um Reparaturen und um Brennholz. Die Ahrche hat auch gebrauchte Fahrräder für die Ukrainer organisiert.

Wir haben ihnen gesagt, dass sie von allem, was wir anbieten, auch was nehmen dürfen. Sie kommen ja auch von einer Katastrophe.

Lucas Bornschlegl vom Verein Die Ahrche erklärt, dass der Verein auch gern die Flüchtlingsfamilie unterstützt. Die hilft im Gegenzug im Ahrtal.

Die Kreisverwaltung im Rotweingebiet Ahrtal erklärt mit Blick auf Kriegsflüchtlinge: „Das Land Rheinland-Pfalz hat für den Kreis Ahrweiler aufgrund der nach wie vor massiven Flutfolgen offiziell einen Verteilstopp erlassen.“ Die Solidarität mit der Ukraine sei zwar auch hier außergewöhnlich. Doch zahlreiche Anwohner seien „selbst schwer von den Folgen der Flutkatastrophe betroffen, auch für sie ist ein normaler Alltag noch immer in weiter Ferne“.

Der Kompromiss mit dem Land sei es daher, „dass Familienangehörige aus der Ukraine aufgenommen werden können“, wenn dies dauerhaft im eigenen Haushalt mit einem geregelten Alltag in einem geeigneten sozialen Umfeld möglich sei. Andernfalls sei eine „koordinierte und bedarfsgerechte Weitervermittlung“ über die Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Trier die beste Lösung. Der Kreis Ahrweiler teilt mit: „Bisher wurden rund 400 Personen als Flüchtlinge aus der Ukraine der Ausländerbehörde der Kreisverwaltung von den Kommunen gemeldet.“ Darunter sind etwa 170 Minderjährige. Die Zahlen sind Stand von Ende April.

Valentyna Ridvanskaya versucht, sich zu integrieren: „Ich besuche in Ahrweiler dreimal in der Woche einen Deutschkurs.“ Ihre neunjährige Tochter Polina geht bereits in die Schule. Für deren dreijährige Schwester Uliana warten sie auf einen Kindergartenplatz.

Laut Kreisverwaltung sind bisher mehrere Dutzend Mädchen und Jungen aus der Ukraine an einer Schule aufgenommen worden. In Kitas hingegen spielten nur vereinzelt ukrainische Kinder. Die etliche Meter hohe Flutwelle nach extremem Starkregen in der Nacht auf den 15. Juli 2021 hat auch zahlreiche Kindergärten und Schulen des Kreises beschädigt oder zerstört. Bis heute laufen Kinderbetreuung und Schulunterricht vielerorts noch in Containern und anderen provisorischen Gebäuden. Für Kitaplätze gibt es Wartelisten im gesamten Kreisgebiet.

Ahrweiler-Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) betont, ukrainischen Schulkindern könne keine reelle Perspektive geboten werden, „so gern wir das auch möchten. Es fehlt uns an Platz, Personal und Unterstützung, zum Beispiel durch Dolmetscher und Psychologen. Am Ende sind die Geflüchteten die Leidtragenden.“

... hilft dessen Frau Valentyna dabei, Essen an die Menschen auszugeben, die der Verein nach wie vor im Flutgebiet im Kreis Ahrweiler unterstützt.
... hilft dessen Frau Valentyna dabei, Essen an die Menschen auszugeben, die der Verein nach wie vor im Flutgebiet im Kreis Ahrweiler unterstützt.
Foto: picture alliance/dpa

Der Kreis Ahrweiler mit auch vielen Kommunen ohne Flutschäden versucht gleichwohl nach eigenen Angaben, Kriegsflüchtlingen auf mehreren Ebenen zu helfen, auch etwa mit einem Onlineportal und einer Hotline in ukrainischer Sprache. In Schulen gebe es Förderungen von Deutschkenntnissen und in der Kreisvolkshochschule Deutschkurse. Der rheinland-pfälzische Integrationsstaatssekretär David Profit (Grüne) spricht von „wahrer Größe der Menschen und der Kommunalpolitik“ im Ahr-Landkreis mit ihrer Hilfe für Ukrainer.

Sehnsucht nach der Heimat

Valentyna Ridvanskaya sagt, ihre Töchter vermissten die Freundinnen in der Ukraine. „Sie lernen aber schneller Deutsch als wir Erwachsenen.“ Richtig glücklich ist die Geflüchtete trotz aller Hilfsbereitschaft im Flutgebiet nicht: „Ich muss immer an meine Schwester und meinen Bruder, ihre Familien und an meine Freunde denken, die noch in der Ukraine sind.“ Mit ungewissem Schicksal. Erst habe sie geglaubt, nur für ein oder zwei Wochen aus ihrer Heimat zu fliehen. „Aber jetzt denke ich, dass der Krieg länger dauern wird.“