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Opppenheim

Mit der Begine Oppenheim erkunden: So manches über Adel und Klostergeflüster erfahren

Die Stadtführerinnen von Oppenheim lassen die Beginen der Stadt wieder auferstehen. Sie schlüpfen in das schlichte graue Gewand, das an die Nonnentracht erinnert, aber keine ist.

Bei einem Ausflug nach Oppenheim darf ein Besuch der evangelischen Klosterkirche nicht fehlen. Foto: Heidrun Braun
Bei einem Ausflug nach Oppenheim darf ein Besuch der evangelischen Klosterkirche nicht fehlen.
Foto: Heidrun Braun

Als Beginen wurden ab dem 12. Jahrhundert in den Niederlanden und ab dem 13. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich, Oberitalien und in der Schweiz die Angehörigen einer Gemeinschaft christlich andächtigen Lebens ohne Klostergelübde bezeichnet. Oppenheim hatte drei Beginenhäuser, in denen Frauen in christlicher Gemeinschaft zusammenleben konnten. Ohne in das Kloster einzutreten oder ein Gelübde abzulegen, standen sie weitgehend autonom dem Oppenheimer Franziskaner-Kloster nahe. Für ihren Lebensunterhalt sorgten sie selbst, gingen keine Ehe ein und waren hauptsächlich in der Pflege und Heilkunde tätig. Nicht überall waren die Beginen gern gesehen und standen als „falsche Nonnen“ vielfach in der Kritik der Kleriker. In Paris wurde die Begine Marguerite Porete sogar der Ketzerei beschuldigt und am 1. Juni 1310 auf der Place de Grève verbrannt. Sie war die erste Begine, die der Inquisition zum Opfer fiel, weil sie in einem Buch beschrieb, dass die Seele keiner Heilsvermittlung durch die Kirche bedarf, um mit Gott im Gutsein und in der Liebe eins zu sein. Trotz eines entbehrungsreichen Lebens und aller geschichtlichen Wirren gab es Beginen in Europa bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Auch Männer, die Begarden, entschieden sich für diese fromme Lebensweise, ohne einem Orden anzugehören.

Die Oppenheimer Stadtführerinnen präsentieren die Stadt unter dem Motto „Zwischen Quacksalbern, Adel und Klostergeflüster“ aus der Sicht dieser Frauen, die es in mittelalterlichen Zeiten schwer hatten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auf dem Weg durch die Straßen Oppenheims werden Geschichten um das mittelalterliche Kräuterwissen und die Heilkunst von der Wiege bis zum Tod erzählt. Außerdem haben sie viele Anekdoten zum Sticken, Weben, Backen, Kochen und Bierbrauen sowie zum Unterricht an den Mädchenschulen und Frauenklöstern in den rauen Zeiten des Mittelalters parat. Ein wichtiges Ziel der Stadtführung ist die evangelische Katharinenkirche, die als weithin sichtbares Schmuckstück den Ort majestätisch überragt. Sie wird in einem Atemzug mit dem Straßburger Münster und dem Kölner Dom genannt. Ihr Bau begann im 13. Jahrhundert. In Abschnitten wurde sie in den folgenden zwei Jahrhunderten zu dem sakralen Prachtbau um den sich viele Geschichten und politische Ereignisse ranken. Besonders bekannt ist die Legende um die Oppenheimer Rose, bei der sich ein Lehrjunge beim Ausfertigen einer Fensterrose hervortat, die ihm besonders gut gelang, weil er sich nicht an die Anweisungen seines Meisters hielt. Der Legende nach soll sein Meister darüber so erbost gewesen sein, dass er ihn vom Gerüst gestoßen haben soll und der Lehrjunge zu Tode kam.

In der Katharinenkirche befinden sich 60 Glasfenster, die über einen Zeitraum von mehr als 700 Jahren geschaffen wurden. Die „Ratsrose“ bleibt aber das berühmteste der Fenster. Sie zeigt im Zentrum das Wappen der Stadt Oppenheim um das 32 Wappen adeliger und bürgerlicher Familien gruppiert sind. Die Rose versinnbildlicht den Rat der Stadt Oppenheim. Es ist das einzige mittelalterliche Fenster der Kirche, dessen Entstehungszeit um 1332 relativ genau bestimmbar ist. Ein Kleinod ist der Taufstein, den der in Oppenheim geborene Architekt Paul Wallot entwarf. Er war Zeitgenosse von Martin Gropius und wurde bekannt, als er in Berlin den Wettbewerb für den Bau des Reichstagsgebäudes gewann. Das Besondere an seinem Entwurf war die verglaste Kuppel. Der Taufstein wird als eine Vorarbeit für die Kuppelentwürfe gesehen.

Der Marktplatz der Stadt ist ein geselliger Ort mit vielen Restaurants, Cafés und Weinstuben. Im Deutschen Weinbaumuseum wird die Geschichte des Weinbaus in Deutschland erzählt. Steile Treppen führen tief hinunter in die Oppenheimer Unterwelt, die sich unter dem Marktplatz auftut. Der lockere Lehmboden machte es den Oppenheimern leicht, die Kellergänge und Gewölbe zu graben, doch lief nicht immer alles wie gewollt, weil der Boden unter den Häusern durchaus seinen „eigenen Willen“ hatte. Die Keller waren untereinander verbunden und die Oppenheimer konnten unterirdisch bis in die Nachbarorte Nierstein und Dexheim gehen. Heute werden verschiedene thematische Führungen durch die Gewölbe angeboten. Heidrun Braun

Infos: Rheinhessen-Touristik GmbH, Kreuzhof 1, Nieder-Olm, Telefon 06136/923.980, www.rheinhessen.de.

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