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Höhr-Grenzhausen

Euler, Schnatzen und Krossenbäcker

Wenn die Flammen aus dem gemauerten Brennofen bei 1200 Grad um das Salzglasierte züngeln und später der von Hand geführte Pinsel mit blauer Farbe Muster auf die Kanne zaubert, ist das die traditionelle Art, um Keramik im Westerwald herzustellen. Das so hergestellte Steinzeug ist nicht nur schön anzusehen und ein Unikat, sondern hält Spülmaschine, Mikrowelle und Backofen stand.

Westerwälder Tonwaren sind weltweit gefragt und geschätzt. Foto: Heidrun Braun/Rheinland-Pfalz Tourismus
Westerwälder Tonwaren sind weltweit gefragt und geschätzt.
Foto: Heidrun Braun/Rheinland-Pfalz Tourismus

Das Brexbachtal im Westerwald ist das Zentrum des Kannenbäckerlandes. Die Kannen in den Wappen der Städte Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach signalisieren den Stolz auf das uralte Gewerbe der Töpferei. Zum Töpfern braucht man Ton, den es im Westerwald nicht nur in großen Mengen, sondern auch in besonders guter Qualität gibt. Schon seit mehr als 200 Jahren sind die in Beschaffenheit und Umfang einzigartigen Tonvorkommen des Westerwaldes weltweit gefragt und geschätzt. Es ist die größte zusammenhängende Tonlagerstätte Deutschlands, und der Ton zeichnet sich durch eine sehr feine Körnung, hohen Tonerdegehalt und guter Formbarkeit aus.

Das Brennen von Ton, um ihn haltbar und stabil zu machen, gehört zu den frühen Fertigkeiten des Menschen. Scherbenfunde aus der Jungsteinzeit, also um 4000 Jahre v. Chr., belegen, dass damals schon Keramiken im Westerwald hergestellt wurden.

Die Blütezeit des Töpferhandwerks begann im Mittelalter. Aus dieser Zeit existiert der erste schriftliche Beleg für einen Töpferofen in Höhr. Das Gesetz aus dem Jahr 1402 bestimmte, dass der Ofen nur dreimal im Jahr entzündet werden durfte. Immerhin verursachten die Brennöfen eine Menge Qualmerei. Auch die Zahl der Euler, abgeleitet vom lateinischen „olla“ für Topf, war auf drei beschränkt. Doch das sollte sich bald ändern. Der reichlich vorhandene Ton, genügend Holz aus dem Westerwald und die Lage an der Salzstraße, die das Salz für die Glasur lieferte, prädestinierten die Region für das Töpferhandwerk. Eine neue Qualität der bis dahin einfachen Gefäße brachten Töpfermeister aus dem Siegburger Land mit, die sich von den guten Bedingungen angelockt im Westerwald niederließen. Der Konkurrenzdruck bei der Produktion von Kannen als Massenware stieg, und die Spreu trennte sich vom Weizen. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung „Schnatzen“ für Töpfer, die ihre Meisterprüfung nicht bestanden hatten. Ihnen war es nicht erlaubt, die sogenannte Kaufmannsware herzustellen. Sie produzierten vor allem Pfeifen. Im 18. Jahrhundert kamen die Krossenbäcker dazu, die als Kunsthandwerker für ihre schönen Krüge bekannt waren. So wie sich das blaue Salzglasierte als Markenzeichen des Kannenbäckerlandes durchsetzte, wurde in der Zunft nach Krug-, Kannen- und Pfeifenbäckern unterschieden.

Das blaue, kunstvoll bemalte salzglasierte Geschirr ist bis heute ein Renner unter den Keramikliebhabern. Doch dabei ist es nicht geblieben. Jeder der Töpfer hat seine eigene Handschrift, und die Auswahl an Design, Farben und Formen ist riesig. Das ganze Jahr über öffnen die Töpfer und Künstler rund um Höhr-Grenzhausen ihre Läden und Werkstätten. Außerdem treten sie gemeinsam bei Veranstaltungen auf. Den Anfang macht alljährlich im April die beliebte Veranstaltung „Höhr-Grenzhausen brennt Keramik“. Im Juni folgt der Europäische Keramikmarkt in Höhr-Grenzhausen und im Oktober der Europäische Töpfermarkt in Ransbach-Baumbach. Mit der Geschichte des Tons setzt sich das Tonbergbaumuseum in Siershahn auseinander. Für den Nachwuchs sorgt das Bildungs- und Forschungszentrum Keramik und für die Wahrung der Tradition Europas größtes Keramikmuseum in Höhr-Grenzhausen. Dort ist auch zu sehen, dass Keramik zum Beispiel als Autoteil in der Industrie oder Hüftgelenk in der Medizintechnik unentbehrlich geworden ist.

Das ganze Jahr über bietet das Keramikmuseum Freizeitangebote für Kinder und Töpferseminare an. Die Mittwochworkshops im November und Dezember sind dabei eine gute Gelegenheit, das eine oder andere Weihnachtsgeschenk selbst zu gestalten und bei den Töpfern in die Läden zu schauen. Jeweils von 14 bis 16 Uhr geht es in den Workshops am 22. November um Lichterhäuser, am 29. November um Räuchermänner und Duftengel, am 6. Dezember um den Nikolaus, am 13. Dezember um weihnachtliche Girlanden für Wand und Fenster und am 20. Dezember um Gießformen für Engel.

Heidrun Braun

Nähere Informationen: Keramikmuseum Westerwald, Deutsche Sammlung für Historische und Zeitgenössische Keramik, Lindenstraße 13, Höhr-Grenzhausen, Telefon 02624/946.010, www.keramikmuseum.de.

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