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Kirn

Der Wald wird auf den Stock gesetzt: Naturerlebnis im Niederwald bei Schloss Wartenstein

Wenn es im Frühling wärmer wird, aber trotzdem noch ein bisschen feucht ist und die Eichen kräftig im Saft stehen, ist es im Soonwald Zeit zum Lohmachen. Weil heute kaum noch einer weiß, was das eigentlich ist, laden die Forstleute jedes Jahr im Mai Schulklassen aus der Verbandsgemeinde Kirn in den Wald ein, um ihnen zu erklären, was es damit auf sich hat.

Andreas Leyendecker (rechts) und Förster Alexander Bock bei der Arbeit. Foto: Heidrun Braun
Andreas Leyendecker (rechts) und Förster Alexander Bock bei der Arbeit.
Foto: Heidrun Braun

„Manche Kinder haben von ihren Großeltern schon mal etwas davon gehört, aber die meisten wissen nicht, worum es dabei geht“, sagt Andreas Leyendecker, Leiter des Forstamtbüros Bad Sobernheim. Unterhalb des Schlosses Wartenstein, das hoch über dem Hahnenbachtal bei Kirn thront, pflegen die Forstleute eine eigens zu diesem Zweck angelegte Niederwaldfläche. Dort wird den Kindern mit dem traditionellen Handwerkszeug, Heppe und Lohlöffel, jeder Arbeitsgang des Lohmachens vorgeführt, das noch bis in die 1970er-Jahre flächendeckend betrieben wurde.

Rinde am Kälber
Rinde am Kälber
Foto: Heidrun Braun

Seit wann im Soonwald die Eichen geschält wurden, kann heute keiner mehr genau sagen. Nur noch wenige beherrschen das Handwerk. Die Eichenrinde zählt zu den ältesten und wertvollsten Gerbmitteln, die in der Lederindustrie einstmals sehr gefragt waren. Erst mit der zunehmenden Einfuhr ausländischer Rinden, die Gerbstoffe in höherer Konzentration und günstigerer Zusammensetzung enthielten, sowie mit der Entwicklung der Mineralgerbung und der Herstellung preiswerter synthetischer Gerbmittel verlor das Lohmachen seine wirtschaftliche Bedeutung in der Region.

Die Niederwälder und die Lage am Wasser waren der Grund dafür, dass sich im Kirner Land schon im Mittelalter viele Handwerksbetriebe, in denen Leder hergestellt und weiterverarbeitet wurde, ansiedelten. Seit dem 18. Jahrhundert bis in die 1980er-Jahre war Kirn eines der größten Zentren der Lederindustrie in Europa. Für die Familien der Region lohnte es sich deshalb, ein Stück Wald zu besitzen, um jedes Jahr die begehrte Eichenrinde an die Lederindustrie zu verkaufen. Das brachte einen guten Nebenverdienst und obendrein Brennholz für das ganze Jahr ein.

Im Winter wurde im Niederwald alles gefällt, was keinen Gerbstoff lieferte, und zwischen April und Juni geerntet. Von der gesamten Fläche schälten die Lohmacher aber nur ein Zwanzigstel der Bäume, denn eine Eiche braucht 20 Jahre, um den idealen Umfang fürs Lohmachen zu haben. Die Rinde wurde in einer Höhe von zwei Metern mit einem gebogenen Messer, der Heppe, rings um den Stamm durchtrennt und ein Rindenstreifen bis zum Stammfuß abgelöst. Den Rest der Rinde löste man mit dem Lohlöffel möglichst in einem Stück. Erst dann wurde der Stamm in rund einem Meter Höhe gekappt oder wie es fachmännisch heißt: auf den Stock gesetzt. Die Rinde der Äste klopften meist die Frauen mit einem Klöppel los. Auch die Kinder mussten mit anpacken und die getrockneten Rindenbündel nach Hause tragen. Nicht nur das perfekte Schälen, auch das Trocknen war eine Kunst, denn der Regen konnte den Gerbstoff auswaschen und die Rinde wertlos machen. Deshalb wurden die Rinden mit der Außenseite nach oben sorgfältig auf Holzböcke gestapelt oder in Bündeln an gekappte Bäume, sogenannte Kälber, gehängt.

Der auf den Stock gesetzte Wald ist keineswegs tot, im Gegenteil: Die stehen gebliebenen Reste der Eichen schlagen wieder aus. Eine Eiche, die aus dem Samen wächst, braucht 15 Jahre länger, um ein respektabler Baum zu sein. Rehe, Wildkatzen und Haselhühner fühlen sich im Niederwald sehr wohl. Insbesondere die Rehe finden natürlich Gefallen an den vielen jungen Trieben.

In der Informationsstelle des Naturparks Soonwald-Nahe im Kavaliershaus auf Schloss Wartenstein gibt die Erlebniswelt „Wald und Natur“ einen guten Überblick über den Naturraum Lützelsoon. Im benachbarten ehemaligen Stallgebäude werden das Leben und die Arbeit der Lohmacher vorgestellt. Als Pappkameraden zeigen dort Hermann Hey und Karl Otto Körper, wie man die Rinde fachmännisch vom Stamm löst.

Ein Naturerlebnispfad führt mit vielen interaktiven Waldstationen von Hahnenbach über Hennweiler, Kallenfels und Oberhausen zum Schloss Wartenstein. Von Kirn aus gelangt man über die erste Etappe des Soonwald- steiges ebenfalls dorthin. Die Erlebniswelt „Wald und Natur“ hat täglich, außer dienstags und mittwochs, von 10.30 bis 16.30 Uhr geöffnet.

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