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Den Geist Gottes wirken lassen

Betzdorf - „Öffne die Augen meines Herzens, Herr“, singt die Band Pacemaker und stimmt die Gemeinde auf den Reformationsgottesdienst am Montagabend in der evangelischen Kirchengemeinde Betzdorf ein. Rund 650 Gläubige bevölkern das Gotteshaus, um gemeinsam eine stimmungsvolle „Nacht der Entscheidung“ zu feiern. Kerzen auf den Fensterbänken sorgen für eine heimelige Atmosphäre. Aufwendige Technik und Lichtinstallationen, die das Innere der Kirche in verschiedene Farben tauchen, verstärken den besonderen Charakter dieser feierlichen Veranstaltung, in der die Protestanten in einer besonderen Art und Weise an Martin Luther und die Reformation vor beinahe 500 Jahren erinnern.

„Nacht der Entscheidung“, unter diesem Titel steht der alljährliche Reformationsgottesdienst in der evangelischen Kreuzkirche Betzdorf. Dabei begeben sich Mitwirkende und Besucher auf eine Zeitreise am Ende des Mittelalters, um dem Geist des neuen Glaubens nachzuspüren.
Claudia Geimer


Vor der Kirche herrscht im Dunklen mittelalterliches Markttreiben, tummeln sich Mönche, Gaukler, Bauern, Edelfräulein, Ritter und sogar ein Feuerschlucker und Streitaxtwerfer. Fackeln und Feuerstellen weisen den Besuchern den Weg zur dritten „Nacht der Entscheidung“.
Die beiden Moderatoren Janina Hamacher und Rene Wittwer führen in historischen Gewändern durch das Programm. Ein „besonderer Gast“ an diesem Abend ist Jesus Christus, sagen sie, denn er spricht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“.
Nach einem Gebet wechseln sich Musik, Gesang und Videoclips ab. Die jungen Organisatoren haben sich originelle Gedanken zur Ökumene gemacht und einen kleinen Film gedreht. Was passiert, wenn eine evangelische Pfarrerin und ein katholischer Pastor eine Woche lang die Gemeinden tauschen? Beide begeben sich auf eine „Mission impossible“, eine unmögliche Mission. Die Pfarrerin kauft Weihrauch bei einem Handelsvertreter und übt sich im Ave Maria auf Latein. Ihr Kollege zimmert einen Beichtstuhl und sucht vergeblich nach den Hostien. Nach dem Experiment betonen sie, dass sie bei allen Unterschieden einem Gedanken folgen.
Überall in der Kreuzkirche hängen Porträts von Martin Luther. „Er hatte den Mut, Dinge zu verändern“, betonen die Moderatoren. Sie holen zwei Besucher auf die Bühne für ein kleines Reformationsquiz. Wann wurde Luther geboren? Wie viele Thesen hat der Reformator verfasst? Wie verbreitete sich der neue Glaube? Doch nicht nur Luther, sondern ein Weggefährte, Thomas Müntzer, steht in diesem Jahr im Mittelpunkt. Martin Gerhards schlüpft in dessen Rolle. „Er stand auf der Seite der armen Leute und unterdrückten Bauern“, sagt der Pfarrer. Gottes Segen liege auf dem „gemeinen Mann“. Nur die Schrift zählt, sagte Luther. Doch das war Müntzer zu wenig. „Wir sollten mehr auf den Geist Gottes achten“, lautete seine Devise. Er war radikal konsequent in seinem Handeln, ein Fürsprecher der aufständischen Bauern und bezahlte dies mit seinem Leben. Was bleibt von diesem „sperrigen Typen?“, fragt Gerhards und zieht Parallelen zur Gegenwart, zum „Aufbruch“ im arabischen Frühling und zur Protestbewegung gegen unredliche Geschäfte von Banken: „Den Geist Gottes Wirken lassen“. Nach dem Gottesdienst können sich die Besucher mit Stockbrot und Lutherbier für den Heimweg stärken. Claudia Geimer

 

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