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  • Porträt: Peter Higgs und das „Teilchen Gottes“

    Am Anfang einer phantastischen Theorie war ein Freudensprung. „Oh, Sch...“, rief laut der 35-jährige Physiker Peter Higgs am 16. Juli 1964, nachdem er in seiner Wohnung in Edinburgh einen wissenschaftlichen Aufsatz eines Kollegen gelesen hatte. Alles machte plötzlich Sinn. 

    Peter Higgs
    Der britische Forscher Peter Higgs im Fokus des Medieninteresses. 
    Foto: DPA

    London. Am Anfang einer phantastischen Theorie war ein Freudensprung. „Oh, Sch...“, rief laut der 35-jährige Physiker Peter Higgs am 16. Juli 1964, nachdem er in seiner Wohnung in Edinburgh einen wissenschaftlichen Aufsatz eines Kollegen gelesen hatte. Alles machte plötzlich Sinn.

    Higgs hatte eine verrückte Idee, wie die Welt entstanden war und wie sich ihre kleinsten Bausteine zueinander verhielten. Allerdings musste er fast ein halbes Jahrhundert darauf warten, bis die Existenz des von ihm vorhergesagten Teilchens bestätigen werden konnte.

    Nun verkündeten die Wissenschaftler am Kernforschunszentrum CERN, dass das Higgs-Boson mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von eins zu einer Million existiere.

    Es ist eines der größten Rätsel der Gegenwart: Wie und wann kam Masse in die Welt? Und warum wiegen Quarks und Leptonen, beides winzige Atomkern-Bausteine, überhaupt etwas? Die Physiker glauben, dass ein allgegenwärtiges Feld durch eine Wechselwirkung mit den Elementarteilchen Masse erzeugt – so ähnlich wie wenn ein Filmstar auf einer Party Neugierige anziehen würde. Während sich der Prominente durch den Raum bewege, werde er von Menschen umringt, und dadurch erhalte er ständig neues Gewicht, übersetzen die Forscher ihre Formelsprache für Laien. Diese Idee kam zuerst Peter Higgs in den Kopf.

    Er war in seinen jungen Jahren ein kränkliches Kind, das zu Hause unterrichtet wurde. Nach dem Krieg studierte Higgs Physik am renommierten King’s College in London, doch trotz eines erstklassigen Abschlusses bekam er dort keine Anstellung und ging zur Uni Edinburgh. Dort hatte er vor 48 Jahren seinen Geistesblitz. „Ich grübelte ein Wochenende lang“, erinnerte sich später der sanfte Mann mit Halbglatze und einer großen Brille im Metallgestell. „Am Montag schrieb ich Büro meine Gedanken auf, so schnell, wie ich nur konnte“. Wenige Tage später erhielt eine Fachzeitschrift Higgs’ Brief – 79 Zeilen Text, fünf Formeln, ein revolutionärer Gedanke. Er hatte dafür nicht einmal einen Tachenrechner gebraucht.

    Peter Higgs gilt heute in seiner Heimat als „ein Mann, der die Antwort auf das Leben, das Universum und (fast) alles kennt“ (Sunday Times). In der Schottischen Nationalgalerie hängt ein Bild von ihm, ein anderes Porträt hat seine Universität 2009 malen lassen. Doch er erinnert sich noch gut an die Zeit, als seine skeptischen Kollegen ihn einen „Idioten“ genannt haben. Die radikale Idee des Higgs-Bosons (Spitzname: „Gottesteilchen“) wurde zunächst als „nutzlos“ abgetan. Erst der dritte Entwurf der exotischen Theorie fand Beachtung in Wissenschaftskreisen. Plötzlich sprachen alle von Higgs, er war gern gesehener Gast auf Konferenzen. Der Entdecker, den viele als einen „stillen und zurückhaltenden Mann“ beschreiben, war so glücklich über seinen Erfolg, dass er sich in die Arbeit vergrub. Higgs hatte sein Privatleben der Jagd auf das mysteriöse Boson geopfert.

    1972 ließ sich seine Frau von ihm scheiden. Nach der schmerzlichen Trennung hatte der Vater zweier Söhne keine Ruhe, keine Kraft mehr für die Forschung. „Ich hätte viele Dinge lernen müssen, um am Ball bleiben zu können. Aber ich habe es nicht geschafft“, sagte er wehmütig. Mit Mitte 40 fühlte sich Higgs bereits zu alt für neue Durchbrüche, für die eine komplizierte neue Mathematik vonnöten war. Der Professor, der sich bei Greenpeace und den Atomwaffengegnern engagiert hat, lehrte noch in Edinburgh, ehe er 2006 in Rente ging und der Physik weitgehend entsagte. Er verbringt seitdem viel Zeit mit Büchern und klassischer Musik. Higgs benutzt angeblich zu Hause weder ein Handy noch einen Computer, die er für überflüssig hält.

    „Ich hoffe, meine Ärzte halten mich lange genug am Leben, bis das Boson gefunden wird“, sagte er vor einigen Jahren. Gestern war der 83 Jahre alte Physiker überglücklich. „Das ist das Unglaublichste, was je in meinem Leben passiert ist“, jubelte Higgs. „Ich habe meine Familie gebeten, den Champagner kalt zu stellen“. Den kann sich der bescheidene Professor locker leisten: Er hatte 2008 mit dem berühmten Kosmologen Stephen Hawking um 100 Dollar gewettet, dass sein „Gottesteilchen“ existiert.

    Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Markartsev

    Jubel um Entdeckung von winzigem TeilchenPhysiker jubeln: Higgs-Teilchen - fast - nachgewiesen
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