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  • Vorreiter der Schwulenbewegung: John Henry Mackay war Schüler in Birkenfeld

    Birkenfeld. Nur wenige Lieder erfreuen sich auf den Opern- und Konzertbühnen der Welt einer ähnlichen Popularität wie das nach einem Gedicht John Henry Mackays von Richard Strauss komponierte "Morgen!". Fast alle bekannten Dirigenten, Sopranistinnen, Tenöre und Baritone der vergangenen 100 Jahre bis hin zu Kurt Masur, Anna Netrebko und Andrea Bocelli nahmen das Werk in ihr Repertoire auf.

    Foto: frei

    Nicht einmal in der Nazizeit stand das Lied auf dem Index. Dabei besingt darin ein Mann keineswegs seine Freundin, sondern widmet seinem Liebhaber die Schlusszeilen: "Stumm werden wir uns in die Augen schauen, und auf uns sinkt des Glückes großes Schweigen."

    Foto: frei

    Der 1864 in der Nähe von Glasgow geborene John Henry Mackay lebte als Schüler des Gymnasiums von 1880 bis 1883 in Birkenfeld. Obwohl der Sohn eines schottischen Vaters und einer deutschen Mutter in dem autobiografischen Text "Der Freiheitssucher" die Birkenfelder Schulzeit als Beginn seiner homoerotischen Beziehungen angibt, machten sich die Einheimischen ein ganz anderes Bild von ihm. In Erinnerung blieb der blonde, große und schlanke Jugendliche seinem Umfeld nach den Worten des Biografen Karl Färber, weil er mitunter "diese oder jene Birkenfelder Schöne", darunter auch eine Jüdin, "in einem schwärmerischen Gedicht angesungen" habe. Außerdem habe er sich gern "fein" gemacht, um bei "jungen Damen einen guten Eindruck" zu erwecken.

    Eineinhalb Jahrzehnte nach seinem Abschied aus Birkenfeld gehörte Mackay zu den Unterzeichnern, die 1898 mit Hilfe August Bebels eine Petition an den Berliner Reichstag richteten, in der die Streichung des Strafparagrafen 175 verlangt wurde. Zugleich beteiligte sich der Autor an der Finanzierung des "Wissenschaftlich-Humanitären Komitees", mit dem der Nervenarzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld Homosexuelle vor Strafverfolgung bewahren wollte. Weil der Wissenschaftler aber Homosexuelle einem "dritten Geschlecht" zurechnete, wandte sich Mackay später anderen Mitstreitern zu.

    1906 begann er unter dem Pseudonym Sagitta (der Pfeil), seine "Bücher der namenlosen Liebe" zu veröffentlichen, die die "griechische Liebe" zwischen Männern und Jünglingen thematisierten. Prompt beschlagnahmten die preußischen Behörden die ersten drei Bände des auf sechs Teile angelegten Werks. In einem aufsehenerregenden Prozess, in dem sich der angeklagte Verleger weigerte, den Namen seines Autors preiszugeben, hielten sich die Richter nicht beim künstlerischen Wert der umstrittenen Texte auf. Vielmehr werteten sie Mackays Bücher als unzüchtige Schriften und ordneten deren Einstampfung an.

    Die Kosten des Prozesses, die Mackay seinem Verleger erstattete, waren für den Schriftsteller zu verschmerzen. Schwerer wog für ihn, dass nach dem Berliner Urteil die gesellschaftliche Akzeptanz gleich-geschlechtlicher Liebe weiter unerreichbar zu sein schien. Verbittert notierte er: "Noch nie in meinem Leben, so sehr gewöhnt doch an alle Leiden der Einsamkeit, hatte ich mich so verlassen von allen gefühlt wie in dieser Stunde. Es war eine Stunde, wie sie wohl nur der kennt, der sein Leben an eine Sache gesetzt hat und es nun verloren sieht mit ihr." Bis an sein Lebensende stritt Mackay für die Straffreiheit Homosexueller. In der Anonymität Berlins suchte er vorzugsweise im Viertel um den Bahnhof Friedrichstraße seine häufig wechselnden Partner. Zwar lässt Arno Holz in seinem 1896 verfassten Drama "Sozialaristokraten" den von ihm persiflierten John Henry Mackay sagen: "Auch mir ist eine Anklage zugegangen. L … lächerlicherweise auf Grund des Unsittlichkeitsparagrafen."

    Tatsächlich wurde gegen den seit 1897 an der Spree lebenden Dichter nie wegen eines Verstoßes gegen den Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs ermittelt. Das hätte sich wahrscheinlich in der Nazizeit geändert. Die zahlreichen Berliner Szenelokale, die Homosexuellen beträchtliche Freiräume gewährten, waren den SA-Schergen ein besonderer Dorn im Auge. Immer wieder machten NS-Gruppen dort Jagd auf die von ihnen besonders verachteten "Hundertfünfundsiebziger".

    Doch Mackay war zum Zeitpunkt der Machtübergabe an Hitler bereits ein kranker Mann, der am 16. Mai 1933 in der Praxis seines Berliner Arztes an Herzversagen starb. Freunde wollten nicht ausschließen, dass er mit einer Überdosis Morphium seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte. Nachdem bereits der "Betuleten-Freund", das Mitteilungsblatt des Vereins ehemaliger Schüler des Birkenfelder Gymnasiums, 1924 fälschlich den Tod Mackays gemeldet hatte, bewies nun auch die gleichgeschaltete Birkenfelder Lokalpresse, wie sehr man sich in der betulichen Residenzstadt am schriftstellerischen Glanz Mackays wärmte, ohne den Verstorbenen gelesen und verstanden zu haben. Stolz lobten die Naziredakteure in ihrem Nachruf einen Homosexuellen als bedeutenden (Birkenfelder) Dichter, dem, wenn er noch länger gelebt hätte, KZ-Haft nicht erspart geblieben wäre und dessen Bücher Goebbels in Berlin bereits verbrennen ließ.

    Immerhin hatte Mackay in seinem Gedicht "Heimat" Nationalisten ins Stammbuch geschrieben: "Ihr klammert Euch an kleinliche Gedanken / An jenes Land, wo Zufall Euch gebar, / Und fühlt Euch wohl in seinen engen Schranken. / Ob menschlich jemals solche Liebe war?" Axel Redmer

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