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    Nur 15 Prozent der Vergewaltiger sind Fremdtäter: Professorin räumte mit Mythen auf

    Idar-Oberstein -Diese Frau hatte viel Überdenkenswertes zu sagen: Auf Einladung des Frauennotrufs Idar-Oberstein in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde Idar und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Gertrud Wipfler, ging Professor Dr. Barbara Krahé, Universität Potsdam, auf das Thema „Auswirkungen von Vergewaltigungsmythen auf die Beurteilung von Tätern und Opfern sexueller Gewalt“ ein. Neben einer großen Bandbreite verschiedener Berufsgruppen waren auch von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen unter den Zuhörenden.

    Professor Dr. Barbara Krahé.
    Professor Dr. Barbara Krahé.
    Foto: Hosser

    Idar-Oberstein -Diese Frau hatte viel Überdenkenswertes zu sagen: Auf Einladung des Frauennotrufs Idar-Oberstein in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde Idar und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Gertrud Wipfler, ging Professor Dr. Barbara Krahé, Universität Potsdam, auf das Thema „Auswirkungen von Vergewaltigungsmythen auf die Beurteilung von Tätern und Opfern sexueller Gewalt“ ein. Neben einer großen Bandbreite verschiedener Berufsgruppen waren auch von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen unter den Zuhörenden.

    Pfarrerin Angelika Röske begrüßte die Gäste; Notruf-Mitarbeiterin Barbara Zschernack erläuterte den Anlass für die Veranstaltung: „Einerseits führt der Kachelmann-Prozess zum Thema hin, weil dieser das Thema Glaubhaftigkeit bei Sexualstrafdelikten in eine breite Öffentlichkeit gebracht hat. Andererseits geht es uns um die traurige Tatsache, dass sich zwar insbesondere durch die Einführung des Gewaltschutzgesetzes und die intensiven Schulungen der Polizei die Situation bei Beziehungsgewalt verbessert hat, aber die Zahl der Strafanzeigen nach einer Vergewaltigung und ebenso die Anzahl der Verurteilungen rückläufig sind.“
    Die Referentin, die sich in ihrer täglichen Arbeit schwerpunktmäßig mit der Verarbeitung sozialer Informationen beschäftigt, vermittelte zuerst Grundlagen:
    Nur 15 Prozent der Vergewaltiger sind Fremdtäter, fast 50 Prozent dagegen (Ex-)Partner, die restlichen sind flüchtige Bekannte, Nachbarn, Kollegen... Die meisten Taten passieren in der Wohnung oder in anderen Räumen, nicht im Freien. Sie erläuterte: „Im Gehirn bestehen bereits vorgefertigte Denkformate zu dem Thema, hier also vorgefertigte Meinungen über die Merkmale einer 'echten' Vergewaltigung, es muss nicht neu über etwas nachgedacht werden, das ist einfach und sehr alltagstauglich. Das ist das Kernproblem aus meiner Sicht.“ Bei der juristischen Bewertung von Vergewaltigungsfällen fehle dann das genaue Prüfen und Abwägen zwischen den Aussagen der Frau und des Beschuldigten, es wird sozusagen nach Schema „F“ vorgegangen. In der Praxis bedeute das, dass alleine der Tatort „Wohnung“ plus die Information „Beziehungstat“ die Hirnverknüpfung „unechte“ Vergewaltigung herstellt.
    In den zwei anschließend vorgestellten Studien wurden 129 Rechtsreferendare und 122 erfahrene Juristen zu konstruierten Vergewaltigungsfällen befragt, um ihre Vergewaltigungsmythenakzeptanz (VMA) zu untersuchen. Die Rechtsreferendare sollten die Verantwortlichkeit des Angeklagten und des Opfers einschätzen. Je stärker die Zustimmung zu Vergewaltigungsmythen desto geringer wurde die Täterverantwortung bewertet und desto mehr Verantwortung, Mitschuld im moralischen Sinne, sahen sie bei den Opfern. An dieser Beurteilung änderte sich auch dann nichts, wenn ihnen vorher die Definition des Tatbestandes aus dem Strafgesetzbuch vorgelegt wurde...
    Am Beispiel von Informationsbroschüren von Frauenberatungsstellen machte sie deutlich: Nach der Lektüre sank bei der befragten Gruppe (Studierende) die VMA nur sehr gering, wenn sie zuerst die Vergewaltigungsmythen lasen. Am niedrigsten war dieser Wert, wenn die Mythen nicht benannt, sondern nur entkräftet wurden. Krahé lobte bei dieser Gelegenheit den Flyer des Idar-Obersteiner Frauennotrufs, da er keine Mythen wiederholt und damit unbeabsichtigt festigt. Ihr Fazit: „Der Konsens bezüglich der Gewaltanwendung und des Druckausübens muss aufgeweicht werden: Und dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe.“ Im Sexualkundeunterricht müsse früh eine Aufklärung eingebunden werden, die Mythen und Geschlechterrollenklischees entlarvt. Um die Anzeigebereitschaft zu erhöhen, sei die Situation für betroffene Frauen bei den Ermittlungsbehörden und in der Gerichtsverhandlung zu verbessern. Abschließend fordert die Referentin eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in Forschung und Praxis.
    Das Team des Frauennotrufs entschied sich für Barbara Krahé, da Notruf-Mitarbeiterin Susanne Findler die Wissenschaftlerin bereits im vergangenen Jahr beim Kongress „Strafsache Sexualdelikte“ des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen in Berlin gehört hatte. Susanne Findler betont: „Die Ausführungen haben unsere Erfahrungen vor Ort bestätigt: Selbst Fachleute bilden sich ihr Urteil über die Glaubhaftigkeit von geschilderten Vergewaltigungen nicht auf der Grundlage der gesammelten Informationen in der Ermittlungsakte. Sie schätzen den Sachverhalt meist unbewusst auf der Grundlage von stereotypen Vorstellungen über Vergewaltigungsopfer und -täter ein.“ Notruf-Mitarbeiterin Barbara Zschernack berichtet: „Jede siebte Frau wird ein Mal in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung oder einer schweren sexuellen Nötigung. Die Dunkelziffer liegt bei 95 Prozent. Das heißt: Nur 5 Prozent der Taten werden angezeigt. Davon führten im Jahr 2008 nur knapp 15 Prozent zur Verurteilung. Deutschland liegt im Vergleich mit ausgewählten europäischen Ländern übrigens bezüglich der Anzeigebereitschaft mit 13 Prozent nur im Mittelfeld.“(vm)

    Idar-Oberstein Birkenfeld
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