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  • "Mein Kampf": Auch im Kreis gibt es reichlich Vorbestellungen für kritische Edition

    Kreis Birkenfeld. Hitlers Propagandawerk ist seit dem 8. Januar wieder frei verkäuflich. Die erste Auflage von "Hitler, Mein Kampf - Eine kritische Edition", herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte in München, polarisiert. Abscheu, Angst, Neugier? Das Werk stößt auch im Kreis Birkenfeld auf Interesse.

    Von unserer Redakteurin Vera Müller

    "Wir haben es nicht vorrätig, weil wir der Ansicht sind, dass eine solche Schrift nicht noch öffentlich gezeigt werden sollte. Auf Kundenwunsch können wir das Buch bestellen, aber es ist momentan nicht lieferbar", berichtet Christine Werle von der Obersteiner Buchhandlung Schulz-Ebrecht. Man habe auch schon Kundenbestellungen, "mehr als ich es für mein eigenes persönliches Empfinden vermutet hätte". Der Verlag sei momentan noch am Nachdrucken, da die erste Auflage nicht sonderlich hoch war und schon ausverkauft ist. "Es wird, denke ich, in den nächsten Tagen geliefert werden."

    Auch vonseiten der Buchhandlung Carl Schmidt in Idar heißt es: "Wir können es gern vorbestellen. Nur ist der Verlag völlig überfordert mit der Nachfrage, sodass es voraussichtlich erst Anfang Februar zur Auslieferung kommen kann." Nachgefragt werde das Buch, das könne man schon feststellen.

    Abstruses Gedankengut

    Wie ist das einzuschätzen? Die NZ fragte Historiker Axel Redmer, der zugleich Vorsitzender des Shalom-Vereins Idar-Oberstein ist: ",Mein Kampf' ließ sich spätestens seit dem Aufkommen der Flohmärkte in den 1970er-Jahren leicht erwerben. Schließlich wurde das Buch bis 1945 jedem frisch vermählten Ehepaar in die Hand gedrückt, hatte also eine massenhafte Verbreitung und fand sich auch nach dem Krieg noch auf manchem Dachboden, wo es dann im Laufe der Jahrzehnte irgendwann den Nachkommen in die Hände fiel, wenn es nicht in der unmittelbaren Nachkriegsphase und der Zeit der Entnazifizierung vernichtet wurde."

    Gemessen an der bisherigen Verbreitung des Machwerks, sei es zu begrüßen, dass seit Jahresanfang kommentierte Ausgaben auf dem Buchmarkt erscheinen: "Ich glaube aber, dass der Reiz, ein seit Jahrzehnten geächtetes Buch jetzt überall kaufen zu können, rasch abklingen wird. Die Gedankengänge des größten Massenmörders in der deutschen Geschichte sind zu abstrus - vor allem im Kapitel ,Volk und Rasse' - , um für eine größere Leserschaft heute noch anziehend sein zu können. Und der ausführliche Anmerkungsapparat, wie in der Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte, ist sehr sperrig." Eine nennenswerte Gefährdung sieht der frühere Landrat in der freien Zugänglichkeit von "Mein Kampf" nicht.

    Erik Zimmermann, Hottenbacher Pfarrer und Historiker, kommentiert: "Bereits vor dem Erscheinen der Neuausgabe gab es 15 000 Vorbestellungen. Die Zahl klingt zuerst einmal hoch und hat die Erwartungen der Herausgeber übertroffen. Kein Wunder, dass die ersten 4000 Exemplare sofort vergriffen waren." Doch auf ganz Deutschland umgerechnet, sei die Zahl "doch eher mäßig", meint Zimmermann. Nach einem "Bestseller" höre sich das (noch) nicht an.

    Andere schätzen das anders ein und bewerten die Zahl als hoch. Das Buch sei bis jetzt unter Verschluss gewesen, und sein Erwerb galt als anrüchig. Jetzt seien viele neugierig und wollen einen Blick hineinwerfen. Die Ernüchterung werde spätestens eintreten, wenn man das zweibändige Schwergewicht mit fast 2000 Seiten in Händen halte. Zimmermann: "Es ist ja nicht der unveränderte Nachdruck von Hitlers Hetzschrift, sondern eine wissenschaftlich-kritische Ausgabe. Im Fokus stehen Schulen, Universitäten, Wissenschaftler und historisch interessierte Leser, die sich mit dem Nationalsozialismus kritisch auseinandersetzen wollen." Jene, die sich die kommentierte Fassung aus Neugier kaufen, dürften enttäuscht sein. Der Originaltext sei zwar auch enthalten, aber von 3700 Fußnoten "umzingelt": "Fußnoten zu lesen, das weiß ich von meinen eigenen Veröffentlichungen, macht den wenigsten Lesern Spaß."

    Andere Foren zur Verfügung

    Der 59 Euro teure Zweiteiler werde darum wohl bald im Bücherschrank verstauben. Wirklich neue Erkenntnisse würden die Leser ohnehin nicht gewinnen. Aufgrund der täglichen Dosis "Hitlertainments" und der Flut leicht verdaulicher TV-Dokus mit originalen Ton- und Bildaufnahmen wisse man zur Genüge Bescheid über Hitlers Kriege, Gehilfen und Geliebte. "Bleibt die Gruppe der rechtsradikalen Leser: Sie werden sich im Zweifelsfall längst die unkommentierte Ausgabe auf dem Gebraucht- oder grauen Markt besorgt haben. Der Handel mit Gebrauchtausgaben war in Deutschland ja nie verboten", betont Zimmermann. Eine andere Frage sei, ob die verworrene Mischung aus Nationalismus, Antisemitismus und Imperialismus die Menschen mehr als 90 Jahre nach Entstehung der Propagandaschrift noch anspreche: "Die Sprache wirkt heute antiquiert und hölzern. Vor allem aber stehen der rechten Szene inzwischen ganz andere, gefährlichere Formate zur Verfügung, um ihre Hassbotschaften zu verbreiten, etwa über Videobotschaften oder rechtsradikale Foren im Internet."

    Sogar Hitler selbst habe seinem 1924 in der Haft zusammengebastelten Buch nur begrenzte Wirkkraft zugetraut. Der Demagoge habe gewusst, dass die Stimme immer Vorrang vor dem gedruckten Wort habe. Das bestätigten die Hunsrücker Schulchroniken aus der Zeit des Dritten Reiches, sofern die Seiten nicht nach dem Krieg entfernt wurden. "Sie berichteten, wie sich bei öffentlichen Auftritten Hitlers das ganze Dorf um einen Volksempfänger, häufig in der Schule, scharte, um gebannt den Worten des Führers zu lauschen", weiß Zimmermann. Eine solche verführerische Wirkung habe "Mein Kampf" schon damals nicht gehabt - und werde sie auch heute nicht haben.

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