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    Reichenbach/LondonAb 1868 Blasmusik exportiert: Brüder aus Reichenbach spielten am Hof von Königin Victoria

    1868 in Reichenbach: Das deutsche Kaiserreich als Nationalstaat ist noch nicht gegründet, das Automobil noch nicht erfunden, und die meisten Bewohner der Nahe-Westrich-Region führen ein eintöniges Leben, das von entbehrungsreicher Arbeit in der Landwirtschaft geprägt ist. Aus dieser Enge bricht Jakob Geis, ein junger Mann und begabter Musiker von Anfang 20, auf in eine ungewisse Zukunft.

    Von unserem Mitarbeiter Gerhard Müller

    Vermutlich mit zwei oder drei weiteren Musikern an seiner Seite sucht er sein Glück in England. Über seine Motive und Ziele ist nichts bekannt. Fest steht aber, dass Jakob Geis es an der Seite seines Bruders Christian, der ihm 1870 folgte, zu großem Erfolg brachte. Sogar am Hof der englischen Königin Victoria spielten die Reichenbacher Brüder mit ihrer Royal Prussian Band. Die Liebe zur Musik wurde ihnen vermutlich von ihrer Mutter, 1820 als Karoline Lauer in Nohen geboren, in die Wiege gelegt. Sie spielte B-Klarinette und brachte dieses Instrument ihren Söhnen nahe.

    Gleich nach ihrer Ankunft begannen Jakob und seine Begleiter, auf der Straße zu spielen, um so Geld zu verdienen, und gründeten bald darauf eine vier- bis fünfköpfige Kapelle. Blasmusik, besonders Marschmusik, war für die Engländer etwas Neues und erfreute sich wachsender Beliebtheit.

    Nach seinem ersten Heimataufenthalt nahm der nun 24-jährige Jakob seinen zehn Jahre jüngeren Bruder Christian sowie zwei verwandte Musiker aus Berglangenbach mit nach England. Noch im gleichen Jahr gründeten die Musiker eine Kapelle, Prussian Band. Den Zusatz Royal, also königlich, durften sie erst später nach einigen erfolgreichen Auftritten am Königshof mit Genehmigung der Königin Victoria, verwenden. Nebenbei bildete Jakob Geis seine Bandmitglieder an mehreren Instrumenten weiter aus. Der junge Christian mauserte sich zu einem ausgezeichneten B- und S-Klarinettisten. Darüber hinaus begann er, eigene Werke zu komponieren, und schrieb bekannte Stücke passgenau für die Band um.

    1885 nahm Jakob Geis seine gesamte Familie mit nach England, wo seine Tochter Ida 1888 geboren wurde. Sie wuchs die ersten sechs Jahre in London auf und sprach perfekt Englisch. In den frühen 1890er-Jahren wurde Robert Geis, ein Neffe von Jakob und Christian, bei einem Heimaturlaub buchstäblich überredet, sich der Kapelle anzuschließen. Wie lange er in England blieb, ist leider nicht bekannt. Zunächst spielte die Prussian Band im Zentrum Londons, wo die Musiker Konzerte in Sälen und Platzkonzerte und auf großen Marktplätzen gaben. Ihre Anhängerschar wuchs von Tag zu Tag, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das englische Königshaus auf die deutschen Musiker aufmerksam wurde. Die 14 Männer in ihren schicken Uniformen wurde von Königin Victoria in den Buckingham Palace eingeladen.

    Fast jedes Jahr ging es in die Heimat

    Bei ihren Heimaturlauben erzählten die Musiker, dass sie zu unterschiedlichsten Anlässen für die musikalische Unterhaltung im Königshaus verpflichtet wurden. Viele Jahre spielte die Kapelle, nun als Royal Prussian Band, in den Wintermonaten in der englischen Metropole und in den Sommermonaten als Kurkapelle an der gesamten Südküste Englands von Plymouth bis Dover. Besonders oft hielten sich die Brüder Geis in den Küstenstädten Torquay in der Grafschaft Devon und Seaford in East Sussex auf. Regelmäßig besuchten die Musiker, Jakob immer mit Frau und Kindern, im Frühjahr und im Spätherbst ihre Verwandten und Freunde in der Heimat.

    Auch in Reichenbach war ihre Musik bald sehr beliebt. Als am 10. November 1883 die evangelische Kirchengemeinde den 400. Geburtstag des Reformators Martin Luther feierte, führte Jakob Geis mit seiner Band den abendlichen Fackelzug mit Lampions und Glockengeläut an. "Mehr als 1000 Kehlen sangen ,Eine feste Burg ist unser Gott' unter Begleitung der Kapelle Geis", vermerkt die Schulchronik dazu. Wie erfolgreich die Gebrüder Geis nun waren, beweist die Tatsache, dass die komplette Band 1890 auf einem riesigen Dampfer eine Seereise in die Vereinigten Staaten unternahm. Drei Jahre verbrachte die Band in Boston. Dies ist auch im Auswanderungsregister der Ortsgemeinde Reichenbach nachgewiesen.

    Auch im fernen Amerika konnte die Kapelle viele Zuhörer in ihren Bann ziehen. Leider sind von dieser abenteuerlichen und langen Reise keine weiteren Einzelheiten überliefert. 1893 ging es wieder zurück nach London.

    Bei einem Heimaturlaub erzählte Christian Geis vom berühmten Londoner Nebel, der so dicht sei, dass man ihn mit dem Messer schneiden könne. Dies ungewohnte Wetter, aber auch das immer stärker werdende Heimweh von Jakobs Ehefrau Luise veranlasste ihn 1894, mit seiner Familie England den Rücken zu kehren. Er kaufte einem Auswanderer in Reichenbach ein Haus ab, das alte Haus Konsum, und lebte dort mit seiner Familie bis zu seinem Tod 1923. Sein Bruder Christian übernahm die Leitung der Band. Als seine Tochter Karolina 1900 auf die Welt kam, beendete auch er seine überaus erfolgreiche 30-jährige Tätigkeit als Musiker in der Ferne. Wieder in der Heimat angekommen, folgte er dem Beispiel seiner Mutter und brachte seinen Söhnen das Musizieren bei. Jakob junior, geboren 1896, spielte B-Klarinette, Hermann, Jahrgang 1901, ebenfalls und der 1907 geborene Walter Trompete. Christian Geis selbst musizierte weiterhin auf der S-Klarinette.

    Ihren ersten Auftritt hatte die neue Geis-Kapelle 1925. Christians jüngster Sohn war gerade 18 Jahre alt geworden und durfte beim Bezirkstag des Nahe-Idartal-Turngaus spielen. Ergänzt wurden die vier Geis-Musiker durch die drei Berglangenbacher Hermann Lauer, Julius Lauer, genannt Jarres, und einem als "roter Lauer" bekannten Bruder, dessen Vorname nicht überliefert ist. Die drei Lauers kamen jeden Sonntag mit ihren Instrumenten zu Fuß zur Probe nach Reichenbach. Wenn einmal nicht geprobt wurde, stand Walter Geis am Fenster und spielte die Arie "Behüt dich Gott, es wär so schön gewesen" aus der Oper "Der Trompeter von Säckingen" von Victor Ernst Nessler. Christian Geis schrieb weiterhin Noten für seine Kapelle um, sang zu einzelnen Liedern und komponierte auch passende Werke zu vielen Auftritten.

    Noch heute bekannt ist seine Polka von 1929: "In Reichenbach ist Kirmes". Geprobt wurde im Haus von Jakob Geis, das früher Spenglersch Haus hieß und 1944 durch eine Bombe zerstört wurde. Als zweiter Proberaum diente das damalige Haus von Christian Geis, heute "Auf dem Schoss" 15. Walter Lamberty, 1928 geboren, berichtet, dass er als kleiner Junge in der Küche der Musik lauschte. Auch Altortsbürgermeister Walter Schmidt erzählt, dass oft bei Proben im Haus von Christian Geis am Sonntagvormittag das Fenster weit offen stand und sich viele Reichenbacher einfanden, die zu den Klängen der Kapelle auf der Straße tanzten. Allein in Reichenbach folgten von 1925 bis 1938 unzählige Auftritte bei öffentlichen Veranstaltungen, aber auch bei privaten Feiern. In der Schulchronik sind insgesamt 28 Auftritte der Geis-Kapelle notiert. So gestalte sie am 15. Mai 1927 die Einweihung der Banner des Fußballvereins FC Union Reichenbach ebenso mit wie die Fahnenweihe des Turnvereins, die vom 9. bis 11. Juli 1927 auf der Festwiese groß gefeiert wurde. Ein weiterer Auftritt war beim Bezirksturnfest des Nahe-Idartal-Gaus 1929, als die Musiker den großen Festzug anführten und abends für Tanzmusik verantwortlich waren. 1930 als der wiedergegründete Gesangsverein erstmals in der Öffentlichkeit auftrat, spielte die Kapelle zum Tanz auf und führte im selben Jahr den Festzug vom Ort zum Freudenfeuer am Sportplatz an, wo das Ende der zwölfjährigen Besatzungszeit begangen wurde.

    Neue Geis-Kapelle war sehr aktiv

    Regelmäßig umrahmten die Geis-Musiker die Feier zum Gefallenengedenken am Ehrenmal, führten den Fackelzug zur Mainacht und Sonnenwendfeier an und beteiligten sich am Erntedankfest. Dem Ungeist der NS-Zeit konnten sie sich nicht entziehen wie Auftritte an "Führers Geburtstag" und bei der Weihe der Hitlerlinde im Ort belegen.

    Eine neue Bedeutung verlieh die Geis-Kapelle aber auch der Kirmes in Reichenbach. Als 1937 durch die Entstehung des Truppenübungsplatzes der Ort Breungenborn aufgelöst wurde, spielte sie zur großen Feier des letzten Michaelismarktes. Danach ging der bedeutende Markt in die Obhut der Gemeinde Reichenbach über. Ein Jahr später freuten sich die Reichenbacher über das rege Treiben bei der geerbten Traditionsveranstaltung, bei der unzählige Ferkel und Schafe gehandelt wurden.

    Doch die Kapelle war weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt und erhielt bis ins Saarland hinein Einladungen, die unterschiedlichsten Feste musikalisch zu begleiten. Ein Auto besaß niemand, und so mussten die Musiker zu Fuß, die Instrumente auf einem Handwagen, die teils weiten Strecken zurücklegen. Sie taten es ohne Murren und waren schon zufrieden, wenn ihre Musik etwas von den Alltagssorgen ablenken konnte. Gezahlt wurde meist in Naturalien.

    Der letzte Auftritt der Geis-Kapelle war an Hitlers Geburtstag am 20. April 1938, als Schule und Ort geschmückt waren die Musiker den Festzug durch den Ort führten und schließlich im Saal zum Tanz aufspielten. Christian Geis hatte Probleme mit seiner Lunge. Das Klarinettespielen fiel ihm immer schwerer. 1940 starb er friedlich im Alter von 84 Jahren als viel gereister Musiker. Einen ergreifenden und hochemotionalen Auftritt absolvierten Hermann und der jüngere Jakob Geis noch einmal 1946. Ihr Vater Christian war verstorben, Bruder Walter gefallen und Jakobs Sohn Werner im Krieg vermisst, als sie am Ehrenmal "Ich hatt' einen Kameraden" spielten. Kurz nach Kriegsende war nahezu der gesamte Ort am Ehrenmal versammelt, und viele Gäste konnten ihre Tränen nicht unterdrücken.

    Die von NZ-Mitarbeiter Gerhard Müller, einem Urenkel Christian Geis', aufgeschriebene Geschichte der Reichenbacher Musikerbrüder und ihrer Nachfahren basiert in erster Linie auf mündlichen Überlieferungen in der Familie. Intensive Bemühungen, in England historische Unterlagen über den Aufenthalt der Vorfahren ausfindig zu machen, blieben bis dato erfolglos. Leider sind auch die aus England mitgebrachten Uniformen und die Kompositionen von Christian Geis nicht erhalten. Lediglich Fotos, die die Band in Torquay und Newport zeigen, ein Konzertprogramm von 1898 aus Seaford sowie die Instrumente sind als Zeugnisse der ungewöhnlichen Geschichte erhalten. mif

    Idar-Oberstein Birkenfeld
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