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  • Julia Klöckner ändert die Dramaturgie

    Zell. Ein zünftiger Klatschmarsch bereitet den Stimmungsteppich, auf dem die Kandidatin die Menschen winkend und grüßend abschreitet. Anke Beilstein lässt an ihrer Gemütslage teilhaben: "Das ist eine Veranstaltung, auf die die Menschen gewartet haben", sagt die CDU-Kreisvorsitzende. Die Zeller Stadthalle ist proppenvoll, trotz des miserablen Wetters. Beilsteins Parteifreundin Julia Klöckner strahlt - sie fühlt sich beim Bad in der Menge sauwohl.

    Mitten unter den Leuten: Julia Klöckner, die CDU-Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz (links), gibt geduldig Auskunft. Und sie hört sich in Zell die Sorgen und Nöte der Bürger an.  Foto: David Ditzer
    Mitten unter den Leuten: Julia Klöckner, die CDU-Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz (links), gibt geduldig Auskunft. Und sie hört sich in Zell die Sorgen und Nöte der Bürger an.
    Foto: David Ditzer - Kroth

    Von Thomas Brost

    Während ihres gut zweistündigen Wahlkampfauftrittes in Zell ist die CDU-Spitzenkandidatin "ganz nah bei de Leut'" - sie hält sich nicht auf der Bühne, sondern inmitten der Zuschauer auf, geht über ein überdimensionales CDU-Emblem. Sie liefert beeindruckende Kostproben ihres rhetorischen Könnens - ihre frei gehaltene Rede, die stoppuhrgenau 60 Minuten dauert, wird unterbrochen von viel Applaus, ja dem einen oder anderen Jubel. Und doch ist einiges anders bei Klöckners Auftritt im Vergleich zu den jüngsten Wochen.

    Das liegt weniger am Outfit. Es ist dezent, fast ein wenig Angela-Merkel-like. Denn der lachsfarbene Blazer - als Kontrast zur pechschwarzen Hose - erinnert doch ein wenig im Schnittmuster an die Kombinationen der großen Mentorin, vor allem von hinten besehen. Nein, die Dramaturgie ist eine andere in diesen Tagen. Weil Julia Klöckner erkannt hat, dass sie mit dem Thema Flüchtlinge nicht mehr punkten kann - die Wähler sind des täglichen Überbietungswettbewerbes mittlerweile überdrüssig -, verlegt sie sich auf andere Spielfelder der Landespolitik. Und streut hier und da einen Witz ein. Peter Bleser soll dies an diesem Abend besonders oft zu merken bekommen. Eine Kostprobe: "Er überlegt immer noch, ob sich das Frauenwahlrecht bei uns bewährt hat."

    Entwaffnend offen spricht die Guldentalerin die Zeller Weinmajestäten Laura Münster und Julia Reis an. "Sind Sie schon CDU-Mitglied?" fragt die Ex-Weinkönigin und erntet dafür Lacher. "Peter, steh mal auf für den älteren Herrn in der letzten Reihe!" verlangt sie vom Staatssekretär, und der folgt dieser Frau prompt. Denn unter die vielen Zuhörer haben sich auch einige Senioren jenseits der 80 gemischt. Schließlich will jener rüstige Senior sich nicht nach vorn bequemen, Bleser darf wieder Platz nehmen. Er bekommt noch zweimal sein Fett weg.

    Klöckner lenkt ihr Augenmerk auf ein Lieblingsthema der Christdemokraten: die Schuldenpolitik der Landesregierung. Neben dem 700-Millionen-Euro-Schuldenturm am Nürburgring ("das Dokument einer falschen Politik") kommen neue Aspekte zum Vorschein. Rot-Grün habe seit 2011 zehn Millionen Euro für Gutachten ausgegeben, die Roten hätten ferner in ihrer Amtszeit 12 000 Mitarbeiter im Staatsdienst mehr zu verantworten wie anno 1991. Und Gelder fehlten heute deswegen in den Bereichen schnelles Internet und Polizei. Das werde sich unter einer CDU-geführten Regierung grundlegend ändern.

    Beim Thema Bildung wird Klöckner hörbar energisch. 16 000 Unterrichtsstunden fielen jede Woche im Land aus. "Das ist Bildungsraub", schimpft sie und unterstreicht ihre Aussage mit kräftigen Gesten der linken Hand. Mehr Lehrer an den Realschulen plus müssten ebenso eingestellt werden wie mehr Schulsozialarbeiter. Klöckner bricht auch - flankiert von starkem Applaus - eine Lanze für die berufliche Ausbildung. "Keine Mutter muss sich schämen, wenn ihr Sohn einen handwerklichen Beruf ergreift", sagt sie.

    Sie geißelt die Kettenarbeitsverträge für Lehrer. Oftmals gingen Junglehrer leer aus, wenn dauerhafte Verträge geschlossen werden. Das sei unfassbar, ereifert sich die Kandidatin. Und bringt dies auf die Formel: "Wenn man diesen Blick für die eigenen Leute nicht mehr hat, wird es Zeit für Regeneration in der Opposition." Um plötzlich ganz entspannt "nach den Lohners Ausschau zu halten". Sie habe einen Streuselkuchen im Wahlkampfbus gegessen, der total lecker gewesen sei. Und schwupp, greift sie sich das nächste Thema. Infrastruktur heißt es, und neben Straßen und Brücken rückt die rasend schnelle Datenautobahn ins Visier. Da müsse Rheinland-Pfalz auf-, ja überholen. Klöckner setzt sich für ein "Europäisches Kompetenzzentrum für Digitalisierung im Weinbau" ein. "Junge Leute wollen moderne Landwirte und Winzer sein. So galoppiert sie durch die Themen innere Sicherheit, Landesfamiliengeld, Pflege und Alter, Integration von muslimischen Kindern in der Schule - freilich, ohne dass sie wie eine Getriebene wirkt. Sie ist gelöst.

    Aber es ereilt sie, kurz vor Ende der 45-minütigen Fragerunde, doch noch diese eine Frage aus dem Publikum, die sie etwas angestrengt aussehen lässt: "Ist Angela Merkel Ihr größtes Problem?" Ihre Antwort: "Ich wüsste nicht, wer in dieser Zeit besser an dieser Stelle als Bundeskanzlerin wäre." In der Flüchtlingsdebatte sei einzig die Union "der Motor". Sie, Klöckner, habe ihren Plan A 2 aus der Sicht der Kommunen formuliert. Und Angela Merkel sei für die Sicht des Bundes und Europa zuständig. Spricht's und beendet die Talkrunde. Autogrammjäger stürmen auf sie zu, die Orchestervereinigung Zell spielt eine flotte Weise.

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