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    AndernachAndernach: Hier entziehen Junkies

    Der Fall des drogensüchtigen Mainzer Bundestagsabgeordneten Michael Hartmann schockiert: Es passt nicht ins allgemeine Bild, dass ein Politiker dem schnellen Kick verfällt, sich illegalen Stoff besorgt und diesen regelmäßig konsumiert. Doch im Schatten des medialen Blitzlichtgewitters über den Prominenten wird ganz vergessen, dass es zig Tausende in Deutschland gibt, die jeden Tag im Drogensumpf versinken. Einige von ihnen landen im Haus Martinsberg in Andernach.

    Von unserer Redakteurin Katrin Franzen

    Nicht, weil sie medienwirksam auffliegen, sondern weil sie so nicht mehr weiterleben können oder wollen. Hier, im Entzugshaus der Rhein-Mosel-Fachklinik, versuchen rund 350 bis 400 Menschen jährlich, von ihrer schweren Drogensucht, meist Heroin, loszukommen. Nur selten stammen sie aus Andernach, die meisten sind aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz, einige aus Berlin oder anderswo.

    Dennis (Name geändert) ist einer der Patienten. Die heftigen ersten Entzugstage mit Schüttelfrost und starken Gliederschmerzen hat der 34-Jährige überstanden. Ermattet sitzt der Binger auf einer Bank im Schatten und beobachtet drei Mitpatienten, die im Garten in der Sonne liegen. Technomusik tönt herüber, und ein süßlicher Geruch nach künstlichem Melonenaroma liegt in der Luft. Dennis kaut Fruchtkaugummi. Nach jeder gerauchten Zigarette tauscht er die Kaumasse im Mund aus. Intensiver Geschmack in einem tristen Alltag.

    Im Haus Martinsberg werden zurzeit 20 Patienten behandelt. 15 Männer und 5 Frauen. Sie machen innerhalb von drei Wochen den sogenannten warmen Entzug durch. Stationsleiter Jürgen Schwickerath erklärt, dass zum qualitativen Entzug die Gabe von Medikamenten gehört. Das sind vier Becher Trinkflüssigkeit täglich: Niemand weiß, wie viel Ersatzstoff er bekommt und wie oft. Klar ist: Die letzten Tage des Aufenthalts sind die Patienten sauber (clean). Während des Entzugs wird mit ihnen therapeutisch gearbeitet. Sie hören Vorträge und nehmen an Gruppen- und Einzelgesprächen teil, machen Sport oder arbeiten mit Speckstein. Doch die meisten sind kaum für etwas zu motivieren, sie fühlen sich innerlich stumpf, hängen die meiste Zeit in Gartenstühlen oder auf der Wiese rum. Eine Folge der Sucht. Schwickerath sagt: "Man muss sie fast zu ihrem Glück zwingen." Denn das Erleben, den eigenen Körper zu spüren oder mit den Händen etwas zu schaffen, kann ihnen kurze Momente des Glücks bescheren - ganz ohne Drogen.

    Drogen und Glück. Zwei Worte, die nicht zusammenpassen. Dennis schiebt sich ein frisches Fruchtkaugummi in den Mund und blickt in die Ferne. Er habe eine glückliche Kindheit gehabt und viel mit Freunden draußen gespielt, erzählt er. Seine Eltern waren beide berufstätig, die Mutter Verkäuferin, der Vater hatte ein Geschäft. "Mir hat es nie an etwas gefehlt", meint er. Warum er zum Junkie wurde, kann er nicht erklären.

    Alles begann in der Pubertät. Mit 15 Jahren begann er zu rauchen, inhalierte auch Hasch. Seine Mutter erkrankte schwer an Darmkrebs. "Ich wollte das langsame Sterben nicht wahrhaben", sagt er - und weiß selbst nicht, ob es tatsächlich der Auslöser für den Abstieg war. "Es hört sich irgendwie gut an, oder?", sagt er grinsend. Seine Mutter stirbt, als er 17 Jahre alt ist. Auf Technopartys schmeißt er sich chemisches Zeug ein, Speed, Ecstasy. Bald folgen harte Schmerzmittel und Schlaftabletten - vom Schwarzmarkt.

    Mit 20 Jahren raucht Dennis das erste Mal Heroin. Seine richtigen Freunde versuchen, ihn davon abzubringen. Doch ihn stört ihr Gelaber. Er wird sie verlieren. "Ich wusste, Heroin ist was Schlimmes. Aber wir haben es ja nur geraucht, nicht gespritzt." Ein Jahr später reicht rauchen nicht mehr, er zieht es sich durch die Nase. Im dritten Jahr spritzt Dennis sich das Heroin in die Blutbahn. "Ich war vom Gefühl da angekommen, was ich immer gesucht habe", sagt er. Unbesorgt sein, in Watte gepackt, nichts kommt mehr durch. Von da an will er nur noch Heroin. Es folgen: Diebstähle, Knastaufenthalte, Hepatitis C.

    Wer im Haus Martinsberg ankommt, weiß, dass er harte Wochen vor sich hat - und die Chance, vom Teufelszeug wegzukommen. Im kleinen Flur zum Stationseingang hängt ein Briefkasten mit dem Hinweis: "Drogenutensilien hier einwerfen." Doch kein Junkie würde das machen. Wer noch Stoff dabeihat, nimmt ihn, bevor er reingeht. Die Aufnahme erfolgt nach telefonischer Anmeldung durch den Patienten oder einen Arzt. Bezahlt wird der Aufenthalt von der Krankenkasse. 14 Pflegekräfte kümmern sich um die Süchtigen und ihre Begleiterkrankungen wie Spritzabzesse oder Depressionen. Ein Psychologe, ein Arzt, ein Ergo- und ein Sporttherapeut sowie ein Sozialarbeiter sind mit im Team.

    Dennis ist ein typischer Patient. Er ist schon zum achten Mal in Andernach. Vier Mal hat er abgebrochen, drei Mal war er anschließend sauber: für anderthalb Jahre, für zwei Jahre, für zehn Monate. Stationsleiter Schwickerath erklärt: "Rückfälle gehören dazu." Die Cleanphasen seien wichtig, um den Betroffenen zu zeigen, dass es auch ohne geht. In drei Wochen Entzug kann man nicht geheilt werden. "Aber es ist der Einstieg zum Ausstieg", sagt Schwickerath.

    Dennis weiß nicht, wie lange er sauber bleiben wird. Im Anschluss an den Entzug beginnt er eine 14-wöchige Reha. Er möchte wieder Glück spüren können - ohne Drogen. Denn objektiv gesehen hat es das Leben trotz allem gut mit ihm gemeint: Vor drei Jahren lernte er eine Frau kennen, die noch nie Drogen nahm, ihn trotz seiner Sucht liebt und ihn heiratete. Vor einem Jahr wurde ihre Tochter geboren. Wenn die Kleine Dennis morgens anlächelt, mache ihn das froh, auch wenn es ihm mies geht, sagt er. Doch unter Drogen sieht er das nicht, nur den nächsten Schuss.

    Über seinem Bett im Haus Martinsberg hängt eine Collage mit Bildern der jungen Familie. Sie sollen ihm Kraft geben. Dennis betont: "Ich will nicht, dass meine Tochter mit einem Vater aufwächst, der Heroin nimmt." Wenn sie älter ist, wird er ihr vielleicht seine Geschichte erzählen.

    Haus Martinsberg: Hier entziehen Junkies
    Mayen-Andernach
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