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    Region MittelrheinMichael Apitz: Für einen Maler ist Veränderung nicht nur positiv¶

    Die Entwicklung am Mittelrhein bietet eine große Chance, die allerdings auch genutzt werden will und muss. Ein Interview mit dem Landschaftsmaler Michael Apitz zum Mittelrhein.¶

    Als Maler kommt Michael Apitz regelmäßig an den Mittelrhein, um die Einzigartigkeit der Landschaft in seinen Arbeiten einzufangen. Er kennt die Region und ihre Menschen sehr gut. Foto: Werner Dupuis
    Als Maler kommt Michael Apitz regelmäßig an den Mittelrhein, um die Einzigartigkeit der Landschaft in seinen Arbeiten einzufangen. Er kennt die Region und ihre Menschen sehr gut.
    Foto: Werner Dupuis

    Für Michael Apitz hat der Mittelrhein eine besondere Bedeutung. Zum einen bestimmt die Region eine Reihe seiner Arbeiten als Landschaftsmaler. Zum anderen hat der Rheingauer einen langjährigen, intensiven Einblick in die Region; als Außenstehender, der immer neu in die Region eintaucht. Im Interview spricht er über die Herausforderungen einer einzigartigen Welterberegion.

    Herr Apitz, das Jahr 2015 stand am Mittelrhein unter der Überschrift einer Buga-2031-Diskussion und dem Streit um einen Siff-Gate. Wie sehen Sie diese Debatten?

    Ich bin wie ein Tourist ein Konsument der Region. Ich komme immer wieder hierher und habe auch immer eine ganz bestimmte Erwartung, von der Wegebeschilderung über die Schifffahrt bis hin zur Gastronomie. Mein Eindruck ist, dass zwei Drittel der Konzepte in der Gastronomie heute noch die gleichen sind wie vor 30 Jahren. Einige Betriebe haben schon vor Jahren ein Umdenken eingeleitet, heute, denke ich, fängt etwa die Hälfte der Gastronomen damit an, innovativ zu handeln. Aber knapp die Hälfte verkauft heute immer noch Souvenirs, die teilweise mehr an Schwarzwaldmädels orientiert sind als am Mittelrhein.

    Beklagen Sie als Landschaftsmaler einen Stillstand am Mittelrhein?

    Für einen Maler ist es gut, wenn sich nicht zu viel verändert. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist es viel schlimmer, wenn die Leute die Ausweisung von drei neuen Baugebieten im Südhang bejubeln. Ich finde es aus dieser Sicht schon krass, wie sich mancher Blick verändert hat. Es sind Baugebiete an Plätzen entstanden, die landschaftlich eigentlich viel zu kostbar sind, um dort zu bauen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, passen solche Entwicklungen ganz allgemein zu meinen Beobachtungen, die ich über die Jahre gemacht habe. Mein subjektiver Eindruck ist, dass nur wenige Menschen am Mittelrhein wirklich ein tieferes Verständnis für ihre Landschaft haben, für die Pflege dieser einzigartigen Landschaftskultur.

    Seit 2002 gibt es den Welterbetitel. Wurde die damit verbundene Chance versäumt oder genutzt?

    Es ist an einigen Stellen wirklich etwas entwickelt worden, aber ich finde, dass insgesamt noch zu wenig Eigeninitiative aus dem Gebiet herauskommt und es nicht genügend Bewusstsein für den Titel gibt. Das Welterbe ist Ehre und Verpflichtung zugleich. Manche wollen sich aber vielleicht auch nichts sagen lassen. Dies ist mein Eindruck und überhaupt keine Bewertung, ob etwas gut oder schlecht ist. Ich weiß selbst, wie schwer es ist, einen Wandel zu gestalten. Es lässt sich bei uns im Rheingau gut beobachten, welche Herausforderungen ein neuer Weg mit sich bringt. Etwas zu ändern, das eingefahren ist, ist ganz schwer.

    Wie könnte es am Mittelrhein nach vorn gehen?

    Es ist aus meiner Sicht sinnvoll, sich noch einmal zu überlegen, was das eigentlich Schützenswerte an diesem Tal ist. Es ist die Landschaft. Der Rheinsteig ist für mich deshalb ein Knaller, weil er so viele Ausblicke und eine puristische Authentizität bietet. Der Rheinsteig könnte im Kleinen wie der Pilgerweg nach Santiago de Compostela ein Weg zur inneren Einkehr sein. Hier gibt es viele Möglichkeiten, zu innerer Ruhe zu finden. Aber es gibt keine größere zusammenhängende Struktur an Unterkunfts- und Einkehrmöglichkeiten, die ein einfaches, aber gutes Angebot haben. Da müsste aus meiner Sicht investiert werden.

    Was wäre aus touristischer Sicht ein ideales Vorbild?

    Ich bin seit meiner Jugendzeit regelmäßig in der Toskana. Auch dort gibt es im Tourismus große Unterschiede. Aber ich nehme einmal das Chianti-Gebiet heraus, das etwas schroffer ist als andere Teile der Region und weniger erschlossen. Die Region ist auch wegen des Weins ein bisschen mit dem Mittelrhein vergleichbar. Was mir immer wieder auffällt, ist, wie der sanfte Tourismus im Chianti-Gebiet gelebt wird. Ich war dort beispielsweise schon in ganz vielen Lokalen essen, und es war eigentlich überall genial. Diese gelebte Verbindung von Weinbau, sanftem Tourismus und Landschaftspflege ist genau das, was ich mir auch am Mittelrhein wünschen würde. Das heißt aber auch Leidenschaft, Miteinander und Herzblut. Es wäre wichtig, wenn nicht nur einige, sondern Hunderte Leute diese Eigenschaften entwickeln, um ihre Region voranzubringen und damit das Miteinander zu stärken.

    Viele haben Angst davor, dass der Mittelrhein zum Museum wird. Befürchten Sie das auch?

    Für mich stellt sich die Frage, was für ein Museum das wäre. Siena zum Beispiel ist für mich ein gelebtes Museum, genauso wie San Gimignano oder Venedig. Wenn dort Menschen leben, die ihr Museum pflegen, ist das doch schön. Ich denke, man sollte auch einmal die Frage nach der Alternative stellen. Was ist, wenn der Mittelrhein kein Museum wäre oder würde? Sollen dann aus Äckern oder Weinbergen Baugebiete werden, um Städter in diese Landschaft zu locken, oder soll Industrie angesiedelt werden, damit die Kinder vor Ort eine Arbeit finden? Ich finde eher, man braucht den Ausgleich zu den dicht besiedelten Gebieten, das Tal zwischen Koblenz, Bingen und Mainz bietet diese Alternative. Für mich klingt der Begriff Museum hier einfach zu negativ. Es geht für mich allein um die Definition, um die Frage, ob da Staub drauf liegen und nichts mehr dran verändert werden soll oder gepflegt werden soll, was die Essenz ausmacht: die Weinberge, die Landschaft, die Fachwerkhäuser, die historischen Strukturen der Ortschaften, das Authentische. Ich wohne selbst in einem Fachwerkhaus, das 250 Jahre alt ist oder sogar älter. Natürlich bedeutet so ein Haus viele Herausforderungen vom Saubermachen bis hin zum Denkmalschutz. Aber ich finde es trotzdem toll, mit dem Alten zu leben. Genauso ist es mit dem Mittelrhein, der bietet viele Chancen.

    Das Gespräch führte Volker Boch

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