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  • Erster Weltkrieg: Traumatisierte Soldaten kehren von den Schlachtfeldern in die Heimat zurück

    Die Patienten zittern am ganzen Leib. Ihre Augenlider flattern. Sie schreien und schlagen wild um sich. "Durchgedreht", lautet die Diagnose der Kameraden von der Front. Kriegspsychiater hingegen stehen vor einem Rätsel. "Kriegszitterer hatte es zuvor noch nicht gegeben", sagt Prof. Cay-Rüdiger Prüll von der Universitätsmedizin in Mainz.

    Am Bad Emser Bahnhof treffen Verwundete ein. Foto: Stadtarchiv Bad Ems
    Am Bad Emser Bahnhof treffen Verwundete ein.
    Foto: Stadtarchiv Bad Ems

    Von unserem Redakteur Dirk Eberz

    Sichtbare körperliche Schäden haben die Soldaten nicht. Doch sie stottern, leiden unter schweren Schlafstörungen, müssen ruhiggestellt werden. 200.000 Kriegsneurotiker werden im Ersten Weltkrieg aktenkundig. "Aber die Dunkelziffer ist hoch", betont Prüll. Die Spezialisten geraten unter Druck. "Kriegspsychiater genossen nicht unbedingt die beste Reputation", erklärt Prüll. Offenbar nicht ganz zu Unrecht. Denn die Ursache, die sie auf einer Tagung 1916 präsentieren, erscheint geradezu zynisch. "Man unterstellte den Patienten Willensschwäche, Degeneration und Verweichlichung", sagt Prüll.

    Die Mediziner sehen die Chance, ihren angekratzten Ruf aufzupolieren. Per Blitzheilung sollen die Kranken schnell an die Front zurück. "Aufrüstung der Seelen", wie es damals heißt. Die Methoden sind mehr als fragwürdig. Hypnose ist noch die schonendste Behandlung. Die Soldaten werden Stromstößen ausgesetzt. Metallsonden, die in den Mund bis zum Kehlkopf eingeführt werden, sollen die Sprachfähigkeit stimulieren. Prüll: "Das ging bis an den Rand des Erstickens." Dazwischen müssen die armen Teufel exerzieren. "Und alles immer im Kommandoton", sagt Prüll. Studien über die Erfolge der Tortur sind nicht bekannt.

    Neurosen werden nach 1918 nicht als Kriegsschäden anerkannt

    Nur wenige kommen in den zweifelhaften Genuss. Die Theoretiker dringen nicht so recht zu den Praktikern an der Front durch. Nur wenige Truppenärzte werden geschult. Die wissen es ohnehin besser. Das oft tagelange Trommelfeuer kennen sie aus eigener Erfahrung. Wie Maulwürfe haben sich die Soldaten unter die Erde gegraben. Bei jedem Granateinschlag bebt die Erde. Die Männer werden Zeugen, wie ihre Kameraden in Stücke gerissen werden. Wie sich Deutsche und Alliierte mit geschärften Feldspaten gegenseitig die Schädel spalten. Da scheint es eher ein Wunder, dass nicht alle Soldaten komplett die Nerven verlieren. "Die Truppenärzte schickten die Betroffenen meist weg von der Front ins Bett", sagt Prüll. Nach dem Krieg fordern die Kriegszitterer vergeblich staatliche Mittel ein. Ihre Leiden werden nicht als Kriegsschädigungen anerkannt.

    Gasmasken gehören im Ersten Weltkrieg zur Standardausrüstung der Soldaten. Die chemischen Kampfstoffe entwickeln sich zum Schrecken der Männer in den Schützengräben. Hunderttausende fallen ihnen zum Opfer. Foto: dpa
    Gasmasken gehören im Ersten Weltkrieg zur Standardausrüstung der Soldaten. Die chemischen Kampfstoffe entwickeln sich zum Schrecken der Männer in den Schützengräben. Hunderttausende fallen ihnen zum Opfer.
    Foto: dpa

    Die Militärs halten noch weitere tödliche Überraschungen bereit. Ende April 1915 blasen die Deutschen 150 Tonnen Chlorgas des Chemikers Fritz Haber auf die französischen Linien ab. Langsam kriecht das Gift auf die Schützengräben zu, senkt sich in Erdlöcher und Granattrichter. Die Männer treffen die Kampfstoffe vollkommen unvorbereitet. Wer das Gas einatmet, ist wenig später tot. Die Lungen werden von Salzsäure zerfressen. "Das führte zu schweren Ödemen", erklärt Prüll. Die Männer ersticken qualvoll. Die Toten bieten einen grausigen Anblick. Augenzeugen berichten, dass in wenigen Stunden Metallknöpfe rosten und Uniformen verrotten.

    Verzweifelt versuchen die Ärzte, die Überlebenden mit reinem Sauerstoff zu retten. "Doch so wurden die Blutungen meist noch verstärkt", erklärt Prüll. Hunderttausende werden dieser chemischen Waffe zum Opfer fallen, die zum Schrecken des Ersten Weltkrieges wird - und zu einem Wettrüsten des Grauens führt. Denn die Kampfstoffe werden immer aggressiver. Gelb- und Grünkreuz etwa greifen die Augen an. Die Opfer taumeln orientierungslos über die Schlachtfelder - nicht selten direkt auf die feindlichen Linien zu. Oder sie verfangen sich in den Stacheldrahtverhauen, die rasiermesserscharf sind. Unter den Kriegsblinden ist auch Adolf Hitler, der sein Augenlicht später zurückerlangt.

    Der Erste Weltkrieg brachte viel Leid über die Menscheit. Foto: dpa
    Der Erste Weltkrieg brachte viel Leid über die Menscheit.
    Foto: dpa

    Die Gasmaske wird bald zur Standardausrüstung. "Die Deutschen hatten Modelle mit Kohlefiltern, die besser schützten", erklärt Prüll. Doch es gibt auch "Maskenbrecher". Blaukreuz etwa durchdringt die Filter und zwingt die Soldaten, die Masken abzunehmen - mit meist tödlichen Folgen. Andere Stoffe wie "Lost" dringen in die Haut ein und führen zu schweren Verätzungen. Prüll: "Damit wollte man die Männer zermürben." Später werden über große Strecken Gasgranaten abgeschossen. Doch die meisten Soldaten sterben im Ersten Weltkrieg im Granathagel. Rund 70 Prozent der deutschen Kriegsopfer, wie Experten errechnet haben. Die Artillerie verfügt über eine bis zu diesem Zeitpunkt ungekannte Zerstörungskraft. "Ein derartiges Ausmaß an Zerfetzung von Gewebe hat es vorher noch nie gegeben", sagt Prüll. Wohl zum ersten Mal in der Geschichte sterben im Krieg mehr Menschen an Verwundungen als an Krankheiten. Auf eine derart große Zahl an Verstümmelten sind die Ärzte nicht vorbereitet. "Die Lazarette waren überfordert", sagt Prüll. Zivilärzte werden aus der Heimat angefordert - und hinterlassen dort große Lücken.

    Bedingungen für Operationen an der Front sind oft katastrophal

    Dennoch sind die Bedingungen katastrophal. Meist schreien und jammern die Verwundeten stundenlang im Niemandsland vor sich hin, bis sie endlich geborgen werden können. "Die Träger waren immer auch Ziel von Scharfschützen", erklärt Prüll. Das Operieren im Unterstand stellt Ärzte vor enorme Probleme. Das fängt beim schwachen Licht an. Oft fehlen Betäubungsmittel. Die Qualen der Opfer sind furchtbar. "Lange gefackelt haben die Truppenärzte nicht", sagt Prüll. "Es wurde viel amputiert." Mit den Herstellern von Prothesen entwickelt sich ein neuer Wirtschaftszweig. Berühmt wird der "Sauerbruch-Arm", mit dem die Betroffenen noch greifen konnten. Doch der ist teuer und daher meist unerschwinglich. Zu den Alliierten gesellt sich in den Schützengräben ein neuer Feind hinzu - Ratten. Die Nager werden von Essensresten und Leichen angelockt. "Die Tiere haben sich massenhaft vermehrt", sagt Prüll. Teilweise versucht man, des Problems Herr zu werden, indem Abschussprämien ausgelobt werden - ohne Erfolg. Zum Ekelfaktor kommt die Infektionsgefahr hinzu.

    Deutsche Soldaten auf dem Weg an die Front. Foto: dpa
    Deutsche Soldaten auf dem Weg an die Front.
    Foto: dpa

    Ein eher weniger beachteter Nebenkriegsschauplatz der Militärmedizin sind die Geschlechtskrankheiten, die auch im Ersten Weltkrieg grassieren. "Gegen Syphilis kam Salvarsan zum Einsatz", erklärt Prüll. Andere Behandlungen sind da weitaus schmerzhafter. Zudem droht den Betroffenen ein Gerichtsverfahren. Die Militärs versuchen der Prostitution schließlich mit kontrollierten Bordellen gegenzusteuern.

    Am Ende fordert der Erste Weltkrieg nicht nur Millionen Tote. Insgesamt 1,5 Millionen deutsche Männer sind bis zu ihrem Lebensende vom Krieg gezeichnet. Viele sind verstümmelt und entstellt. Tausenden werden Nasen, Ohren oder Unterkiefer weggeschossen. Und die Arm- und Beinamputierten werden noch über Jahrzehnte das Bild deutscher Städte und Dörfer prägen. Gerade auf dem Land, wo die Wirtschaft noch vornehmlich auf Handarbeit basiert, gibt es für sie kaum eine Beschäftigungsmöglichkeit.

    Rhein-Zeitung, 14. Februar 2014

    Wenn Kriegserlebnisse Soldaten nicht mehr loslassen