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    Bad Honnef/BonnTod von Pflegekind Anna: Betreuerin deutet Überforderung an

    Ihr Versprechen macht die zarte Frau auf der Anklagebank gleich bei der ersten Gelegenheit wahr: Sie legt alle Fakten auf den Tisch.

    Die angeklagte Jugendamtsmitarbeiterin (Mitte) und ihre Verteidiger.
    Die angeklagte Jugendamtsmitarbeiterin (Mitte) und ihre Verteidiger.

    Von unserem Redakteur Mario Quadt

    Ihre Verteidigerin Astrid Aengenheister verliest für sie eine detaillierte Erklärung, in der die 46 Jahre alte Angeklagte deutlich erkennen lässt, dass sie nach dem gewaltsamen Tod des neun Jahre alten Pflegekindes Anna in Bad Honnef in ein tiefes Loch fiel. Passagen der mehr als einstündigen Einlassung kommen zumindest einem Teilgeständnis nah.

    Die 46 Jahre alte ehemalige Mitarbeiterin des Jugendamts Königswinter muss sich vor dem Landgericht Bonn verantworten. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat sie trotz einer Fülle von Hinweisen auf Misshandlungen des Pflegekinds Anna bei seinen Pflegeeltern nicht dafür gesorgt, die Neunjährige in einer anderen Familie unterzubringen.

    Schnell verdichten sich nach der schockierenden Nachricht – Anna ertrank in der Badewanne – die Hinweise darauf, dass das von der Angeklagten betreute Kind gewaltsam ums Leben gekommen ist. Die Sozialpädagogin fällt daraufhin in eine „psychische Schockstarre“. Ihre Anwältin, die das Schriftstück verliest, spricht von Überbelastung und Selbstmordgedanken. Die Jugendamtsmitarbeiterin musste für kurze Zeit eine geschlossene Klinik aufsuchen, nahm Antidepressiva. Bis zum Sommer vergangenen Jahres war sie in therapeutischer Behandlung.

    Dieser Schockzustand hat der Erklärung zufolge schließlich dazu geführt, dass die Jugendamtsbetreuerin sechs Aktenvermerke über Anna in den Reißwolf der Behörde gesteckt und vernichtet hat. Allerdings hat sie dies in dem Wissen getan, dass die Schriftstücke nicht endgültig aus der Welt sind. Grund: Dem Diakonischen Werk, welches um Hilfe bei der Betreuung Annas gebeten wurde, lag eine Kopie der gesamten Akte vor.

    Eine klare Mitschuld an ihrem Handeln unterstellt die Angeklagte dem damaligen Jugendamtsleiter. Dessen Anweisung, die Schriftstücksammlung „durchzusehen“, interpretiert sie als direkte Aufforderung, die Behörde Belastendes zu entfernen. Dass die Mitarbeiterin etwa eigene Kurzfassungen in die Akte einfügte, die sie nachträglich anfertigte, begründet sie damit, dass dem Behördenchef „ihre langen, romanhaften Langversionen missfallen haben“.

    Viele der sachlichen Schilderungen des „Falls Anna“ rufen Bestürzung bei den Zuhörern im Saal S.015 des Bonner Landgerichts hervor. Ein Beispiel: Noch am 1. Dezember 2008 notiert die 46-Jährige, dass aus Sicht von Annas leiblicher Mutter eine Unterbringung nur bei Familie W. in Betracht kommt. Einstimmig fällt darum in der anschließenden Teamsitzung des Jugendamtes der Beschluss, dass das Mädchen mit der geschundenen Seele auf Dauer bei Petra und Ralf W. leben darf. Eineinhalb Jahre später war Anna tot – misshandelt von jener Familie, der ihre Mutter vertraute.

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