40.000
  • Startseite
  • » Panorama
  • » Tante Emmas Enkel: Sammler zeigt historische Emailleschilder und Dosen
  • Aus unserem Archiv

    Tante Emmas Enkel: Sammler zeigt historische Emailleschilder und Dosen

    Was war das noch für eine Zeit, als es Tante-Emma-Läden gab! Roman Runkel aus Kasbach bei Linz am Rhein sammelt seit 30 Jahren historische Emailleschilder und alte Dosen. Ein Besuch bei ihm ist wie eine Reise in die Vergangenheit.

    Alte Schätze: Zahlreiche kleine und große Emailleschilder zieren die Wände.
    Alte Schätze: Zahlreiche kleine und große Emailleschilder zieren die Wände.

    Es ist jene Zeit, in der noch das Waschpulver, der Zucker oder die Schokolade mit Mark und Pfennig bezahlt wurden; jene Zeit, in der Produkte, die heute jedes Kind kennt, auf den Markt gebracht wurden, und jene Zeit, die voller nostalgischer Erinnerungen steckt. Es ist die sogenannte Gründerzeit, in der der wirtschaftliche Aufschwung das Leben prägte und in der Produkte und Marken wie Coca-Cola oder Maggi geboren wurden. Und genau diese Zeit ist es, die Roman Runkel so fasziniert.

    Auf dem Gelände der ehemaligen Steffensbrauerei im Kasbachtal erweckt der Gastronom die Ära, in der die Clementine im Fernsehen noch keine weiße Wäsche gewaschen und für Waschpulver geworben hat, in der Bonbons noch einzeln gekauft werden konnten und Kaffee pfundweise im Tante-Emma-Laden gleich um die Ecke abgewogen wurde. Alles, was aus dieser Zeit stammt und in irgendeiner Weise mit Werbung für Kaffee, Tee, Kakao oder Schokolade zu tun hat und mindestens 70 Jahre alt ist, findet man bei Roman Runkel wieder: In allen Winkeln in und um die Brauereischenke lassen sich Blechschilder, Dosen und Kaffeefilter aus Omas Zeiten entdecken.

    Roman Runkel liebt die Vergangenheit: Er hat im Kasbachtal sogar eine Colonialwarenhandlung gegründet, in der Nostalgiefreunde w
    Roman Runkel liebt die Vergangenheit: Er hat im Kasbachtal sogar eine Colonialwarenhandlung gegründet, in der Nostalgiefreunde wie früher bedient werden. Runkels Sammlung alter Emailleschilder gilt als größte öffentlich zugängliche in Deutschland.
    Foto: Christ

    Die Sammelleidenschaft Runkels begann vor rund 30 Jahren. Angefangen hatte er damit, Melitta-Kaffeefilter, Nudelhölzer und Kaffeedosen zu sammeln. „Alles, was sich um Essen und Trinken rankte, habe ich gesammelt“, erinnert sich Runkel. Dabei legte er den Schwerpunkt auf Kaffee, Kakao und Schokolade. „Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt selbst gar keinen Kaffee getrunken habe, war es einfach ein schönes Thema für mich“, sagt Runkel.

    So wuchs seine Sammlung, die sich um die Zeit um die Jahrhundertwende bis hin zu den 40er-Jahren rankt. Heute ist Roman Runkels Sammlung an historischen Werbeschildern und Dosen die größte öffentlich zugängliche Sammlung in Deutschland. „Es wurde einfach immer mehr“, so Runkel. Zu den Kaffeefiltern und den großen runden und eckigen Kaffeedosen kamen auch Werbeschilder aus Blech und Emaille hinzu, schließlich wurde die Sammlung auch um Maggi-Schilder ergänzt.

    
Alles, was in irgendeiner Form mit historischer Werbung zu tun hat, hat Roman Runkel gesammelt.
    Alles, was in irgendeiner Form mit historischer Werbung zu tun hat, hat Roman Runkel gesammelt.
    Foto: Christ

    Im Lauf der Jahre stieß Runkel sogar noch auf Schokoladenautomaten. Sie standen früher - wie beispielsweise sein Stollwerk-Automat aus dem Jahr 1885 - auf Bahnhöfen. Für zehn Reichspfennig spuckte der Automat damals eine Tafel Schokolade aus. „Ich stelle mir gern heute vor, wer sich damals die Schokolade leisten konnte und wie sich Kinder mit strahlenden Augen an dem Automaten bedient haben“, sagt Runkel. Denn damals war die süße Leckerei ja echter Luxus, und Pfefferminz wurde noch mit „ü“ geschrieben.

    Der Urgedanke, all diese alten und nostalgischen Schätzchen zu sammeln, war zunächst ein ganz profaner: „Eigentlich war ich nur auf der Suche nach Dekorationen für mein damaliges Restaurant“, erinnert sich Roman Runkel. Und: „Wenn man richtig dekorieren will, dann braucht man von einem viel“, lautet sein Motto. Deshalb baumeln Nudelhölzer oder Kaffeefilter von der Decke seines Restaurants, zieren kleine und große Emailleschilder die Wände, und in den Regalen reihen sich die Kaffeedosen aneinander.

    Roman Runkel erfreut sich nicht nur an seinem Sammelsurium wegen der Nostalgie. Im Laufe der Zeit entwickelte er ein Gespür für die Wertigkeiten der Schilder und Dosen, er kann an ihrer Beschaffenheit erkennen, wann und wie oft sie hergestellt wurden. Seit den 60er- und 70er-Jahren sind Emaille- und Blechschilder begehrte Sammelobjekte geworden, auch Runkel ist immer wieder von deren Farbenpracht und Unverwechselbarkeit beeindruckt.

    Eine ausgefallene Dekoration aus Nudelhölzern und anderen Küchenutensilien baumelt von der Decke.
    Eine ausgefallene Dekoration aus Nudelhölzern und anderen Küchenutensilien baumelt von der Decke.

    Und sie sind rar geworden. „Auf Flohmärkten findet man heute kaum noch etwas“, hält Runkel fest. Und er kennt viele Menschen, die seine Sammelleidenschaft mit ihm teilen. „In Deutschland gibt es ein paar Hundert Sammler, man kennt sich untereinander“, so Runkel.

    Der passionierte Sammler aus dem Kasbachtal ist froh, dass er schon früh begonnen hat, sich der bunten, nostalgischen Werbung und der Verpackung von Markenprodukten, die zum Teil auch heute noch existieren und die den Menschen ein Begriff sind, anzunehmen und ein lebendiges Andenken zu schaffen. „Ich habe zum Glück schon Kaffeedosen gesammelt, als sie für andere noch uninteressant waren“, verrät Runkel. Für ihn hat jedes Teil seiner Sammlung eine Seele. „Es gibt bestimmt Hunderte Geschichten zu erzählen“, sagt er. Zum Beispiel die eines Stollwerk-Schildes, das von einem Kunstschmied aus dem Westerwald eigens für die Weltausstellung in Paris Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellt wurde, oder die eines Werbeschildes der Neuwieder Kaffeerösterei, an die sich heute kaum noch jemand erinnern kann.

    So kann Runkel mit seinen Sammelstücken sogar die Firmengeschichte von „Kaisers Kaffee“ dokumentieren, hier zeugt nicht nur die „lachende Kaffeekanne“ auf den Werbeschildern von der Entwicklung des Unternehmens, auch ein Sammelgeschirr, ein Fingerhut oder ein Daumenkino ranken sich in Runkels Sammlung rund um die Geschichte der Supermarktkette.

    Auch von der Braukunst im Kasbachtal zeugen heute noch einige Blechschilder, die für die einstige Steffensbrauerei warben. „Das alles hier ist unsere Geschichte, von der nur noch unsere Großeltern erzählen können, sonst niemand mehr“, meint Roman Runkel. Ein Grund mehr für ihn, seine Sammlung auch für andere Menschen zugänglich zu machen. In diesem Sinn erfüllte er sich einen weiteren Traum: Angelehnt an die Tante-Emma-Läden von damals schuf er auch einen Nostalgieladen. Schon die großen Lettern, die über dem Eingang des Laden stehen, verheißen, dass sich hinter der Türe besondere Schätze verbergen: Colonialwarenhandlung heißt der Museumsladen.

    Fand Runkel die schönsten Stücke damals noch auf Flohmärkten, so wird er heute nur noch auf Sammlerbörsen und Auktionen fündig. „Kurz nach der Wende gab es noch einmal die Gelegenheit, echte Schilder auf Flohmärkten zu finden, doch die Zeiten sind nun auch vorbei“, sagt Roman Runkel. Auch, wenn er schon lange nicht mehr zählen kann, wie viele Schilder oder Kaffeedosen zu seiner Sammlung gehören, Roman Runkel hält immer noch Ausschau nach weiteren alten Gegenständen, die aus Großmutters Zeiten stammen. „Das Sammeln ist wie eine Sucht, es geht immer weiter“, gesteht Runkel.

    Und deshalb schlägt sein Herz neben der gesammelten Schokoladen- und Kaffeenostalgie auch noch für alte Zirkus- und Kirmeswagen. Rustikale Schankwagen, ein nostalgisches Kasperletheater oder pompöse und romantische Cafés auf vier Rädern - wenn es sein muss, schlüpft Roman Runkel auch gern mal in die Rolle eines Zirkusdirektors. Einige seiner alten Wagen dienten sogar in Til Schweigers Film „Barfuß“ als Requisiten. „Ich liebe einfach die alte Zeit“, gesteht Runkel. So finden sich auch Klingelbretter aus Wien, Schuhcremedosen, original Waschpulverpäckchen oder Maggi-Brühwürfel in seiner Sammlung.

    Wenn auch die Zeiten, in denen die aufwendig hergestellten Emailleschilder die Hauswände zierten, vorbei sind, Roman Runkel macht sie im Kasbachtal unvergessen. Und er ist sich sicher, dass man auch heute noch etwas von unseren Vorfahren lernen kann. „Es gab keinen Müll damals. Sogar die Schuhcremedosen wurden wieder aufgefüllt“, weiß Roman Runkel zu berichten. Übrigens: Seine ganzen Sammlerstücke, die das Brauereigelände zieren, werden regelmäßig vom stolzen Besitzer selbst abgestaubt. „Das ist meine Aufgabe, da lasse ich niemanden ran“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

    BEATE CHRIST

    Infos: www.runkel-gastronomie.de

    Panorama
    Meistgelesene Artikel