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  • Rosenmontag Vor allem in den Hochburgen herrschen beimWurfmaterial harte Regeln - Ein Blick in die Mainzer Umzugsordnung

    Vorsicht, Kamelle!

    Mainz/Düsseldorf. „Kamelle!“ Dieser Schlachtruf hallt an diesem Rosenmontag wieder tausendfach von den Wagen der närrischen Umzüge zwischen Düsseldorf und Köln, Mainz und Koblenz. Dabei gibt es klare Regeln. Alles, was man wissen muss zum 66. Mainzer Rosenmontagszug.

    "Danach bückt sich kaum noch jemand." Michael Bonewitz, Pressesprecher des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), sieht schwarz für die Zukunft der Kamelle im Rosenmontagszug.
    "Danach bückt sich kaum noch jemand." Michael Bonewitz, Pressesprecher des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), sieht schwarz für die Zukunft der Kamelle im Rosenmontagszug.
    Foto: RZ

    Hunderttausende Zaungäste gehen bei den närrischen Umzügen wieder auf die Jagd nach Süßigkeiten und anderen begehrten Beutestücken. Doch vor allem in den Hochburgen herrschen klare Regeln für das, was vom Wagen fliegen darf. Denn auch am Ende Tages soll es heißen: „Alles Gute kommt von oben.“ In Mainz zum Beispiel stehen die Regeln glasklar in der Umzugsordnung, die der Mainzer Carneval-Verein (MCV) aufgestellt hat. Er organisiert traditionell den Rosenmontagszug in Mainz, der stets rund 500.000 Besucher anlockt. Wer hier mitfährt oder mitmarschiert, der muss sich an die Regeln halten. Oder es gibt Ärger.

    „Es darf nur Wurfmaterial verwendet werden, das beim Zuwerfen Verletzungen ausschließt“, heißt es in Paragraf 15 der Umzugsordnung. Neben verpackten Bonbons und diversen risikoarmen Süßigkeiten gehen auch Gummi-, Weich- oder Plastikbälle. Leichte Blumensträuße sowieso. Plastikblumen dagegen sind nur erlaubt, wenn sie keine spitzen Drahtenden haben. Auch Bücher dürfen wegen ihrer unvermeidlichen Ecken nicht vom Wagen geworfen werden. Und Glas ist ohnehin grundsätzlich auf den Wagen verboten. Das regelt Paragraf 14. Da kennt die MCV-Zugleitung auch keinen Spaß. Wer dagegen verstößt, dem droht der sofortige Ausschluss aus dem Umzug. Längst vorbei sind die Zeiten, als auch schon mal ein Schnapsfläschchen um die Ohren flog oder die Sektflasche vom Wagen heruntergereicht wurde. Zu gefährlich. Geht gar nicht.

    Das Gesamtgewicht des Wurfmaterials, das in Mainz unter die Leute kommt, beträgt übrigens rund 150 Tonnen, schätzt MCV-Sprecher Michael Bonewitz. Allein 25 Tonnen Süßes werden von den Wagen des MCV ins närrische Publikum befördert. Dabei sind die klassische Kamelle oder das Karamellbonbon ganz klar auf dem Rückzug. „Danach bückt sich kaum noch jemand“, weiß Bonewitz. Der MCV setzt beim Wurfmaterial auf Mischungen, die besser ankommen: kleine Schokoriegel, Pralinen, Tütchen mit Fruchtgummi oder Mäusespeck, Popcorn oder Kartoffelchips. Die zählt auch der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie auf, wenn er nach Publikumsrennern gefragt wird. Davon bleibt kaum etwas liegen.

    Was sonst noch so von Wagenbesatzungen und Fußgruppen in die Welt geschleudert wird, ist höchst unterschiedlich. Anders als in Düsseldorf, wird die Beschaffung des Wurfmaterials nicht zentral geregelt. In Mainz lernen etwa die in Rheinhessen so beliebten Brezel fliegen, die traditionsreiche Garde der Haubinger pfeffert ihren selbst gewickelten Handkäs in die Menge, und da landet auch die beliebte Fleischwurst in Stückchen beim hungrigen Narren.

    Es geht also doch noch einiges in Mainz. Nur wehtun darf es nicht. Einfach mal seinen Werbeflyer fürs eigene Geschäft unters Narrenvolk bringen, das ist allerdings nicht erlaubt. Auch dafür hat der MCV klare Regeln aufgestellt. Das klappt höchstens noch in den kleineren Gemeinden, wo Sponsoren ihre Zuwendung gern mit ein bisschen Werbung für sich selbst verbinden. „Da gibt es oftmals gar keine Zugordnung“, weiß MCV-Sprecher Bonewitz. Aber da stehen ja auch keine 500.000 Besucher am Straßenrand.

    Von unserem Redakteur Manfred Ruch

    So viel wird geworfen

    Jede Menge Süßigkeiten werden auch in diesem Jahr bei den Rosenmontagszügen von den Karnevalswagen geworfen. Bis zu 500 Tonnen allein an Süßem sollen unter die Narren gebracht werden, schätzt der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie in Bonn. Damit bleiben Süßigkeiten das beliebteste Wurfmaterial, gefolgt von Blumen und kleinen Spielsachen.

    Allein im Kölner Rosenmontagszug sollen demnach rund 300 Tonnen Süßigkeiten verteilt werden, in Düsseldorf fliegen den närrischen Zuschauern 60 Tonnen Süßes um die Ohren. Hans-Peter Suchand, Pressesprecher des Comitees Düsseldorfer Carneval e.V., schätzt die Gesamtmenge des Wurfmaterials, also zuzüglich kleiner Spielsachen und Ähnlichem, beim Düsseldorfer Zug auf knapp 250 Tonnen.

    Eine Konkurrenzsituation um das meiste Wurfmaterial gibt es zwischen den Karnevalshochburgen Köln und Düsseldorf angeblich nicht. „Wir stehen da in keinem Wettbewerb“, beteuert Sigrid Krebs vom Festkomitee des Kölner Karnevals: „Es geht nicht um höher, schneller, weiter, sondern um die Kultur des Karneval.“ Wenn das mal stimmt ...

    Für die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt gibt der Mainzer Carneval-Verein (MCV) die Gesamtmenge des Wurfmaterials mit rund 150 Tonnen an. In Mainz gibt es zum Schluss der Kampagne noch eine echte Besonderheit: die sogenannte Kappenfahrt. Immer am Veilchendienstag rollen ab 15.11 Uhr die MCV-Oberen mit mehreren Pkw durch die Innenstadt und bringen nach dem Motto „Alles muss raus“ die letzten Kisten Wurfmaterial unters Volk.

    Was Zuschauer wissen müssen

    Kann ein Zuschauer beim Karnevalszug Schadensersatz fordern, wenn er von einer Kamelle hart getroffen wird? Ganz klar: Nein. Dazu gibt es einige einschlägige Urteile. Demnach haben Zuschauer eines Rosenmontagszugs im Regelfall keinen Anspruch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, wenn sie von „Wurfgeschossen“ aus den Karnevalswagen getroffen werden.

    Auch der Wurf einer scharfkantigen Pralinenschachtel, die die Stirn einer Zuschauerin in Aachen traf, bleibt ungesühnt. Sie verlangte wegen ihrer Verletzung Schmerzensgeld, doch das Amtsgericht Aachen winkte ab. Begründung: Dass bei Karnevalszügen süße Gegenstände von Festwagen fliegen, sei allgemein bekannt. Im Klartext: Wer sich als Zuschauer an den Straßenrand stellt, willigt „stillschweigend in ein naheliegendes Verletzungsrisiko“ ein (Az. 13 C 250/05). Auch ein Kölner Amtsgericht sah das so und bezeichnete es als „allgemeines Lebensrisiko“, wenn man beim Umzug von einer Kamelle an Kopf oder Zahn verletzt wird. Schmerzensgeld gab es auch in diesem Fall keines (Urteil des Amtsgerichtes Köln, Az.: 123 C 254/10). Fazit: Unfallschutz ist auch für Besucher eines Karnevalsumzugs durchaus angesagt. Gegenstände wie eine Tafel Schokolade oder Sektfläschchen hingegen dürfen nicht geworfen, sondern müssen überreicht werden.

    Wurfsplitter: Dicke Narren-Lippe, Kleine Bäcker, Kreppel zum Lutschen, Mars macht mobil, Süßes Geheimnis

    Vergnügliches, Erinnernswertes und Bedenkliches rund um den Karneval in Mainz. Eine Sammlung.

    Dicke Narren-Lippe

    Im Jahr 2002 hatte der Sitzungspräsident der Idarer Karnevalsgesellschaft (IKG), Wolfgang Schappert, kleine verpackte Schokostücke als Wurfmaterial auf dem IKG-Wagen dabei. Sie wurden auch ins Redaktionsfenster in Oberstein geworfen, „besser reingeschossen“, erinnert sich unsere Redakteurin Vera Müller. Das Zeug war knallhart gefroren. „Die Lippe war dick, und mir ist ein Stückchen vom Schneidezahn abgebrochen, das heute noch fehlt“, erzählt Müller. „Es tat sauweh. Helau!“

    Kleine Bäcker

    Die Kinder vom Jugendhaus Hahnenmühle in Nastätten (Rhein-Lahn-Kreis) setzen schon seit vielen Jahren in Sachen Wurfmaterial gern auf Selbstgemachtes: Aus einfachem Butterteig werden passend zum Namen des Hauses Hahnenplätzchen gebacken. „Wir wollen die Kinder in die Vorbereitungen mit einbeziehen“, erklärt Regina Schneider, Leiterin der Hahnenmühle. Für den Nastätter Rosenmontagszug werden die Plätzchen dann in Zellophantüten verpackt und von den Kindern direkt an die Zuschauer am Wegesrand überreicht.

    „Für die Kinder ist es schön, wenn sie auf die Leute zugehen und nicht werfen“, sagt Schneider. csa

    Kreppel zum Lutschen

    Unser Koblenzer Redakteur Tim Kosmetschke erinnert sich noch gut an den Rosenmontagszug des Jahres 2006, als in Koblenz der Bäcker Sven Holzmann Prinz war – Sven I., „dä Bäck vom Eck“. An Rosenmontag war es damals tierisch kalt, es herrschte Schneetreiben. Und weil der Prinz eben Bäcker war, wurden besonders viele Berliner geschmissen. „Ich fing einen und wunderte mich – so ein trockenes, hartes Ding!“, erzählt Kosmetschke. Dabei war der Berliner nicht alt, sondern nur gefroren. Ein Kreppel zum Lutschen statt zum Reinbeißen. tim

    Mars macht mobil

    Erst Zugausfall, dann Sonderschicht: Drei Wochen nach dem stürmischen Rosenmontag 2016 hatten mehr als 30 Aktive des Mainzer Carneval-Vereins einen Spezialauftrag – im Zuge einer Rückrufaktion des Herstellers Mars mussten sie 143.100 Schokoriegel aussortieren. Sie versteckten sich in Kisten mit insgesamt 26 Tonnen Süßigkeiten, die nach der Absage des Mainzer Rosenmontagszugs wegen einer Sturmwarnung übrig geblieben waren und für den Nachholtermin des Umzugs im Mai 2016 aufbewahrt werden sollten. Auslöser der Rückrufaktion war der Fund eines Kunststoffteils in einem Schokoriegel.

    Süßes Geheimnis

    In Bonn freut sich ein Unternehmen stets ganz besonders über eifrige Süßigkeitensammler bei den Karnevalsumzügen. Denn die Minibeutel des Unternehmens Haribo zählen ebenso wie Lakritz und Kaubonbons zu den Klassikern an Karneval. Die Palette der Produkte wird zudem speziell für die fünfte Jahreszeit um zusätzliche Minibeutel-Sorten erweitert. Umsatzzahlen für das Karnevalsgeschäft nannte Haribo allerdings nicht.

    Nur seitwärts!

    Aus der Umzugsordnung des Mainzer Carneval-Vereins: „Das Wurfmaterial darf nur seitwärts im Abstand zur Seitenverkleidung vom Wagen heruntergeworfen werden, damit möglichst kein Wurfmaterial unter den Wagen fällt und mitlaufende Kinder verleitet, zwischen die Wagen zu laufen.“

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