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    Rheinland-PfalzRing-Drama Teil III: Der Rechenkünstler vom Nürburgring

    Ingolf Deubel galt als der Rechenkünstler in der Mainzer Landesregierung. Doch als Aufsichtsratschef der Nürburgring GmbH verkalkulierte er sich gründlich und musste als Finanzminister zurücktreten. Wurde Deubel nur Opfer von Betrügern? Oder scheiterte er auch am eigenen Ehrgeiz?

     

    Finanzgenie und Rechenfuchs: Ingolf Deubel (59) galt jahrelang als mathematischer Star und kreativer Geldbeschaffer für alle Projekte in der Mainzer Landesregierung. Der Finanzminister mit der näselnden Stimme und dem Stoppelbart war unter seinen Kollegen hochgeschätzt, sein Rat war begehrt, sein Ruf bundesweit makellos. Bis der Professor für Wirtschaftswissenschaften am Nürburgring aufs Ganze ging - und alles verlor, weil er anscheinend auf unseriöse Partner setzte.

     

    Der potenzielle Investor Pierre Sloan DuPont, auf den Deubel baute, ist wahrscheinlich kein Spross einer US-Milliardärsfamilie, sondern möglicherweise ein international gesuchter Betrüger. Und der Finanzvermittler Urs Barandun gilt schon lange als dubiose Figur in der spektakulär gescheiterten Privatfinanzierung des Projekts "Nürburgring 2009", dessen Kosten sich mittlerweile auf 350 Millionen Euro belaufen. Im schlimmsten Falle könnte es in den nächsten zehn Jahren 250 Millionen Euro Verlust verursachen.

     

    Der Schweizer Urs Barandun (49) hat 2008 und 2009 behauptet, einen Investor für das Projekt "Nürburgring 2009" finden zu können. Er habe, tönte er, eine Unterschriftsvollmacht über insgesamt 15 Milliarden US-Dollar für den Staatsfonds des Emirats Dubai. Doch Barandun blieb erfolglos. Und jeder stellt sich heute die Frage: Warum vertraute der seriöse Deubel dem schillernden Finanzjongleur? Wieso glaubt Deubel noch heute daran, dass er damals nichts falsch gemacht hat? Schließlich gilt doch sein Verstand als so scharf wie die berühmten Klingen der Messerstadt Solingen, deren Stadtdirektor er bis 1997 war. Warum hat er als Aufsichtsratschef überhaupt so sehr in die operativen Geschäfte eingegriffen, wo doch Aufsicht seine Aufgabe war? Vielleicht deshalb: In Deubels Welt macht Deubel eben keine Fehler.

     

    Reicher Onkel aus Amerika

     

    Rückblende: Seit 2007 bauen die Nürburgring GmbH, die zu 90 Prozent dem Land gehört, und ihr privater Partner Mediinvest am Nürburgring ein ganzjährig nutzbares Freizeit- und Geschäftszentrum - einen Freizeitpark mit (noch nicht funktionierender) Achterbahn, zwei neue Hotels, eine Flaniermeile, eine Diskothek, mehrere Restaurants und ein Feriendorf mit 100 Häusern. Das Projekt mit dem Namen "Nürburgring 2009" sollte größtenteils ein privater Investor finanzieren. Und hier kommt das Luxemburger Firmengeflecht Pinebeck GmbH ins Spiel, das die großen Geldgeber angeln sollte und den Finanzberater Barandun am Geschäft beteiligte. Zweimal soll Deubel selbst mit Barandun im Ministerium konferiert haben.

     

    Angeblich fand Barandun ganz zuletzt mit Pierre Sloan DuPont den reichen Onkel aus Amerika. Er sollte das Deubel"sche Finanzmodell mit Leben füllen und die Millionen liefern, damit Pinebeck der Nürburgring GmbH die neuen Immobilien für 200 Millionen Euro abkaufen konnte. Die GmbH sollte sie für 27 Jahre zu günstigen Konditionen zurückmieten. Damit wollte der ehrgeizige Minister einen Coup landen und dem Kabinett beweisen, dass sich bei Investitionen in die Strukturpolitik für die arme Eifel sogar 50 Millionen Euro einsparen lassen.

     

    Warum aber wurde der Finanzexperte Deubel nicht misstrauisch, als Barandun auf den Plan trat - zu einer Zeit, als sich die größte Finanzkrise seit 1929 zusammenbraute? Denn das Finanzierungsmodell verstand außer Deubel niemand - nicht einmal Banker. Bei dem Modell fürchteten alle das Risiko - außer Deubel. Vielleicht gilt auch hier: Deubel hat doch immer alles richtig gemacht. Warum also nicht auch hier. Im Fall Nürburgring hat er, wie er glaubt, alle Risiken von Experten "rauf und runter identifizieren lassen". Und er bleibt dabei: Er selbst sei von allen Beteiligten "der Misstrauischste" gewesen. Er sah aber alle Skepsis widerlegt.

     

    Trotz heftiger Kritik hielt Deubel an dem Finanzierungsmodell fest - bis zum denkwürdigen Rheinland-Pfalz-Tag im Juli 2009 in Deubels Wohnort Bad Kreuznach. Mitten in die feierliche Eröffnung platzt die Warnung der Wells-Fargo-Filiale in London, zwei von Barandun unterschriebene Schecks über 100 Millionen Euro könnten gestohlen und das Konto des Herrn DuPont nicht gedeckt sein. Die Millionen sollten eigentlich die erste Rate für das Nürburgring-Investment sein. Dafür wollte Pinebeck vier Millionen Euro Provision kassieren. Deubels Rücktritt wird mit dieser Wende unausweichlich. Der Transfer der Provision kann gerade noch gestoppt werden. Seitdem räumt auch Ministerpräsident Kurt Beck ein: Die SPD hat in der Nürburgring-Affäre erstmals seit ihrer Machtübernahme 1991 schwere Fehler gemacht. Doch warum hat Beck zu spät die Reißleine gezogen, wie er selbst heute sagt?

     

    Becks wichtigster Mann

     

    Kabinettsmitglieder erklären das immer wieder mit dem großen Vertrauen, das er in Deubel gesetzt hat. Der Minister sollte in der Eifel das Unmögliche doch noch möglich machen und endlich eine Lösung für die verlustreiche Dauerbaustelle Nürburgring finden. Und wenn der Pfälzer jemandem vertraut, lässt er ihn so schnell nicht fallen - auch nicht, wenn es in der Grünen Hölle brenzlig wird.

     

    Beck vertraute Deubel auch am Ring uneingeschränkt. Der Ministerpräsident gab ihm freie Hand, das Kabinett befasste sich praktisch nie mit dem Millionenprojekt. Beck stärkte Deubel immer wieder demonstrativ den Rücken. Noch einen Monat vor dessen politischem Aus bezeichnete er die Finanzierungspläne am Ring als "absolut seriös".

     

    Seine herausgehobene Stellung in der Regierung und sein Ruf als Finanzgenie stärkten Deubels ausgeprägtes Selbstbewusststein - und machten ihn letztlich "beratungsresistent". Er war von vielen Seiten gewarnt worden. Innenminister Karl Peter Bruch hat frühzeitig deutlich gemacht, dass er ein "schlechtes Bauchgefühl" hat. Doch Deubel ließ sich nicht von seinem Kurs abbringen.

     

    Meist räumte er Bedenken aus, indem er stundenlang über die Vorzüge des Finanzierungsmodells dozierte - bis anderen die Köpfe rauchten. Kaum einer kannte Details von Deubels "Geheimsache Nürburgring" und den finanziellen Hintergründen. Viele fühlten sich von dem autoritären Minister wie ein Schulbub oder Kleingeist abgebügelt. Sie dürften sich aber klammheimlich gefreut haben, als sie hörten: Gleich drei Banken lehnten es ab, ein Konto für die Firma Pinebeck zu eröffnen. Deren Finanzmodell kam der TaunusSparkasse, der Naspa und der Hessischen Landesbank spanisch vor.

     

    Vermutlich hätten bei den Bankern auch alle Alarmglocken geklingelt, wenn sie E-Mails erhalten hätten wie jene, die am 19. November 2008 Finanzminister Deubel erreichte. In dem vertraulichen Schreiben tischte Barandun eine Geschichte auf, die sich wie ein "Märchen aus 1001 Nacht" liest. Eine Story, die erklären sollte, warum er in Dubai für drei Wochen in Haft gesessen hatte (siehe Text im unten stehenden Kasten).

     

    Heute stellt sich der Ex-Minister als "Pensionär und Freiberufler" vor und wartet ungeduldig darauf, dass die Staatsanwaltschaft Koblenz den Fall endlich aufklärt. Die Ankläger ermitteln gegen

     

    Pinebeck und Barandun wegen Provisionsbetrugs. Sie wollen über ein Rechtshilfeersuchen an die USA herausfinden, ob die besagten Schecks des Herrn DuPont bei der Wells-Fargo-Bank in Los Angeles gedeckt waren oder nicht. Doch das kann noch dauern. Inzwischen kommen auch Deubel größere Zweifel an Baranduns Glaubwürdigkeit, denn ständig werden neue Details bekannt.

     

    Derweil lenken Deubel neue Aufgaben ab. Der "Freiberufler" hat jüngst die Länder Bremen, Berlin, das Saarland, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt beraten, wie sie ihren Finanzhaushalt besser in den Griff bekommen. Außerhalb von Rheinland-Pfalz ist er eben als Fachmann noch gefragt, bestätigt er nicht ohne Stolz. Die klassische Haushaltspolitik ist wohl doch eher seine Welt als halbseidene Geschäftspartner vom Kaliber eines Urs Barandun.

     

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