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    AndernachKein Talent nötig: Andernacher Obertonchor bringen jeden Körper zum Klingen

    Wer die fremdartigen, nasalen, sphärischen Klänge zum ersten Mal hört, ist verwundert, verzaubert und womöglich auch verstört. Beim Andernacher Obertonchor ist einiges anders als bei anderen Chören. Das zeigt ein Probenbesuch, der so manche Überraschung offenbart.

    Jeder kann klingen: Die Mitglieder des Andernacher Obertonchors haben gelernt, ihren Körper als Resonanzraum zu verstehen.
    Jeder kann klingen: Die Mitglieder des Andernacher Obertonchors haben gelernt, ihren Körper als Resonanzraum zu verstehen.
    Foto: Nicole Mieding

    Andernach - Einen Notenständer brauchen die Mitglieder des Andernacher Obertonchores selten: Für gewöhnlich singen sie nicht nach Partitur. Und auch sonst ist so manches anders als bei anderen Chören, zeigt ein Probenbesuch.

    Im Dachgeschoss eines alten Bruchsteinhauses im Andernacher Stadtteil Kell stehen die Sänger in Wollstrümpfen auf dem Parkett. Gerade haben sie beim Aufwärmen Körper und Stimme gelockert. Jetzt ermuntert Chorleiter Georg Holtbernd sie: „Lasst uns doch mal suchen, wo der Ton Õ liegt – etwa wie in Sonne!“ Die zehn Sängerinnen und Sänger legen sich einen Finger ans Nasenbein und beginnen, den Vokal O zu singen, während sie dem Vibrieren des Klangs im eigenen Gesicht nachspüren. Sie federn in den Knien, wiegen sich in der Hüfte und gleiten langsam vom O in ein A über.

    Irgendwo auf dem Weg dazwischen liegt das Õ, das sie im Singen ganz mühelos streifen. „Irgendeine Idee, wo der entscheidende Punkt ist?“, fragt Holtbernd in die Runde. Beim Versuch, zu erklären, was beim Erzeugen des Klangs in Mund und Rachen passiert und welche Rolle die Zunge dabei spielt, entzündet sich eine Debatte. Hängt die Zunge? Wölbt sie sich? Kitzelt sie am Gaumen? Die Meinungen differieren. „Es scheint, dass das individuell ganz verschieden ist“, resümiert Holtbernd nach einigem Hin und Her. Aber wie lässt sich der Obertongesang dann überhaupt erklären?

    Gesangstechnik kommt ganz ohne Begabung aus

    „Obertöne singen kann jeder innerhalb weniger Stunden lernen“, tröstet der 47-jährige Musikpädagoge. „Es braucht dazu keine besondere Gesangsbegabung, nur etwas Offenheit, Körperverständnis und Lust am Experiment.“ Genau diese Offenheit und Verbundenheit mit dem eigenen Körper ist es, die seine Schüler an der uralten Gesangstechnik so schätzen. „Ich habe hier gelernt, mich zu trauen“, erzählt Petra, deren Gesicht mit einem offenen Lächeln langes weißes Haar umrahmt. „Jeder kann tönen – das ist eine schöne Selbsterkenntnis“, sagt sie. Jürgen hat übers Obertonsingen einen Zugang zum eigenen Körper gefunden. „Ich kann eigentlich gar nicht singen“, gesteht Erich – und dass er sich jetzt ständig und überall beim Vor-sich-hin-Trällern ertappt. „Sich selbst als Klangraum zu erfahren, ist toll“, schwärmt Monika. Und Walter hat beim Nachhausefahren regelmäßig das Gefühl zu schweben.

    „Es ist diese Kombination aus totaler Freiheit einerseits und dem Aufeinanderhören andererseits“, fasst Erich zusammen. Beim Üben und auch bei Konzerten gehen die Sänger meist von einem gemeinsamen Grundton oder auch Rhythmus aus, die den Rahmen für ganz individuelle Improvisationen bilden: Jeder darf singen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und je nachdem, welche Töne gerade in der Luft liegen und zum Klingen gebracht werden wollen.

    Auf ein Zeichen des Chorleiters finden sich dann alle wieder zusammen. So kommt es, dass die Sänger zu Beginn eines Auftritts nie so genau wissen, was im weiteren Verlauf passieren wird. Das macht jedes Konzert zu einem einmaligen Ereignis, das sich nicht wiederholen lässt.

    Wer die fremdartigen, nasalen, sphärischen Klänge zum ersten Mal hört, ist verwundert, verzaubert und womöglich auch verstört. Denn Obertöne klingen nicht nur seltsam urzeitlich, sie nehmen einen ganzen Raum inklusive der Zuhörer ein. Die klagenden, surrenden, vibrierenden Vokalisen füllen das Dachzimmer wie ein flauschiger Teppich, dringen in jede Ritze, bringen das Parkett und verborgene Saiten in unserem Inneren zum Schwingen. „Das ist reine Physik – die Tonfrequenz wird beim Obertonsingen in Schwingung versetzt“, setzt Holtbernd jedem Anflug von Esoterik gleich die rationale Erklärung entgegen.

    Kein Entrinnen vor körperlicher Hörerfahrung

    Nicht übersinnlich, aber unausweichlich sinnlich ist die Erfahrung, auf die es sich einzulassen gilt. Denn die Naturtöne, die wir von der Maultrommel oder dem australischen Didgeridoo kennen, dringen in jeden Körper ein und machen ihn zum Resonanzraum – auch den passiven Zuhörer. Zart Besaitete könnten den Drang spüren, sich zu entziehen. Teilnahmsloses oder gar gelangweiltes Zuhören gibt es beim Obertongesang schon aus rein physikalischen Gründen nicht.

    Von unserer Redakteurin Nicole Mieding

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