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    „Fünf Kopeken“: Wunderbare, kitschfreie Familiensaga

    „Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.“ Mit dieser ironischen Pointe beginnt Sarah Strickers Roman „Fünf Kopeken“. Er erzählt von einer Frau mit einem spitzen Kinn und einem noch spitzeren Mund, einer bleichen Haut und einem dürren Körper, die ihre fast blinden Augen hinter einer dicken Nana-Mouskouri-Brille versteckt.

    Sarah Stricker ist eine behutsame Erzählerin – für ihren Debütroman braucht man Zeit.
    Sarah Stricker ist eine behutsame Erzählerin – für ihren Debütroman braucht man Zeit.
    Foto: dpa

    Erst ganz am Ende ihres Lebens, wenn sie bereits zu schwach ist, das Bett zu verlassen und an Schläuchen hängt, wird diese Frau auf eigenartige Weise schön sein. Erst dann wird sie auch die Maske der Selbstbeherrschung fallen lassen und ihrer Tochter von einem Leben erzählen, das sie bis dahin tief in ihrem Inneren verschlossen hatte.

    Dieses Leben hält die Tochter als Chronistin fest. Sarah Stricker hat mit „Fünf Kopeken“ ein bemerkenswertes Debüt hingelegt. Bereits vor zwei Jahren wurde die aus Speyer stammende, aber heute in Israel lebende Journalistin für Auszüge aus diesem Buch mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet. Tatsächlich schlägt die Autorin in ihrem Roman eine ganz eigene Tonart an.

    Ihr Buch ist ebenso amüsant wie unverblümt und hintergründig, manchmal auch ein bisschen nostalgisch. Sie ist eine behutsame Erzählerin, die schon einmal Szenen in Slow Motion ablaufen lässt, ganz so, wie wir in unserer Erinnerung bisweilen Erlebnisse abspulen. Keine Frage, wer dieses Buch in die Hand nimmt, muss Zeit mitbringen und Liebe zum Detail.

    „Fünf Kopeken“ ist nicht nur eine Mutter- Tochter-Geschichte, sondern auch eine Familiensaga. Der Großvater der Erzählerin ist ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier und typischer Vertreter der Wiederaufbaugeneration: „Wie alle Deutschen hatte auch er eine Tante, die im Keller ein paar Juden versteckt hatte, und war selbst ein glühender, wenn auch heimlicher Antifaschist gewesen.“ Nach dem Krieg wird dann in die Hände gespuckt und „losgewundert“, in wenigen Jahren ein erfolgreiches Modegeschäft aus dem Boden gestampft.

    Als die Wende kommt, verlegt der nun gar nicht mehr so junge Großvater kurzerhand seinen Laden nach Berlin: „Die brauchen jetzt Leute wie uns.“ Kein Wunder, dass ein solcher Leistungsfanatiker auch seine einzige Tochter auf Erfolg trimmt. Die Kleine muss mit ihm täglich Zeitung lesen, dann Zeichnen lernen, dann zum Leistungssport.

    Eine Wundertat folgt der nächsten. Mit dem fatalen Ergebnis, dass die Tochter in späteren Jahren meint, sich alles erst verdienen zu müssen, auch die Liebe. Als sich schließlich ein junger Mann aus Ostberlin in sie verliebt, verzeiht sie ihm das nicht. Es ist Ironie des Schicksals, aber irgendwie auch logisch, dass ausgerechnet ein so kontrollierter Verstandesmensch einer komplett unvernünftigen Leidenschaft zu einem Mann verfällt, der das genaue Gegenteil von ihr selbst ist: Schmierig, rücksichtslos und triebhaft, stellt er in kürzester Zeit ihr Leben auf den Kopf und bringt sie zu Dingen, die sie nie für möglich gehalten hätte.

    Erst am Ende ihres Lebens kann sie zu dieser „Amour fou“ stehen. Dass es Sarah Stricker gelingt, diese Lebensbeichte auf dem Totenbett in keiner Weise in Peinlichkeit und Kitsch abgleiten zu lassen, ist eines der vielen Wunder dieses bemerkenswerten Buches.

    Sarah Stricker, „Fünf Kopeken“, Eichborn Verlag, 512 Seiten, 19,99 Euro

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