40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » documenta in Athen: Erwarten Sie nichts!
  • Aus unserem Archiv

    Athendocumenta in Athen: Erwarten Sie nichts!

    Die griechische Hauptstadt soll für 100 Tage zur „Sozialen Skulptur“ werden. Die Vermittlung ist jedoch Glücksache beim ersten Auslandsgastspiel der documenta.

    Adam Szymczyk, der polnische künstlerische Direktor der documenta 14, empfiehlt in Athen ein umfassendes Vergessen gewohnter Erwartungsmuster.
    Adam Szymczyk, der polnische künstlerische Direktor der documenta 14, empfiehlt in Athen ein umfassendes Vergessen gewohnter Erwartungsmuster.

    Unser Kulturchef Claus Ambrosius berichtet aus Athen

    Wenn weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle im Vatikan aufsteigt, ist das Warten auf den neuen Papst vorbei. Die Zeit bis dahin währt dabei mal länger, mal kürzer – heute können Gläubige weltweit per Internet den wohl berühmtesten Schornstein der Welt in Echtzeit betrachten, um frühestmögliche Gewissheit zu bekommen.

    Der weiße Rauch, der am heutigen Samstag um Punkt 10 Uhr von einem Turm in Kassel aufsteigen soll, beendet ebenfalls eine Wartezeit. Denn zeitgleich eröffnet die documenta 14 auf ihrem ersten Auslandsgastspiel in Athen. Deren Chef ist schon lange bekannt: Habemus Adam Szymczyk – der Pole sitzt auf dem höchsten Thron der zeitgenössischen Kunst. Als deren Mekka darf sich das hessische Kassel, seit 1955 Austragungsort der documenta, mit einigem Recht immer noch und immer wieder halten.

    Raus aus der Komfortzone

    Und damit das auch so bleibt, vollzieht Szymczyk den großen, seit Jahrzehnten auch und vor allem bei der documenta vorangetriebenen Paradigmenwechsel der Kunst vom „bloßen“, abgeschlossenen Werk zum soziokulturellen Gesamtgewerk aus Werden, Sein und Wirken energischer als alle documenta-Leiter vor ihm. „Von Athen lernen“, so das vom langjährigen Direktor der Kunsthalle Basel ausgegebene Motto. Gelernt werden soll nicht nur in der gemütlichen Schutzzone Kassel, nein, die documenta und mit ihr die Kunst unserer Zeit soll „dahin gehen, wo es weh tut“. So lautet zusammengefasst das, was die Veranstalter wortreich proklamieren. Zu Gast also dort, wo Jahrtausende alte Relikte an der Wiege der Demokratie mal als sorgfältig präparierte Stummel, oft aber auch als überkronte oder neuere grelle Disneyland-Versionen davon künden, dass Griechenland in der weltweiten Wahrnehmung und auch dem gegenwärtigen Bewusstsein seiner Bewohner eher Vergangenheit als Zukunft hat.

    Für all dies also: weißer Rauch. Was muss man im Gepäck haben, um in Athen von Athen lernen zu können? Leichte Wanderfunktionskleidung passt besser als feiner Zwirn in Kulturschwarz, Geduld und gutes Schuhwerk sind von Vorteil und vor allem: preußische Disziplin. Denn so exakt, wie der Rauch täglich von 10 bis 20 Uhr über Kassel wehen soll, sind auch die meisten Aktionen straff durchgetaktet, die sich auf 50 Spielorte über die Megapolis verteilen.

    Athen ist nicht Kassel: Das ist die wenig überraschende, aber bestimmende Einsicht dieser documenta-Ausgabe. In Hessen kann man es darauf ankommen lassen und sich dem Kunst-Overkill ganz hingeben. Eine überschaubare Kommune als Brutkasten: Die ganze Stadt vibriert für 100 Tage im Takt der Weltkunstschau. Athen hingegen verharrt noch abwartend. Oder, klarer gesagt: Das unauffällige Logo der documenta geht ziemlich unter im Stadtbild.

    Nun ist die Stadt mit rund 5 Millionen Einwohnern etwa 25-mal so groß wie Kassel. Das vergrößert Wegstrecken, da die Athener Schau sich nicht auf den gut zu Fuß erkundbaren Innenstadtbereich konzentriert. Und der zwang zur Planung hat auch ganz menschlich-alltägliche Gründe: Seit Adam Szymczyk mit der Choreografin Alexandra Bachzetsis liiert ist, hat sich sein künstlerisches Interesse noch weiter vom Werk, das an die Wand gehängt, projiziert oder in den Raum hineininstalliert werden kann, hin zum Performativen gedreht. Das wird in Athen mit einem Schwerpunkt auf Aktionen als Wiedergeburt der Tragödie am Ort ihrer Entstehung gefeiert. Da Aktionen aber nicht rund um die Uhr stattfinden können, müssen sich Interessierte nach dem Fahrplan richten. Den zu erstellen ist ein Vorhaben, dass man als Hausaufgabe vor Abflug erledigt haben sollte – die recht übersichtlichen Infos, die die documenta zu und an den Projekten zur Verfügung stellt, machten dies nicht leichter.

    Wer nicht weiß, dass Ulrich Wüst mit seinem Leporello „Flachland“ (oben) an DDR-Schlagzeilen und -Propaganda erinnert, wird es in der Ausstellung auch nicht finden: Beipackzettel dürften auf der documenta in Athen vielfach schmerzlich vermisst werden.
    Wer nicht weiß, dass Ulrich Wüst mit seinem Leporello „Flachland“ (oben) an DDR-Schlagzeilen und -Propaganda erinnert, wird es in der Ausstellung auch nicht finden: Beipackzettel dürften auf der documenta in Athen vielfach schmerzlich vermisst werden.

    Besucher sollen sich treiben lassen

    Wohl auch wegen der nicht einfachen Orientierung ballt sich schon das Fachpublikum der beiden Tage vor Eröffnung an Orten, die der gewohnten Kunstrezeption entgegenkommen. Dabei hatte Oberpriester Szymczyk auf einer verstörenden Pressekonferenz genau davor gewarnt: Man solle nicht nach Höhepunkten suchen, ganz offen an alles herangehen, ohnehin am besten alles vergessen, was man zu wissen meint.

    Vergessen wird schwer sein in Hinsicht auf diesen Auftakt vor Hunderten internationaler Journalisten und Museumsleuten: Bauchnabelschauen in die Vergangenheit und ins Heute wechseln sich ab. Bevor eine griechische Reporterin erst einmal vorwurfsvoll an den Überfall deutscher Truppen auf Griechenland erinnert, soll eine emotionale Botschaft offenbar die politische Ambition der documenta unterstreichen: Freunde eines Opfers der NSU-Mordserie erinnern an die grausam Hingerichteten und die seltsamen Verstrickungen von Ermittlern. Für internationale Gäste, die den laufenden Prozess um diese grausame Verstrickung aus Rassismus, Neonazismus und einem gewissen Desinteresse der deutschen Öffentlichkeit wohl nicht verfolgen, bietet sich so ein sehr einseitiges Bild des documenta-Landes Deutschland.

    150 Künstler Teil des Programms

    Und Kunst? Ach ja, die gibt es auch, und das von rund 150 Teilnehmern. Also immer dem Tross hinterher, der auf kargen Infotafeln Hinweise auf Inhalte, Hintergründe und Relevanz oft vergebens sucht. Hinein ins städtische Konservatorium, wo einst Maria Callas und Nana Mouskouri den Grundstein ihrer unterschiedlichen Karrieren im selben Fachbereich legten. Dort begegnet man in Form unterhaltsamer, zu Musikinstrumenten umgebauter Möbel auch einem der documenta-Projekte, das schon nach Durchsickern erster Künstlernamen und somit auch in allen Vorberichten eine Rolle spielte: Im „Musikzimmer“ der Berliner Künstlerin Nevin Aladag treffen die von vielen Besuchern ersehnte Gegenständlichkeit und der von der documenta 14 betonte Performanceaspekt friedlich aufeinander. Die Objekte werden gelegentlich von Musikern vorgeführt: Wohlfühlkunst mit Cello-Kommoden und Vintagemöbeln, die sich gegen eine Besaitung nicht wehren konnten.

    Meter weiter, im Lichthof des Konservatoriums, entsteht ebenfalls Neues aus Altem: In Kassel lässt Daniel Knorr den weißen Rauch aufsteigen, für Athen hat er tonnenweise Alltagsrelikte – umgangssprachlich Müll – gesammelt, die stückchenweise zwischen Buchdeckel gepresst werden. Jeder entscheide selbst: Kritik an der an Nachhaltigkeit wenig interessierten Gesellschaft – oder gar ein Kommentar zu Produktionsprozessen der Kunstszene?

    Eine ganz andere Resteverwertung, die den Besucher auf seinem Marathon ausbremsen kann, findet sich an dem Standort der Athener documenta, der am meisten von ihr profitieren dürfte: Im EMST, dem staatlichen Museum für zeitgenössische Kunst, hat der Österreicher Lois Weinberger sein Bauabraum aus den Jahren 2010 bis 2016 ausgestellt. Was rund um den uralten heimischen Bauernhof zum Vorschein kam, wurde teils inszeniert fotografiert, teils in Vitrinen gesammelt, wo es, wenn etwa der Korpus einer rostigen Christusfigur dabei ist, wie ein Votivkasten wirken kann. Auch hier gilt: Den Kontext muss man sich selbst erschließen oder herbeifantasieren – was für den Alpenbewohner ganze Kopfkino-Filmreihen ergibt, dürfte anderen fremd sein und bleiben.

    Ausblicke vom Brauereidach

    Einst unter bayerischer Herrschaft in Griechenland als Brauerei erbaut, zeigt sich das EMST als wunderbares Ausstellungshaus, dass auf seinen Ebenen hinaufführt zu zwei Terrassenebenen, die Rundumblicke ermöglichen: auf die Stadtberge Athens, und, ja, auch auf die gar nicht weite Akropolis, vor allem aber auf die teils verfallende, teils extrem verdichtete Wohn- und Geschäftsarchitektur ringsum. Die eigentlich hier beheimatete Sammlung von zeitgenössischer griechischer Kunst wird im Kasseler Fridericianum zu Gast sein. Und wenn die 163 Tage, die dieses „Museum der 100 Tage“ diesmal in zwei Stationen umfasst, vorbei sind, wird man möglicherweise entscheiden können: Ob das Aufteilen der mehr als 150 Künstlerinnen und Künstler auf zwei Standorte auf beiden Seiten der Medaille Eigenständiges, überspannendes Ganzes oder im Spagat zwischen zwei denkbar ungleichen Polen Zerrissenes oder Verwässertes hervorgebracht hat.

    • Weitere Infos unter www. documenta14.de

    Kultur
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!