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    Stadtburschen und Landmädels: Kann die Politik "gleichwertige Lebensverhältnisse" schaffen?

    Wer heute eine Familie gründen will, muss viele Entscheidungen treffen. Mit wem zum Beispiel, damit fängt es ja schon mal an. Oft schließt sich dann eine andere Frage an: Wo wollen wir wohnen? Denn ob man in der Stadt oder auf dem Land wohnt, ist nicht nur Einstellungssache. Beide Lebensmodelle bringen Vor- und Nachteile mit sich.

    Im Koblenzer Stadtteil Moselweiß wohnt Familie Wilke. Das sind: Mutter Simone, Vater Gunnar und die drei Jungs Jan (5), Julian (1) und Jonas (8).
    Im Koblenzer Stadtteil Moselweiß wohnt Familie Wilke. Das sind: Mutter Simone, Vater Gunnar und die drei Jungs Jan (5), Julian (1) und Jonas (8).
    Foto: Charlotte Krämer-Schick

    Familie Wilke aus Koblenz (113.000 Einwohner) und Familie Schlarb aus Kirschroth im Kreis Bad Kreuznach (256 Einwohner) kennen sie alle. Wilkes zum Beispiel haben sich in Koblenz nach einem größeren Haus umgesehen, als sie ihren dritten Jungen Julian erwarteten. Als sie nichts Passendes fanden, entschieden sie sich, doch lieber den Keller auszubauen.

    Im 256 Einwohner kleinen Kirschroth im Kreis Bad Kreuznach lebt Familie Schlarb mit Vater Bernd, Mutter Aggi und den drei Mädchen Maya (9), Anna (13) und Emma (2).
    Im 256 Einwohner kleinen Kirschroth im Kreis Bad Kreuznach lebt Familie Schlarb mit Vater Bernd, Mutter Aggi und den drei Mädchen Maya (9), Anna (13) und Emma (2).
    Foto: Stefan Munzlinger

    Platz haben Schlarbs in Kirschroth genug. Doch wenn sie erreichbar sein wollen, brauchen sie etwas Glück. Im Haus legen sie ihre Handys immer ganz nah ans Fenster. So haben sie zumindest eine Chance, dass sich ein Mobilfunksignal zum Gerät verirrt.

    Zur Bundestagswahl haben nun wieder viele Parteien in ihren Programmen stehen, dass sie „gleichwertige Lebensverhältnisse“ in ganz Deutschland schaffen wollen. Es soll egal sein, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land wohnt, wenn es darum geht, die Kinder in die Schule zu schicken, einen Arzt aufzusuchen oder einfach nur mobil zu sein.

    Wer Familie Wilke in Koblenz und Familie Schlarb in Kirschroth besucht und mit ihnen über ihre Probleme und ihre Wünsche spricht, der merkt, dass das zum Teil ein leeres Versprechen bleiben muss. Und dass das vielleicht gar nicht so schlimm ist.

    Das Haus der Familie Wilke steht im Koblenzer Stadtteil Moselweiß.
    Das Haus der Familie Wilke steht im Koblenzer Stadtteil Moselweiß.
    Foto: Johannes Bebermeier

    Wohnen:

    Familie Wilke, das sind Mutter Simone (35), Vater Gunnar (40) und ihre drei Söhne Jonas (8), Jan (5) und Julian (1). Sie wohnen im Koblenzer Stadtteil Moselweiß, nicht ganz zentral, aber auch nicht ganz weit weg vom Mittendrin. Simone hat schon als Kind hier gewohnt. Gunnar kommt aus einem anderen Koblenzer Stadtteil, aus Metternich auf der anderen Moselseite. Als sie 2009 heirateten und ihr erster Sohn Jonas zur Welt kam, überlegten sie kurz, aufs Land zu ziehen. Sie guckten sich eine Eigentumswohnung an im Hunsrück, auch ein Haus. Von dort aus wäre Gunnar wesentlich schneller bei seiner Arbeit in Kastellaun gewesen. „Aber ich habe mich nicht wohlgefühlt“, sagt Simone. „Ich brauche das Stadtgefühl, das Gefühl, jederzeit abends ausgehen zu können und Freunde zu treffen.“ Auch Gunnar wollte in Koblenz bleiben.

    Also hörten sie sich um, und Simones ehemalige Tagesmutter gab ihnen den Tipp, dass in Moselweiß eine Doppelhaushälfte frei wird. 110 Quadratmeter mit einem Garten. „Wir hatten Glück“, sagt Simone auf ihrer Terrasse, während der ein Jahr alte Julian in seinem Kinderstuhl ein Croissant zerpflückt. Als sie mit ihm schwanger war, begaben sich die Wilkes noch einmal auf die Suche nach einer neuen Bleibe, einem größeren Haus in Koblenz. Erfolg hatten sie nicht. Es gab kein Haus, das sie überzeugen konnte, aus Moselweiß wegzuziehen, wo sie sich doch so wohlfühlen. Und auch die Preise waren inzwischen gestiegen. Durch den Ausbau ihres Kellers haben sie nun 160 Quadratmeter Wohnfläche, das reicht.

    Die Schlarbs wohnen mitten im Grünen, etwas außerhalb des kleinen Dorfes Kirschroth.
    Die Schlarbs wohnen mitten im Grünen, etwas außerhalb des kleinen Dorfes Kirschroth.
    Foto: Johannes Bebermeier

    Die Schlarbs im Weindorf Kirschroth an der Nahe haben ganz andere Sorgen. „Der Garten macht schon viel Arbeit“, sagt Vater Bernd, als er auf der Terrasse neben seinem Haus sitzt und den Blick über sein 1500 Quadratmeter großes Grundstück schweifen lässt. Seine Hühner gackern im Stall, der Wind lässt die Blätter der vielen Bäume rascheln, auf der Wiese stehen Schaukel, Rutsche, Planschbecken und Trampolin. Ob er das Grundstück noch mal so groß kaufen würde, weiß er nicht. Aber klar, das ist ein Luxusproblem. Es war eben so günstig.

    Ein entfernter Verwandter hat ihm ein Stück Wiese am Rande des Orts verkauft. In ein klassisches Neubaugebiet wollte er nicht, direkt ins Dorf auch nicht, zu eng, zu wenig Garten. Um die Erschließung musste er sich zwar selbst kümmern, aber mit Hilfe von Bekannten aus dem Dorf war das ruckzuck gemacht. „Das kostet ja nix“, sagt er. Nach vier Monaten stand das Fertighaus mit 180 Quadratmeter Wohnfläche.

    Zur Familie Schlarb gehören neben Vater Bernd (51) noch Mutter Aggi (44), ihre drei Töchter Anna (13), Maya (9) und Emma (2) sowie Bernds erwachsener Sohn aus erster Ehe, Moritz (27), der schon aus dem Haus ist. Bernd ist in Kirschroth geboren, zwischendurch hat er mal in Weiler, Stromberg und Waldalgesheim gelebt, auch in Bad Kreuznach und Wiesbaden. Doch irgendwann hat es ihn in die Heimat zurückgezogen. „Hier bin ich wer, hier kennt man mich“, sagt er. „Das ist etwas ganz anderes für das Selbstwertgefühl als in einer großen, anonymen Stadt.“

    Die Parteien haben viele Ideen in ihren Bundestagswahlprogrammen, die gerade Familien das Bauen erleichtern sollen. Doch an den Preisunterschieden der Grundstücke wird die Politik wenig ändern können. Und am Gefühl der Menschen, das sie haben, wenn sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen, schon gar nicht.

    Mama Simone Wilke ermöglicht all ihren Jungs die musikalische Früherziehung - so jetzt auch Julian.
    Mama Simone Wilke ermöglicht all ihren Jungs die musikalische Früherziehung - so jetzt auch Julian.
    Foto: Johannes Bebermeier

    Arbeiten:

    Bei Familie Wilke in Koblenz wird es hektisch, mehr als es ohnehin schon ist mit drei lebhaften Jungs. Ein Auto fährt auf den Hof, die Autotür fällt ins Schloss, die Kinder laufen zur Haustür. Es ist 14 Uhr, Papa Gunnar kommt von der Arbeit heim, es ist ein großes Hallo. Gunnar ist Realschullehrer für evangelische Religion und Englisch an der IGS Kastellaun im Hunsrück, seit zehn Jahren inzwischen. Er fühlt sich wohl dort, will an der Schule bleiben, auch wenn er eine Dreiviertelstunde fahren muss, bis er dort ist. Er unterrichtet halbtags, also ist er bis auf Donnerstag, wenn er am Nachmittag noch einen Sprachkurs gibt, um 14 Uhr zu Hause. Das freut nicht nur die Kinder, sondern auch seine Frau Simone. Die kümmert sich im Moment wieder in Vollzeit um ihre drei Söhne, vor allem um den kleinsten, Julian, und nimmt dafür drei Jahre Auszeit von ihrer Arbeit bei der Sparkasse Koblenz. Sie ist Betriebswirtin und wird in einem Jahr wieder in ihren Beruf zurückkehren können – zurückkehren müssen. Elterngeld bekommt sie derzeit nicht mehr. Um die Haushaltskasse aufzubessern, hilft sie zwei Tage in der Woche bei ihrem Vater in der Physiopraxis aus.

    Bei den Schlarbs sind die Rollen anders herum verteilt. Papa Bernd ist Hausmann und kümmert sich nicht nur um die drei Kinder, sondern auch um den gesamten Haushalt.
    Bei den Schlarbs sind die Rollen anders herum verteilt. Papa Bernd ist Hausmann und kümmert sich nicht nur um die drei Kinder, sondern auch um den gesamten Haushalt.
    Foto: Charlotte Krämer-Schick

    Bei Familie Schlarb in Kirschroth, am Fuße der Weinberge, sind die Rollen genau andersherum verteilt. Vater Bernd hat lange bei der Telekom gearbeitet. Als das Unternehmen irgendwann hohe Abfindungen verteilte, kündigte er, um sich ein paar Jahre um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Seine Frau Aggi verdient seitdem allein das Geld, mit ihrer guten Position bei Boehringer Ingelheim. Sie muss weit pendeln, 40 Minuten hin und 40 Minuten zurück. Um Viertel vor 7 Uhr geht sie aus dem Haus und kommt oft erst zur Tagesschau wieder heim. Heute werden die Kinder ihre Mama wohl gar nicht mehr sehen, sie muss noch zu einem Geschäftsessen. So ist das eben manchmal.

    Finanziell stehen die Schlarbs gut da, Vater Bernd hat sich inzwischen von dem Gedanken verabschiedet, irgendwann wieder in seinen Job zurückzukehren. Es ist nicht nötig. Das liegt auch daran, glaubt er, dass man auf dem Land günstiger lebt. „Manchmal mache ich die ganze Woche das Portemonnaie nicht auf.“ Einfach, weil er im Dorf kaum eine Chance hat, Geld auszugeben.

    Andererseits: Wer im Weinort Kirschroth kein Winzer ist, für den hat das Dorf keine Arbeit. Doch auch längst nicht jeder, der in Koblenz wohnt, findet dort einen Job. Rheinland-Pfalz ist Pendlerland. 74 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten überschreiten auf ihrem Weg zur Arbeit mindestens eine Gemeindegrenze. Den knapp 48.000 Menschen, die nach Koblenz zur Arbeit fahren, stehen knapp 16.000 gegenüber, die genau in die andere Richtung pendeln, aus Koblenz hinaus zu ihrem Job. So wie Lehrer Gunnar Wilke.

    Der Weg zu Jans Kindergarten ist kurz, sodass die Wilkes ihn zu Fuß zurücklegen können. Der positive Nebeneffekt: Man kennt sich und wenn die Müllmänner vorbeikommen, darf Jan ihnen unter die Arme greifen.
    Der Weg zu Jans Kindergarten ist kurz, sodass die Wilkes ihn zu Fuß zurücklegen können. Der positive Nebeneffekt: Man kennt sich und wenn die Müllmänner vorbeikommen, darf Jan ihnen unter die Arme greifen.
    Foto: Johannes Bebermeier

    Lernen:

    In Koblenz springt der fünf Jahre alte Jan mittags auf dem Heimweg von der Kita fröhlich vor Mutter Simone Wilke her. Hier und da pickt er eine Haselnuss vom Boden auf, die in seiner Hosentasche verschwindet. Der Fußweg von der Kita ist kurz und führt über schmale Fußwege durch viel Grün. Keine zehn Minuten laufen die beiden. Die Eltern aus der Nachbarschaft wechseln sich bei Bedarf mit dem Hinbringen und Abholen von der Kita ab.

    Zu Hause eingetroffen, kommt kurze Zeit später auch Jonas zu Fuß aus der Grundschule. Im ersten halben Jahr gehen noch Erwachsene mit zur Schule, sagt Mutter Simone, doch schnell wollen die Kinder den 15-minütigen Weg lieber allein gehen. Wegen der Raser in den engen Moselweißer Straßen hatte sie mal die Idee, ein Schülerlotsenprojekt zu starten, doch daraus wurde nichts. „Es gab zu wenige Freiwillige, die mitmachen wollten.“

    Wenn die drei Jungs auf die weiterführende Schule wechseln, haben sie in Koblenz eine große Auswahl. Allein sieben Gymnasien gibt es im Stadtgebiet, je nach Vorliebe der Kinder mit Schwerpunkten wie Sport, Naturwissenschaften, Sprachen oder Musik.

    Nur neun Busse stehen auf dem Plan an der einzigen Haltestelle in Kirschroth.
    Nur neun Busse stehen auf dem Plan an der einzigen Haltestelle in Kirschroth.
    Foto: Désirée Thorn

    Bei Familie Schlarb in Kirschroth startet Vater Bernd morgens um 8 Uhr das Auto, wenn Emma in den Kindergarten muss. Knapp fünf Kilometer fährt er sie dafür in den Nachbarort, morgens hin, mittags zurück. Doch das ist bald vorbei. Emma fiebert ihrem dritten Geburtstag entgegen, dann darf sie endlich mit dem Bus fahren. Auch Maya (9) und Anna (13) fahren mit dem Bus zur Grundschule und ins Gymnasium.

    Problematisch wird es mit den Verbindungen jedoch ab der Oberstufe, sagt Vater Bernd, weil die Unterrichtszeiten unregelmäßiger werden. Viele der älteren Kinder im Dorf kriegen dafür Mopeds oder Roller. Bei den Schlarbs kommt das nicht infrage, wenn Anna so weit ist, zu gefährlich. Auch wenn es mit den Bussen schon jetzt manchmal schwierig ist. Im Winter fiel mal der Bus wegen Glatteis aus. Bernd hatte einen Termin, den er nicht verschieben konnte. Da musste Mutter Aggi von ihrer Arbeit aus Ingelheim kommen, um Tochter Anna abzuholen. Eine Ausnahme, sagt Vater Bernd: „Ich kann mich ja richten.“ Problematisch sei das aber für Familien, in denen beide Elternteile arbeiten gehen.

    Anna geht auf das acht Kilometer entfernte Emanuel-Felke-Gymnasium in Bad Sobernheim. Alternativen gibt es schon, etwa das Paul-Schneider-Gymnasium mit Schwerpunkt Sport im 18 Kilometer entfernten Meisenheim. Oder das Gymnasium in Kirn, knapp 20 Kilometer ist das weg. Eine Wahl haben die Familien also auch auf dem Land. Nur müssen Eltern und Kinder dann manchmal weitere Wege in Kauf nehmen.

    Das letzte Gasthaus in Kirschroth ist mittlerweile nur noch sporadisch geöffnet.
    Das letzte Gasthaus in Kirschroth ist mittlerweile nur noch sporadisch geöffnet.
    Foto: Johannes Bebermeier

    Leben:

    Seit 160 Jahren kann man im Gasthaus Schlarb in Kirschroth essen, trinken und gesellig sein. Das heißt, man konnte dort essen, trinken und gesellig sein. Denn bei der Jubiläumsfeier Ende Mai verkündeten die Besitzer, entfernte Verwandte von Bernd Schlarb, dass sie die Kneipe schließen werden. Nur noch zu besonderen Anlässen soll sie geöffnet sein. Niemand wollte sie weiterführen. Der letzte Treffpunkt für die Kirschrother, der immer offenstand, ist damit dicht. Es gibt zwar einige Straußwirtschaften, die wenigstens am Wochenende offen haben. Aber das Gleiche ist das nicht. Die Kirschrother hoffen nun darauf, dass eine neue Gaststätte die Lücke füllen kann, derzeit wird aber noch renoviert.

    In Kirschroth gibt es auch keinen Einkaufsladen, keinen Bäcker und keinen Friseur. Dafür kommt ab und zu ein fahrender Bäcker ins Dorf, auch einen Gemüsewagen gibt es. Es ist nicht so, dass nichts los wäre in Kirschroth. Es gibt viele Vereine, den Sportverein Kirschroth 1971 zum Beispiel, den Kulturverein Wir für uns Kirschroth oder den Gesangverein Fröhliche Zecher 1967. Und die Kinder spielen eben oft draußen, ziehen durchs Dorf, man kennt sie hier ja.

    Wenn seine Töchter zum Turnen oder zum Reiten müssen, bringt Bernd Schlarb sie in die Nachbarorte. Den Einkauf erledigt er im knapp acht Kilometer entfernten Bad Sobernheim. Wenn jemand Schuhe braucht, fährt er nach Kirn, knapp 20 Kilometer ist das weg. „Ich mache manchmal mehr Kilometer als meine Frau, die täglich zur Arbeit nach Ingelheim pendelt“, sagt er.

    Mit der Anbindung ist es hier nicht weit her. Auf dem Busfahrplan stehen nur neun Fahrten, und da sind auch die dabei, die es nur in den Schulferien gibt. „Ohne Auto geht es nicht“, sagt Bernd Schlarb. Wirklich aufregen kann er sich über das fehlende Breitbandinternet im Dorf. Und dass er sein Handy im Haus ans Fenster legen muss, um Empfang zu haben, und es auf der Terrasse hinterm Haus gar nicht funktioniert, findet der frühere Telekom-Mitarbeiter auch nicht lustig.

    Die Politik verspricht schon lange Abhilfe. Doch in der Wirklichkeit ist die vielerorts noch nicht angekommen. Bernd Schlarb glaubt, dass das ein wichtiger Grund dafür ist, dass sich viele dagegen entscheiden, aufs Land zu ziehen. Und lieber in Koblenz bleiben, so wie Familie Wilke, wo es Internet und Handyempfang und auch all die anderen Dinge gibt, die man auf dem Dorf vermissen könnte.

    Der Kalender der Wilkes ist immer prall gefüllt. Jedes Kind hat schon seine eigenen regelmäßigen Termine.
    Der Kalender der Wilkes ist immer prall gefüllt. Jedes Kind hat schon seine eigenen regelmäßigen Termine.
    Foto: Charlotte Krämer-Schick

    Gesund bleiben:

    Als Simone Wilke in Koblenz mit ihrem zweiten Kind schwanger war, setzten eines Nachts Wehen ein. Sie glaubte an einen Fehlalarm, so wie sie schon einige erlebt hatte, und entschied sich, Mann Gunnar erst gar nicht zu wecken. Die Wehen kamen in großen Abständen, alle zehn Minuten. Also fuhr sie sich kurz selbst ins Krankenhaus, zwischen zwei Wehen. Kein Problem in Koblenz. Fünf Krankenhäuser gibt es hier. Dazu Dutzende Hausärzte und Fachmediziner für jeden Teil des Körpers.

    Bei Familie Schlarb in Kirschroth wäre so etwas unvorstellbar. In 10 Minuten schafft man von hier aus noch nicht mal die Hälfte des Weges in eines der umliegenden Krankenhäuser in Meisenheim, Kirn oder Bad Kreuznach. Seitdem der Hausarzt im fünf Kilometer entfernten Merxheim dichtgemacht hat, steht die Schlange beim Doktor im ebenso nahen Nachbardorf Meddersheim oft bis auf die Straße. Die beiden jungen Frauen dort bemühen sich zwar nach Kräften, sagt Bernd Schlarb, aber eigentlich müssen sie zu viele Patienten versorgen. Die Politiker reden schon lange davon, Ärzte aufs Land locken zu wollen. Der Erfolg ist bislang überschaubar. Ob die Bundestagswahl daran etwas ändert?

    Seit er denken kann, esucht Jonas die Musikschule. Mittlerweile lernt er Klavier.
    Seit er denken kann, esucht Jonas die Musikschule. Mittlerweile lernt er Klavier.
    Foto: Charlotte Krämer-Schick

    In die Zukunft blicken:

    Wer Familie Wilke in Koblenz einen Tag lang begleitet, sie in der Musikschule beobachtet und beim Bolzen, der hat nicht den Eindruck, dass ihnen viel fehlt in der Stadt. Und wer Familie Schlarb im Weindorf Kirschroth an der Nahe besucht, mit ihnen zum Turnen und zum Friseur fährt, der erlebt eine ebenso glückliche und zufriedene Familie.

    Beide wissen, dass es ihnen in Deutschland ziemlich gut geht, besser als in den meisten anderen Ländern auf der Welt. Das hängt auch mit der Politik für Familien zusammen, mit Dingen wie Elterngeld, Kindergeld, Kinderfreibeträgen, kostenlosen Kitas, Schulen und Universitäten.

    Und doch führt ihr Wohnort dazu, dass beide Familien unterschiedliche Leben führen müssen, um glücklich zu sein. Im Dorf Kirschroth lebt man günstiger und idyllischer als in der Stadt Koblenz. Aber man muss sich im Ort engagieren, man muss selbst etwas los machen, damit auch etwas los ist. „Wenn ich gut leben will, dann muss ich mich einbringen“, sagt Bernd Schlarb, der selbst ein halbes Dutzend Ehrenämter hat.

    Emma ist das Nesthäkchen der Familie Schlarb. Noch muss Papa Bernd sie überall hinbrigen. Sobald sie ihren dritten Geburtstag gefeiert hat, darf sie aber schon selbst Bus fahren.
    Emma ist das Nesthäkchen der Familie Schlarb. Noch muss Papa Bernd sie überall hinbrigen. Sobald sie ihren dritten Geburtstag gefeiert hat, darf sie aber schon selbst Bus fahren.
    Foto: Johannes Bebermeier

    Immer weniger wollen das offenbar, auch in Kirschroth ist das zu beobachten. Noch sind sie 256 Kirschrother. Aber sie werden älter, und Jüngere ziehen nur selten her. „Die Dörfer schrumpfen weg“, sagt Bernd Schlarb. Und wo keine Menschen sind, da ist auch kein Arzt, keine Kneipe, kein Laden.

    Was also tun? Mehr Geld? „Das allein hilft auch nicht.“ Vielleicht, glaubt er, liegt es am schlechten Ruf des Dorflebens, vielleicht müssen Politiker und Journalisten das Positive in den Vordergrund stellen. Vielleicht.

    SPD

    • Mietpreisbremse verbessern; mehr bezahlbare Wohnungen
    • Erwerb von Wohneigentum erleichtern durch sozial gestaffeltes Familienbaugeld
    • Gesundheitsversorgung auch auf dem Land sicherstellen, mehr Hausärzte
    • Verfall von Gebäuden im Ortskern verhindern durch Förderung für Käufer
    • Internet: Breitband für alle
    • Strukturschwache Regionen wirtschaftlich fördern
    • Geld für Verbesserung des Öffentlichen Nahverkehrs
    • Carsharing und Bürgerbusse fördern; Fahrrad(schnell)wege

    CDU/CSU

    • Familien Eigentum ermöglichen mit Baukindergeld, bei dem es Zuschuss pro Kind gibt
    • Ärztliche Versorgung sichern: Versorgungszentren fördern; bei Studienplatzvergabe Interessen des ländlichen Raums berücksichtigen
    • Behörden, Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen in der Fläche
    • Breitband- und Mobilfunkversorgung flächendeckend
    • Naturtourismus ausbauen
    • Ehrenamtsstiftung errichten
    • Kommission „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“

    Grüne

    • Hilfe für schwache Kommunen mit Altschuldenfonds; Entlastung von Sozialausgaben
    • Investitionsprogramm im „zweistelligen Milliardenbereich“ zunächst für Schulen
    • Eine Million dauerhaft günstige Wohnungen
    • Mietpreisbremse ohne Schlupflöcher
    • Städtisches Umland besser anbinden
    • Schnelles Internet überall
    • Erreichbare Ärzte und Kliniken
    • Schulen nach Prinzip „Kurze Beine, kurze Wege“

    FDP

    • Wohneigentum fördern durch Freibetrag bei Grunderwerbsteuer von bis zu 500 000 Euro
    • Zuschuss für Länder, die in Krankenhäuser investieren
    • Ausbau digitaler Gesundheitsdienstleistungen
    • Internet: Flächendeckendes Glasfasernetz
    • Neubau von Wohnungen 
attraktiver machen
    • Mietpreisbremse abschaffen

    Linke

    • 2,5 Milliarden Euro jährlich für Investitionen in Krankenhäuser vom Bund; weitere Privatisierungen verhindern
    • Standorte von Ärzten gleichmäßiger verteilen
    • Privatisierung öffentlicher Daseinsfürsorge stoppen
    • Altschuldenfonds für Kommunen; ausreichend Geld für Aufgaben vom Bund
    • 5 Milliarden Euro für mindestens 250 000 Sozialwohnungen im Jahr
      Echte Mietpreisbremse
    • Bundesförderung für Erhalt von Ortskernen
    • Ausbau des ÖPNV sowie des Rad- und Fußverkehrs
    • Bezahlbares Breitbandnetz


    

AfD

    • In zwei Jahren überall Anschluss an Breitbandinternet
    • Anreize für Ärzte auf dem Land
    • Wohnortnahe, kommunale Krankenhäuser erhalten
    • Straßen und Schienen erneuern, kein Verkehrsmittel bevorzugen
    • Wohnungsbau durch Bürokratieabbau stärken
    • Grund- sowie Grunderwerbsteuer senken

     

    Rheinland-Pfalz
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