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Mainz/Koblenz

Kinder ein halbes Jahr von Eltern getrennt: Ärztin muss nicht für falsches Gutachten haften

Der Fall ist auch für den Vorsitzenden Richter Joachim Dennhardt im Großen Sitzungssaal des Oberlandesgerichts (OLG) Koblenz bewegend, wie er sagt: Ein falsches Gutachten, das vom hochgradigen Verdacht von Kindesmisshandlung ausging, alarmierte ein pfälzisches Jugendamt. Mit Polizei und Gerichtsvollzieher trennte es zwei Kinder im Alter von 6,5 und 18 Monaten von ihren Eltern. Es gab sie in die Obhut von Pflegefamilien.

Die Familie war monatelang voneinander getrennt.
Die Familie war monatelang voneinander getrennt.
Foto: privat

Von unserer Chefreporterin Ursula Samary

Mehr als ein halbes Jahr war die Familie im pfälzischen Fußgönnheim getrennt. Dann bescheinigte ein anderer Gutachter, dass die Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit unter einer Erbkrankheit (benigner Hydrocephalus oder sogenannter Wasserkopf) leiden, die schon bei geringsten Erschütterungen Blutgerinnsel auslöst. Damit schied die gutachterliche Ferndiagnose von Schütteltrauma aus, das Familiengericht ließ die Kinder wieder zu ihren Eltern.

Und die fordern wegen des vom Gutachten ausgelösten Leids von der renommierten Mainzer Rechtsmedizinerin Bianca Navarro-Crummenauer ein Schmerzensgeld von 80 000 Euro. Die Ärztin wehrt sich vor dem OLG gegen eine Entscheidung des Mainzer Landgerichts, das vom Grundsatz her ein Schmerzensgeld für gerechtfertigt hält. Die Medizinerin müsse haften, weil sie grob fahrlässig gearbeitet und das Gutachten nicht wissenschaftlichen Standards genügt habe. Zudem sei der Auftrag nicht ans Institut der Uniklinik, sondern eigens an sie als anerkannte Expertin gegangen.

Nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt?

Die Koblenzer Anwältin Karin Schwall rügt diese Entscheidung in mehreren Punkten, führt auch ins Feld, dass ihrer Mandantin nicht alle Befunde vorgelegen hätten, wohl aber ein Gutachten, dass einen Hydrocephalus klar ausgeschlossen habe. Die Ärztin betont wortreich, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe. Denn als Mutter dreier Kinder könne sie nachempfinden, welche Katastrophe es für Eltern ist, wenn die Polizei plötzlich die Kinder abholt.

In einem Punkt gibt der 1. Zivilsenat ihr Recht: Nicht die Medizinerin muss persönlich haften, sondern das Jugendamt und damit als Träger der Rhein-Pfalz-Kreis. Denn das Amt mit seiner Wächterfunktion über das Kindeswohl habe sich bei seiner Entscheidung auf die Expertise der Gutachterin, sprich seiner externen Fachkraft gestützt. Nach geltender Rechtsprechung müsse der Landkreis für Fehler seiner Verwaltungshelferin in einer Verantwortungsgemeinschaft einstehen.

In allen anderen Punkten will der Senat aber offenbar der ersten Instanz folgen – auch in der Einschätzung eines grob fahrlässigen Handelns. Bei einem Widerspruch hält Richter Dennhardt der Ärztin vor, dass sie plakativ einen Hydrocephalus oder Folgen eines Verkehrsunfalls als Ursache für die Verletzung eines Kindes ausgeschlossen habe. Die Konsequenz eines solchen Urteils aber komme für die mehrfach ausgezeichnete Rechtsmedizinerin beruflich einem Tsunami gleich, gibt deren Anwältin Schwall zu bedenken.

Eltern kommen nicht zur Ruhe

Nach der vorläufigen Beratungslinie des Senats dürfte die Ärztin zwar den Berufungsprozess gewinnen, aber wohl tief getroffen eine weitere gerichtlichen Schelte einstecken müssen. Und die Eltern, die einen Schlussstrich erhofften, kommen noch nicht zur Ruhe, sprechen spontan von Schock. Einer Klage gegen den Rhein-Pfalz-Kreis gibt das OLG „gewisse Erfolgsaussichten“. Ob das Paar sich dazu entschließt, will es in Ruhe überlegen. Fazit: Am Ende der Verhandlung schießen auf beiden Seiten für einige Momente Tränen in die Augen.

Der Fall ist emotional, hat in sozialen Netzwerken wie Facebook hohe Wellen geschlagen. Deshalb herrschen vorsichtshalber bei diesem Zivilprozess auch besondere Sicherheitskontrollen. Am Rande wird deutlich, welche Verletzungen die Stimmung der jeweiligen Sympathisanten im Netz auf beiden Seiten hinterlassen hat. Dies hallt auch im Saal nach. Eine Entschuldigung der Ärztin nimmt Vater Kevin D. nicht an. Sie komme zu spät, sei wegen eines Netzeintrags auch nicht glaubwürdig.

Der Senat verkündet seine endgültige Entscheidung am 18. März.

Rheinland-Pfalz
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