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    Leienkaul

    Interview mit Friedensaktivistin: Hiroshima ist weiterhin Mahnung zum Frieden

    Über der japanischen Stadt Hiroshima wurde am 6. August 1945 die erste Atombombe abgeworfen. Drei Tage später folgte der zweite Atombombenabwurf auf Nagasaki. Hunderttausende Menschen starben, viele sofort, viele aber auch noch Jahrzehnte danach an den Folgen. 70 Jahre danach wird in vielen Orten an diesen ersten und bislang einzigen Atomwaffeneinsatz erinnert.

    In Deutschland gibt es zahlreiche Gedenkfeiern, die Friedensbewegung mahnt aber auch die Ächtung dieser Waffen an. Auch in Büchel stehen wieder Veranstaltungen an, so eine Fastenaktion, eine Kundgebung in Cochem und eine Fahrradtour der DFG-VK. Dr. Elke Koller aus Leienkaul engagiert sich seit vielen Jahren in der Friedensbewegung. Sie gehört seit 1996 zu den Initiatoren der Protestaktionen am Bundeswehr-Fliegerhorst in Büchel, wo die letzten Atomwaffen in Deutschland vermutet werden.

    Vor 70 Jahren wurden erstmals Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Was bewegt Sie angesichts dieses Jahrestags?

    Es sind 70 Jahre zu viel. Ich kann nicht begreifen, dass es diese schrecklichen Waffen immer noch gibt. Atomwaffen bringen so viel Leid, ich kann es daher nicht nachvollziehen, dass es bisher nicht gelungen ist, eine Ächtung dieser Waffen zu erreichen. Ich finde es einfach nur erschreckend, dass 70 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki sich da nichts getan hat.

    Warum ist die Erinnerung an diese Jahrestage auch heute noch wichtig? Auch für uns in Deutschland?

    Zum einen allein schon deshalb, weil immer noch Atomwaffen in Deutschland, hier in der Eifel, stationiert sind und wir da ganz konkret davon betroffen sind. Hiroshima ist angesichts der Atomwaffen in Büchel nicht weit weg von uns, sondern ganz nah.

    Zum anderen darf aber auch nicht vergessen werden, dass Atomwaffen eine deutsche Erfindung sind. Die Idee zu diesen Waffen ist im Dritten Reich entstanden, es waren deutsche Wissenschaftler, die hier die Grundlagen gelegt haben, und es wurden kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in Thüringen erste Atomwaffenversuche durchgeführt. Für Deutschland muss diese Geschichte auch eine Verantwortung sein, sich einzusetzen für die Abschaffung und Ächtung dieser Waffen. Das Gedenken und das Mahnen an den ersten Einsatz von Nuklearwaffen vor 70 Jahren gehört daher nicht nur nach Hiroshima und Nagasaki, sondern auch hier nach Deutschland.

    Seit fast 20 Jahren gehören Sie zu den Initiatoren der Proteste am letzten Atomwaffenlager in Deutschland, in Büchel. Woher nehmen Sie die Motivation und die Kraft für diese Arbeit?

    Es ist vor allem die persönliche Betroffenheit, weil hier in unmittelbarer Nähe zu meiner Wohnung noch Atomwaffen liegen. Da, wo solche Waffen lagern, da könnte auch ein erster Einsatz drohen. Und damit meine ich nicht in erster Linie den militärischen Einsatz mit diesen Waffen, sondern auch die Tatsache, dass Atomwaffenlager erstes Ziel sind in einem Krieg oder auch durch Terroristen bei Anschlägen. Dann ist es mir wichtig, diesen Protest auch für meine Kinder und Enkelkinder zu tun, weil ich ihnen keine Welt hinterlassen möchte mit der Gefahr eines Atomkrieges.

    Und eine wichtige Motivation für mich war einfach auch die Tatsache, dass ich mit großem Schrecken erfahren habe, dass nach der Wiedervereinigung trotz des 2+4-Vertrages und des Atomwaffensperrvertrages, den Deutschland unterzeichnet hat, weiterhin Atomwaffen in unserem Land lagern.

    In diesen 20 Jahren gab es viele Aktionen der Friedensbewegung in Büchel, Umrundungen, Demonstrationen, Mahnwachen, Go-In-Aktionen, Blockaden, aber auch juristische Versuche, die Atomwaffen zu ächten. Dennoch lagern nach wie vor die Atomwaffen in Deutschland, werden sogar modernisiert. Führt das bei Ihnen nicht auch mal zu Resignation, Frust und Enttäuschung?

    Natürlich gibt es Phasen der Resignation, aber auch der Müdigkeit. Die frühere Kraft, aktiv was zu tun, lässt manchmal nach. Doch die innere Empörung ist in all den Jahren eher größer geworden. Dies erst recht, weil es für mich völlig unbegreiflich ist, dass Deutschland es nun sogar zulässt, dass diese Waffensysteme modernisiert werden, statt für deren Abschaffung einzutreten. Darum: Jetzt erst recht weiter protestieren.

    Die Blockadeaktion „Büchel 65“ hat da auch gutgetan und es hat mich sehr beeindruckt, dass aus ganz Deutschland so viele Menschen hier in der Eifel kamen und unseren Protest vor Ort auch unterstützten.

    Gab es denn mal Situationen, wo Sie dachten, dass die Proteste der Friedensbewegung erfolgreich sein könnten und die Atomwaffen aus Deutschland abgezogen werden?

    Klar gab es solche Situationen. 2005, als Joschka Fischer auf der Überprüfungskonferenz in New York klare Positionen bezog. Oder 2009, als die neue Bundesregierung damals auf Drängen von Guido Westerwelle den Abzug der Atomwaffen in den Koalitionsvertrag reinschrieb und mich das Engagement des neuen Außenministers in dieser Frage sehr beeindruckte. Oder dann 2010, als der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit die Bundesregierung aufforderte, sich für den Atomwaffenabzug einzusetzen. Hier kann ich kaum glauben, wie ein solcher klarer Auftrag von der Bundesregierung unter den Teppich gekehrt wird. Und ein wenig hoffe ich auch nun auf die Initiativen von Nicht-Atomstaaten für einen Verbotsvertrag.

    In der Region stoßen die Proteste der Friedensbewegung auf deutliche Ablehnung, es sind nur wenige Einheimische, die in Büchel gegen die Atomwaffen demonstrieren. Warum stoßen diese Atomwaffen auf so wenig Beachtung vor Ort?

    Es gibt da immer wieder mal interessante Gespräche mit Menschen hier aus der Region, aber insgesamt wird dieses Thema tabuisiert. Die Menschen wollen über Atomwaffen und Büchel nicht reden. Natürlich spielt da auch die Sorge um Arbeitsplätze eine Rolle. In meiner Familie und meinem Freundeskreis erfahre ich viel Rückhalt, das hilft mir auch bei Anfeindungen. Aber ich kenne auch Menschen hier aus der Eifel, die signalisieren, dass sie dieses Engagement bewundernswert finden, auch wenn sie sich selbst nicht daran beteiligen. Ich würde mir wünschen, dass wir hier in der Region offener über diese Frage reden könnten. Wenn aber keine Argumente ausgetauscht werden können, dann fühle ich mich schon etwas hilflos.

    In den 20 Jahren sind die Aktivisten der Friedensbewegung auch älter geworden. Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Werden die Proteste noch lange weitergehen? Oder fehlen bald die Aktivisten, um alles fortzuführen?

    Es ist richtig, dass es oft nur wenig Jüngere sind, die hier protestieren. Bei Büchel 65 waren schon einige junge Menschen da, die sich da sehr engagiert haben. Etwas mehr Nachwuchs, auch hier aus der Region, würde ich mir natürlich da schon wünschen, klar. Aber ich denke, auch andere gesellschaftliche Gruppen oder die Parteien hätten ebenfalls gerne mehr Jugendliche in ihren Reihen. Viele junge Menschen ziehen leider auch hier aus der Region weg, wenn sie Abitur haben oder beruflich was suchen.

    Dennoch werden die Proteste weitergehen. Die Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ ist ausgelaufen, es wird eine Folgekampagne geben. Auch nach Büchel 65 stehen weitere Aktionen an. Möglicherweise werden sich die Protestformen ändern, aber aufhören wird der Protest ganz sicher nicht. Und gerade durch Büchel 65 sind viele Gruppen und Initiativen aus ganz Deutschland auf Büchel aufmerksam geworden und wollen wieder kommen. Jetzt steht auch wieder die Fastenaktion an, es werden zwei Fahrradsternfahrten aus Nordrhein-Westfalen und Bayern am 9. August in Büchel eintreffen, und für den Herbst gibt es auch schon Planungen. Das zeigt, dass es auch weiterhin noch genügend Menschen gibt, die hier in der Eifel demonstrieren werden. Auch wenn ich selbst aus Altersgründen nicht mehr so viel machen kann wie früher, wird es hier also schon weiter gehen. Und ich werde natürlich auch weiter dabei sein. Auch das steht fest.

    Was werden Sie an den Gedenktagen an die ersten Atombombenabwürfe in der kommenden Woche machen?

    Ich werde, wie auch schon in den früheren Jahren, sicher wieder am Haupttor des Fliegerhorstes in Büchel sein, um die dortige Fastenaktion von Pfarrer Matthias Engelke und seinen Freunden zu unterstützen und so ein Zeichen zu setzen, dass diese Atomwaffen abgezogen und geächtet gehören. Und auch an den Andachten und Gebeten teilnehmen zur Erinnerung an den ersten Atombombenabwurf vor 70 Jahren.

    Die Fragen stellte Dieter Junker

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