Archivierter Artikel vom 14.07.2022, 19:19 Uhr
Altenahr/Dernau

Jahrestag der Flut: Bundespräsident Steinmeier spricht mit Betroffenen im Ahrtal und in Nordrhein-Westfalen

Am ersten Jahrestag der Ahrflut erinnert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die 134 Todesopfer in dem Flusstal, zwei Menschen werden noch immer vermisst. Als „eine Erfahrung, die sich tief eingeprägt hat“, bezeichnet er bei einem Besuch das Schicksal des Vaters von Wilfried Laufer, der Chef eines Weinlokals in Altenahr ist.

Von Jens Albes/epd
Zum dritten Mal ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Ahrtal gereist. Zum Jahrestag der Flut besuchte er mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) unter anderem das bei der Flut schwer beschädigte Weingut Meyer-Näkel in Dernau und informierte sich über den Wiederaufbau.  Foto: Thomas Frey/dpa
Zum dritten Mal ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Ahrtal gereist. Zum Jahrestag der Flut besuchte er mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) unter anderem das bei der Flut schwer beschädigte Weingut Meyer-Näkel in Dernau und informierte sich über den Wiederaufbau.
Foto: Thomas Frey/dpa

Der 83-jährige Vater war in der Flutnacht ertrunken – und erst Tage später gefunden worden. Steinmeier nimmt sich am Donnerstag auf der Terrasse der gerade erst wiederaufgebauten Weinstube im Beisein der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sehr viel Zeit, um mit Betroffenen, Helfern und Kommunalpolitikern zu sprechen.

Rasch wird unter den Sonnenschirmen bei harmlosem hochsommerlichen Wetter klar: Der Wiederaufbau im Ahrtal mit rund 9000 verwüsteten Häusern und zahlreichen zerstörten Verkehrswegen wird sich noch lange hinziehen. Das Staatsoberhaupt im dunklen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte spricht neben immer noch unbewohnten und beschädigten Häusern mit Fensterhöhlen ohne Scheiben von den „nächsten Jahren“. Andre Bender vom Helferstab des einst so touristischen Rotweingebietes sagt: „Grob geschätzt haben wir hier noch einen Dauerlauf von fünf bis zehn Jahren.“

Landrätin warnt vor Polarisierung

Schleppende Zahlungen aus dem Wiederaufbaufonds mit komplexen Antragsformularen, Debatten mit Versicherungen, ausgebuchte Gutachter und Handwerker, fehlende Baumaterialien, Inflation und steigende Zinsen – für Verzögerungen gibt es viele Gründe. Die parteilose Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, sagt, viele Anwohner hätten angesichts anfänglicher Versprechungen von rascher und unbürokratischer Hilfe erst gedacht, der Aufbau gehe schneller. Nun zerrten die Verzögerungen an den Nerven.

„Das polarisiert“, warnt Weigand. Die Gesellschaft im Ahrtal dürfe nicht „auseinanderbrechen“. Auch der Ortsbürgermeister des ebenfalls teilzerstörten Winzerdorfs Dernau, Alfred Sebastian, hat den Eindruck, „dass die Stimmung langsam kippt“. Der Wiederaufbau sei auch eine Frage des Alters: Junge Anwohner schauten eher nach vorn und bauten wieder auf, ältere Bürger zögerten. Sebastian spricht auch die Verseuchung vieler Häuser mit Heizöl in der Flutnacht an: Erst in der vergangenen Woche habe in Dernau ein Ehepaar im Alter von Mitte 80 erfahren müssen, dass das Haus nach fehlgeschlagenen Rettungsversuchen nur noch abgerissen werden könne.

In Dernau besucht Bundespräsident Steinmeier eine Schreinerei und ein Weingut. Auch dessen Chefinnen, Meike und Dörte Näkel, haben nach eigenen Worten Traumatisches erlebt: Die Wassermassen haben sie weggespült – nur das stundenlange Ausharren auf einem Baum hat ihr Leben letztlich gerettet.

Das Weingut hat einen Millionenschaden erlitten. Mit Wäscheklammern an einem Bauzaun befestigte Fotos künden von der Katastrophennacht im Betrieb. Die bundesweite Unterstützung von Winzern und Helfern habe ihnen viel geholfen, erläutern Meike und Dörte Näkel. Viel Hilfsbereitschaft nach der Horrorflut – das hört Staatsoberhaupt Steinmeier auch von etlichen anderen Flutopfern.

Steinmeier betont mit Blick auf die Katastrophe: „Der Klimawandel hat uns erreicht.“ Das zeigten auch wieder diese Tage mit brennenden Wäldern und sinkendem Grundwasserspiegel. In vielen Regionen drohe nach den Jahren 2018 bis 2020 „ein vierter Dürresommer“, sagt der Präsident. Nach der von extremem Starkregen ausgelösten Sturzflut im Ahrtal ist es für den Bundespräsidenten der dritte Besuch im nördlichen Rheinland-Pfalz gewesen. Er hat am 1. September 2021 beim Trauerstaatsakt am Nürburgring in der Eifel eine Ansprache gehalten und am 10. Oktober Flutgebiete im Ahrtal besucht.

Gedenken in Euskirchen

Am Abend folgte auf Steinmeiers Besuch die Teilnahme von Kanzler Olaf Scholz (SPD) bei der zentralen Gedenkveranstaltung. Steinmeier war da bereits weitergereist nach Euskirchen in Nordrhein-Westfalen, um an einem Gedenkgottesdienst für dortige Flutopfer teilzunehmen. Dort äußerte Steinmeier Verständnis für die Ungeduld mancher Flutopfer mit Blick auf den Wiederaufbau. „Einiges ist nicht gut gelaufen“, sagte Steinmeier laut Redemanuskript. An die Menschen, die Verantwortung für den Wiederaufbau tragen, appellierte der Bundespräsident: „Lassen Sie nicht nach in Ihren Anstrengungen, damit den Menschen effektiv und unbürokratisch geholfen wird!“

Zugleich lobte Bundespräsident Steinmeier den Fortschritt, der dennoch in den betroffenen Gebieten – im Ahrtal wie auch in Nordrhein-Westfalen – gelungen sei: „Ich bin beeindruckt, dass Sie trotz der Zerstörung, trotz Ihrer Verzweiflung nicht aufgegeben haben.“ Die Menschen hätten angepackt, sich gegenseitig geholfen, die schlimmsten Verwüstungen beseitigt und mit dem Wiederaufbau begonnen. Es sei sichtbar, was die Menschen trotz des unermesslichen Schmerzes und der Verzweiflung angesichts der vielen Verluste geleistet hätten. „Und davor habe ich enormen Respekt“.