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  • Alegra S. - Internet-Ikone in Übergröße

    Mainz. Die Zeiten, in denen sich kurvige Frauen verstecken mussten, sind vorbei. Die Mainzerin Alegra S. zeigt in ihrem Blog ihr modisches Gespür. Und avancierte damit zu Deutschlands populärster Übergrößen-Ikone.

    Alegra setzt bei ihren Einkäufen auch gern auf Klassiker.
    Alegra setzt bei ihren Einkäufen auch gern auf Klassiker.
    Foto: Bernd Eßling

    Mainz - Die Zeiten, in denen sich kurvige Frauen verstecken mussten, sind vorbei. Die Mainzerin Alegra S. zeigt in ihrem Blog ihr modisches Gespür. Und avancierte damit zu Deutschlands populärster Übergrößen-Ikone.

    Ein Puppengesicht. Schneewittchen-Haare. Der Mund lächelt. Alegras Augen blicken freundlich durch die überdimensionierte Brille, als der Auslöser ihrer kleinen Digitalkamera klickt. Auf dem Foto, das Alegra wenig später ins Internet auf ihre Seite stellen wird, ist eine Frau zu sehen, vor der Rubens niedergekniet wäre. Alegra ist schön. Selbstbewusst. Trotz Kleidergröße 44/46. Im Gegenteil: Ihre üppigen Formen machten sie erst populär, denn Alegra ist die bekannteste Plus-Size-Modebloggerin Deutschlands. Sie trägt, was ihr gefällt. Nur eben ein paar Nummern größer.

    In ihrem Modeblog „Dollface is candysweet“ zeigt sich die Mainzerin in ihren neuesten Outfits. „Ich bin zufrieden mit mir und leide nicht unter meinem Gewicht, auch wenn das dicken Menschen gern unterstellt wird“, sagt sie. Vielleicht ist es ihr Selbstbewusstsein, das ihr den Erfolg bringt. Im Internet ist sie mit ihrem Blog inzwischen zu einer Modeikone avanciert, sie steht für eine unbezifferte Zahl neuer Heldinnen, junge Wilde, die mit ihren virtuellen Statements einer spindeldürren Branche den Spiegel vorhalten und sich anschicken, die Modewelt zu revolutionieren.

    Alegra hat den Nerv 
der Zeit getroffen

    Vor zweieinhalb Jahren startete die 25-jährige Lehramtsstudentin ihren Blog. Ein- bis zweimal pro Woche stellt sie neue Fotos von sich ins Netz. Manchmal, wenn ihr Freund Richard, ein Engländer, keine Lust hat, seine Freundin zu fotografieren, baut sich Alegra eine abenteuerliche Konstruktion aus einer Taschentuchpackung und einem Hocker und aktiviert den Selbstauslöser. In ihrem Blog sieht man sie dann in einem überlangen Strickpullover oder einem 60er-Jahre-Tellerrockkleid. Mit ihrem Thema, der Liebe zu Mode auch ohne Modelmaße, hat sie den Nerv der Zeit getroffen. Im Schnitt wird ihre Seite bis zu 2000-mal pro Tag angeklickt, nach Medienberichten sind es oft bis zu 16 000.

    In Amerika und England, den Ländern, die Deutschland modetechnisch immer einen großen Schritt voraus sind, ist die Zahl weiblicher Modebloggerinnen deutlicher höher. Sie alle bieten einer Industrie, die ausschließlich nur für dünne Menschen schneidert, Paroli. Denn für viele ist es ein echtes Problem, Kleidung in Übergrößen zu finden, die nicht an ein Zelt erinnert. Günstige Modeketten führen die begehrten Stücke meist nur bis Größe 42. In Spezialgeschäften kann's schnell teuer werden. „Warum?“, fragt Alegra. „Die verbrauchen zwar mehr Stoff, aber das kann doch nicht der Grund sein!“

    Die Modewelt hat die Dicken vergessen: „Ab Größe 38 spielt man da keine Rolle mehr.“ Diese Erfahrung hat die Studentin jedenfalls gemacht. Aber auch dicke Mädchen und Frauen lieben verspielte Kleidchen, Bleistiftröcke und feine Schluppenblusen. Die Styleblogs, wie man sie allgemein nennt, zeigen einer unsichtbaren Zielgruppe nicht nur ein sehr viel differenzierteres Bild der Wirklichkeit. Sie sind ganz nah dran an den Menschen, regen an, machen Mut und geben Tipps, wie man diesen oder jenen Trend umsetzen kann, sodass es gut angezogen aussieht. „Man kann nichts wegzaubern, wenn man eine 48 trägt. Aber viele trauen sich gar nicht erst in die Geschäfte rein. Das ist total schade, denn dadurch kann man sich auch ganz schön viel verbauen.“

    Mittlerweile ist um die Plus-Size-Bloggerinnen eine ganze Szene entstanden, die in einigen Fällen auch den Sprung aus der virtuellen in die reale Welt geschafft hat. Die 33-jährige Französin Stéphanie von „Le blog de big beauty“ zum Beispiel modelt inzwischen für ein Versandhaus. Untereinander ist man vernetzt, nennt sich beim Vornamen und gratuliert sich bei Facebook zum Geburtstag. Es gibt sogar schon so etwas wie einen Kongress: Im Februar traf sich die Gemeinschaft der Modebloggerinnen in London. Alegra wäre auch gern dabei gewesen, aber im Geldbeutel der Studentin war zu dem Zeitpunkt Ebbe. Dabei käme so ein Fotoshooting für Alegra ganz recht. Aber nein, eigentlich kann sie sich nicht vorstellen, irgendwann mal in der Modewelt zu arbeiten. „Das ist wirklich nur ein Hobby“, stellt sie lachend klar. Eines, das sie aus purer Langeweile begonnen hat. Aber klar, Alegra zeigt sich auch gern selbst. „Das ist auch ein bisschen eine narzisstische Geschichte.“

    In Alegras Wohnzimmer kämpfen zwei hohe Stapel mit internationalen Mode-Illustrierten um einen Platz auf dem Fernsehtisch. Sogar eine schwedische ist dabei. Das Buchregal, das eine gesamte Wand einnimmt, beherbergt nicht nur Bücher und eine DVD-Sammlung, sondern auch drei Barbiepuppen. Die Rennfahrerfigur, die Alegras Freund Richard als eine Art stiller Protest auf dem Regal platziert hat, geht in dem Mädcheneinerlei unter. Im Schlafzimmer, der Heimat von Alegras Kleiderschrank – der viel kleiner ist als man denkt –, setzt sich ihr Sinn für Ästhetik fort. Das alles beherrschende Möbelstück ist eine Kommode, die der Mainzerin als Ablage und Accessoire-Schrein dient. Ketten liegen da, fast alle in Gold und mit großem Anhänger dran. Mal ist das ein Bambi, mal ein Vogelkäfig.

    Alegra kauft gern ein. Öfter, als sie eigentlich sollte. Das sagt sie nicht aus Koketterie, sondern weil sie auf ihr nicht besonders üppiges Studi-Budget achten muss. Am liebsten bummelt sie dort, wo sich auch die dünnen Mädels mit den neuesten Trends eindecken. Ein System hat sie bei ihren Touren aber nicht. „Meistens bin ich gerade unterwegs und entdecke zufällig etwas, das ich dann unbedingt haben will.“ Am liebsten trägt sie Kleider und Röcke. Damit sieht man immer gut angezogen aus. Ihr momentaner Lieblingslook: die 50er-Jahre mit ihren weit schwingenden Röcken und fließenden Stoffen. Einen Bikini würde sie nie anziehen („Das sieht doof aus“), und auch nichts, was „irgendwie vulgär aussieht“. Der zurzeit angesagte Cowboy-Stil: nichts für Alegra. Bodys und Tüllröcke dafür umso mehr. Denn: In ihrem nächsten Leben wäre sie gern eine Ballerina. Wie ein Mantra schwebt dieser Satz auf ihrem Blog. Die dazugehörige Figur? Darauf kann Alegra verzichten. Sie mag sich so, wie sie ist.

    Auch die meisten ihrer Leser finden das, was Alegra in ihrem Blog macht, ziemlich gut. Viele hinterlassen nach einem Besuch auf ihrer Seite eine kurze Botschaft und bedanken sich, dass es so jemand Mutigen wie sie gibt. Manchmal verirrt sich aber auch jemand auf ihren Blog, der sich mit Alegras Fotos so gar nicht anfreunden kann. Alegra weiß, dass sie als dickes Mädchen eine besondere Zielscheibe für fiese Sprüche bietet: „Im Internet gibt es ziemlich viel unqualifizierte Kritik. Aber ich habe es aufgegeben, die Leute erziehen zu wollen. Dünn-Sein ist eben das gängige Schönheitsideal. Wer Dicke nicht gut findet, muss ja nicht bei mir vorbeischauen“, sagt sie. Es klingt alles andere als resigniert, mehr wie ein verbales Schulterzucken.

    Manche Passanten 
durchlöchern mit Blicken

    Im richtigen Leben hat Alegra kaum Probleme mit ihrer Figur. Klar, manche Leute gucken. Ihr Freund hat dafür einen Begriff: „The german stare“ nennen die Engländer die kulturelle Praxis der Deutschen, andere Menschen auf der Straße so lange anzustarren, bis die mit Blicken fast durchlöchert sind. Wenn es Alegra zu bunt wird, dann schaut sie nicht beschämt und verschüchtert zu Boden, sondern geht in die Offensive: „Ich frage dann, ob ich vielleicht helfen kann. Ich bin da eigentlich ziemlich friedfertig. Allerdings hasse ich es, wenn die Leute über mich tuscheln und denken, ich bekomme das nicht mit. Ich bin doch nicht doof.“

    Mit den gängigen Umschreibungen ihrer Kurven allerdings kann Alegra nichts anfangen, mit verniedlichenden Formulierungen wie „mollig“ oder „pfundig“. Sie selbst nennt die Dinge beim Namen und sich „fett“.

    Es könnte die Summe all dessen sein, die ein Umdenken in der Gesellschaft, die Dick-Sein immer auch mit Kontrollverlust, Maßlosigkeit und Genusssucht gleichsetzt, bewirkt. Es könnte die vereinte Kraft eines Internetphänomens sein, die die Modebranche zum Umdenken bringt. In Ansätzen ist die Botschaft von Alegra und ihren Mitstreiterinnen schon angekommen, wie die Zeitschrift „Brigitte“ zeigt, die in ihren Fotostrecken nur noch „normale“ Frauen zeigt. Die jungen Wilden sind aufgestanden, eine Welt zu erobern, deren Türen ihnen bisher verschlossen geblieben sind. Wenn das nicht klappt, das wünscht sich Alegra, soll doch wenigstens eine Sache in den Köpfen hängen bleiben: dass es Menschen in allen Größen und Breiten gibt. „Dann ist es so, wie es sein sollte.“ Giovanna Marasco

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    Mehr Überwachungsmöglichkeiten für Behörden in Rheinland-Pfalz

    Die Videoüberwachung soll in Rheinland-Pfalz ausgeweitet werden. Bodycams (Körperkameras) für Polizisten werden eingeführt – ebenso die automatisierte Kennzeichenerfassung.

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