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    RZ-SERIE Familienpolitik (4): So machen es Amerikaner und Russen

    Wir diskutieren über Geburtenrate und Betreuungsgeld. Ist das typisch deutsch? Unsere Auslandskorrespondenten schildern, welche Schwerpunkte andere Regierungen in ihrer Familienpolitik setzen – und ob die Hilfe fruchtet. Im vierten Teil unserer Serie blicken wir nach Amerika und Russland.

    Wir diskutieren über Geburtenrate und Betreuungsgeld. Ist das typisch deutsch? Unsere Auslandskorrespondenten schildern, welche Schwerpunkte andere Regierungen in ihrer Familienpolitik setzen – und ob die Hilfe fruchtet. Im vierten Teil unserer Serie blicken wir nach Amerika und Russland.

    Amerika: Familienförderung auf Sparflamme

    Anita R. hat ernüchternde Erfahrungen gemacht. Kaum ließ die Veterinärtechnikerin ihren Vorgesetzten wissen, dass sie ihr drittes Kind erwartet, wurde ihr auch schon das Gehalt gekürzt, präventiv, wenn man so will. Beim ersten Baby hatte sie drei, beim zweiten vier Wochen Auszeit genommen, nach dem Geschmack ihres Chefs schon zu lange. Ihr Ehemann, beschäftigt bei einer Baumschule, bekam keinen einzigen Tag frei, nachdem das dritte Kind geboren worden war. Anita musste unbezahlten Urlaub nehmen, vier Wochen, die das Familienbudget sofort spürbar belasteten. „Wir konnten unsere Rechnungen nicht mehr pünktlich bezahlen, unsere Kreditkartenschulden nicht mehr pünktlich abstottern, selbst beim Essen mussten wir sparen“, beschrieb die dreifache Mutter die Folgen.

    Es ist ein typischer Fall, dokumentiert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem Bericht über die Schwächen der Familienpolitik der Vereinigten Staaten. Die USA sind das einzige westliche Industrieland, das keinen bezahlten Mutterschutz garantiert. Der Family and Medical Leave Act von 1993 verpflichtet größere Arbeitgeber lediglich dazu, vor und nach der Geburt eine Auszeit von zwölf Wochen zu gewähren. Viele Beschäftigte trauen sich nicht, die Babypause in voller Länge in Anspruch zu nehmen, aus Angst, bei der nächsten Entlassungsrunde auf der Liste ganz oben zu stehen. Also arbeiten die meisten werdenden Mütter bis unmittelbar vor der Geburt und streben danach so schnell wie möglich zurück in den Job. Wo immer es geht, kümmern sich Omas und Opas, oft von weither angereist, um die Enkel. Kindertagesstätten nehmen Babys ab einem Alter von sechs Wochen auf, was freilich nicht billig ist. Private Krippen kosten mitunter 1500 Dollar im Monat, bei öffentlichen oder kirchlichen muss man zwar weniger berappen, dafür sind die Wartelisten oft lang. Bleibt als Alternative die Nanny, die man sich meist mit anderen Familien teilt.

    Ob Erziehungsgeld gezahlt wird, liegt im Ermessen des jeweiligen Unternehmens. In der Praxis, belegen Zahlen des US Bureau of Statistics, sind gerade mal 11 Prozent aller Arbeitgeber dazu bereit. Nur zwei Bundesstaaten, Kalifornien und New Jersey, garantieren bezahlten Erziehungsurlaub.

    Kindergeld gibt es nicht, höchstens in indirekter Form einer Steuerrückerstattung, 1000 Dollar pro Kind und Jahr. Die Steuerpolitik ist hier das wichtigste Instrument der Familienförderung. Beispielsweise können die Studiengebühren der Kinder zum Teil von der Steuer abgesetzt werden, solange Kinder finanziell nicht auf eigenen Füßen stehen. Vom Einkommen bleiben mehrere Tausend Dollar pro Jahr steuerfrei, wenn sie auf ein Sparkonto für die Studiengebühren des Nachwuchses eingezahlt werden. Es ist jedoch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die besten Universitäten verlangen allein an „tuition fees“ mehr als 40 000 Dollar pro Jahr, wenngleich sie begabten Kindern aus sozial schwachen Familien großzügige Stipendien gewähren.

    Statistik: Bevölkerung wächst vor allem durch Einwanderer

    Und doch. Die Geburtenrate liegt mit – statistisch gesehen – 2,06 Kindern je Frau deutlich höher als in Deutschland (1,36). Sorgen um einen Bevölkerungsrückgang kennt man in Amerika nicht. 2006 wurde die magische Marke von 300 Millionen US-Bürgern erreicht, für 2039 rechnen Wissenschaftler mit 400 Millionen. Warum? Traditionelle Werte, Religiosität und der landestypische Optimismus mögen das Phänomen zum Teil erklären. Vor allem liegt das wohl daran, dass die USA trotz mancher Schranken nach wie vor ein Einwanderungsland sind. In Familien mit lateinamerikanischen Wurzeln, seit den 80er-Jahren die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe, werden heute proportional die meisten Kinder geboren.

    Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann

     

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