(27.08.11) Reportage von Hartmut Wagner: Lobo, der Wolf vom Zentralplatz
Mein Schlafplatz ist direkt unter der Zentralplatz-Kreuzung. In einer Ecke der Unterführung liegt ein Schuh, in einer anderen Erbrochenes. Rechts von meiner Isomatte Scherben und Zigarettenkippen, links zwei riesige Fettflecken. Und: Es stinkt wie in einem verpissten Bahnhofsklo, nach kaltem, menschlichem Urin. Hier soll ich schlafen? In diesem elenden Loch?
Kampieren im Zentrum von Koblenz! Wo tagsüber der Verkehr brummt, wo Tausende Menschen vorbeilaufen. Ich muss völlig durchgeknallt gewesen sein, als ich mich darauf eingelassen habe. Soll ich mein Experiment abbrechen? Jetzt, noch vor der ersten Nacht?
___VIER WOCHEN VORHER
Der Mann fällt mir sofort auf. Sein alter Seesack. Sein mächtiger Vollbart. Sein sonderbarer Hut. Vor allem sein Hut. Ein Anglerhut mit bunten Babyschnullern. Blaue, grüne, rosarote, zwei Dutzend Stück, aufgereiht an Schnürsenkeln. Der Mann sitzt am Zentralplatz. Dort, wo die Menschen in dicken Trauben vorbeiströmen. Banker, Handwerker, Schüler. Alle haben Termine, jeder hat es eilig. Nur er nicht.
„Eine Wohnung ist wie eine Zelle. Ich halt‘s da nicht aus. Ich will frei sein!“ Lobo schwärmt vom Leben auf der Straße.
Ich sehe ihn jeden Tag. An einem Mittwoch Anfang Sommer spreche ich ihn an. Er sitzt wie immer auf seiner Bank an der Bushaltestelle und aalt sich in der Nachmittagssonne. Ich will wissen, warum er hier sitzt. Jeden Tag, morgens und abends, bei Sonne und Regen. Er lacht nur. Als hätte er meine Frage schon Tausende Male gehört - und nie verstanden. Er fährt sich schmunzelnd durch den Bart. Dann sagt er: "Ich bin Lobo, der einsame Wolf."
Lobo nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche, steckt sich eine Zigarette an und erzählt. Ich hatte eine traurige Lebensgeschichte erwartet, voller Tiefschläge und Niederlagen. Stattdessen erklärt er: "Ich bin Berber und stolz darauf!" Der gebürtige Hamburger (54) lebt seit drei Jahrzehnten auf der Straße - freiwillig. Darum nennt er sich Berber, nicht Obdachloser oder gar Penner. Er schwärmt vom Berberleben, einem Leben ohne frühes Aufstehen, ohne Termine, ohne Verantwortung.
Ein Aussteiger. Nicht im Kloster, nicht in der Südsee, sondern hier, mitten in der Großstadt. Lobo könnte vom Staat eine Wohnung bekommen, er müsste sie nicht einmal bezahlen. Aber er will keine. Er kampiert lieber in der Zentralplatz-Unterführung im Schlafsack. Er nennt das "Platte machen" in der "Penntüte". "Eine Wohnung ist wie eine Zelle", sagt er. "Ich halt‘s da nicht aus. Ich will frei sein!"
Ich bin ratlos. Eine Wohnung als Gefängnis? Als Hort der Unfreiheit? Lobo frotzelt, ein Normalo wie ich könne ihn da nicht verstehen. Ich will aber verstehen. Ich will verstehen, warum er sein Leben freiwillig auf der Straße verbringt. Warum er auf jeden Komfort verzichtet und das auch noch als Freiheit preist. Ich mache Lobo einen Vorschlag: Ich begleite ihn eine Woche, von Montag bis Freitag, rund um die Uhr. Vielleicht verstehe ich dann. Lobo zögert. Dann ist er einverstanden.





















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