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  • Zeltstadt für Flüchtlinge in Ingelheim: Bloß ein Bett als Privatsphäre

    Rheinland-Pfalz. Postenkartenwetter an einem Oktobertag in Ingelheim. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne brennt, aber ohne Kraft. Die Zeltstadt für Flüchtlinge dort hat die ersten kalten Nächte bereits hinter sich. Wie geht es den Menschen dort? Unser Redakteur Dietmar Brück war vor Ort.

    Ingelheim Erstaufnahme - Einrichtung Smart-Phones beim Laden ©Bernd Eßling 20.10.2015
    Ingelheim Erstaufnahme - Einrichtung Smart-Phones beim Laden ©Bernd Eßling 20.10.2015
    Foto: Bernd Eßling

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

    Vor dem Sicherheitscontainer vor der Unterkunft, die an diesem Tag 378 Asylbewerber beherbergt, sammelt ein junger Albaner Müll auf. Er stopft emsig Papierabfälle in eine Tüte. Jeder Flüchtling ist angehalten, Sozialdienste zu leisten. In der Wäscherei, beim Putzdienst - oder eben bei der Abfallbeseitigung.

    Die Zeltstadt in Ingelheim wird vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben. Die Hilfsorganisation hat einen Vertrag mit dem Land. Genau genommen: viele Verträge. Ohne das DRK wäre das Land aufgeschmissen. Der DRK-Landesverband Rheinland-Pfalz organisiert mehr als die Hälfte der Unterkünfte zur Erstaufnahmen.

    Leiter im Schnellverfahren

    In Ingelheim ist Andreas Humrich verantwortlich. Er studiert eigentlich Chemie. Aber jetzt wird der 32-jährige Rot-Kreuzler ein Urlaubssemester einlegen. Als Ehrenamtler war er schon lange für das DRK aktiv - als Gruppenleiter im Betreuungsdienst, also bei jenen Kräften, die bei kleinen und großen Katastrophen zum Einsatz kommen. Am 21. Juli nahm Humrichs Leben eine Wende: "Ich kam als Ehrenamtlicher auf den Platz und als Hauptamtlicher zurück", sagt er.

    Inzwischen hat er die Organisation und Technik in der Zeltstadt unter sich. Ein weitere Führungskraft kümmert sich um Personal und alle Fragen des menschlichen Zusammenlebens. "Mir macht die Aufgabe Spaß", sagt der angehende Chemiker. Viele Worte sind seine Sache nicht. Er packt lieber an. 20 Mitarbeiter umfasst das DRK-Team in dem Camp, manche arbeiten Vollzeit, andere Teilzeit.

    Dazu kommen die ehrenamtlichen Helfer. Am Sicherheitscontainer weist sich gerade eine Mittfünfzigerin aus. Gefütterte, ärmellose Jacke. Wasserflasche in der Hand. Ihr erster Einsatz führt sie in die Kleiderkammer. Warum sie sich engagiert? "Das sind arme Menschen und wir sind so ein reiches Land", sagt sie. Sie will Flagge für die Flüchtlinge zeigen. "Pegida macht sonst was weiß was", sagt sie und schüttelt den Kopf. "Dafür habe ich kein Verständnis."

    Ingelheim Erstaufnahme - Einrichtung Andreas Humrich (DRK) und Wolfgang Winter (ehrenamtlicher Helfer) ©Bernd Eßling 20.10.2015
    Ingelheim Erstaufnahme - Einrichtung Andreas Humrich (DRK) und Wolfgang Winter (ehrenamtlicher Helfer) ©Bernd Eßling 20.10.2015
    Foto: Bernd Eßling

    Ein anderer Ehrenamtlicher ist Wolfgang Winter, ein Muster-Ehrenamtlicher sogar. Der pensionierte Lehrer bringt gerade eine Gruppe von Flüchtlingen im Aufenthaltszelt Deutsch bei. Er zählt laut vor, malt einen menschlichen Körper auf, erklärt Mund, Ohren und Lippen. Und er ist auch um keine Show-Einlage verlegen, wenn er kurz mal einen Affen mimt, um den Stoff leichter zu vermitteln. Winters Lehrstunden sind beliebt. Knapp 30 männliche Asylbewerber lauschen seinen Ausführungen. Zwei Frauen beobachten die Szene aus der Distanz. Sie haben ihre Plätze geräumt, als ein Journalist und Fotograf das Zelt betraten.

    Laken dient als Sichtschutz

    In den Zelten geht es ruhig zu. Für die Abendstunden wird ein Bus erwartet, bis dahin gibt es freie Plätze. Männer und Frauen werden meist räumlich getrennt. Im Familienzelt schlafen die Flüchtlinge oft im unteren der beiden Etagenbetten. Die Laken nutzen sie, um die Seiten zu verhängen. So haben sie ein Minimum an Privatsphäre.

    Munterer geht es an der Handy-Ladestation zu. Die meisten Flüchtlinge haben ein Mobiltelefon, um mit ihren Angehörigen zu kommunizieren. Auch in der Kleiderkammer ist viel Betrieb. Vor allem kleine Männergrößen sind rar. Die Männer aus dem arabischen Raum sind oft kleiner und schlanker als die Deutschen. Das Rote Kreuz hat viel Erfahrung mit Flüchtlingen. 17 von 23 Unterkünften zur Erstaufnahme in Rheinland-Pfalz werden vom DRK gemanagt. Mitarbeiter des Roten Kreuz' schultern das komplette operative Geschäft - von der Verpflegung bis zu Betreuung. Rund 100 Ehrenamtliche helfen mit. Beim DRK-Landesverband laufen in einer Steuerungsgruppe alle Fäden zusammen.

    Die Zeltstadt in Ingelheim gehört zu den wenigen Unterkünften, die noch nicht winterfest ist. Frieren muss trotzdem keiner, heißt es. Und in der Tat blasen mächtige Heizrohre warme Luft in die Zelte. Jede Heizanlage ist mit einem 1000-Liter-Tank-Heizöl verbunden, der dreimal die Woche befüllt wird. Die fehlende Winterfestigkeit bezieht sich allein auf die Wasserleitungen im Sanitärbereich. Sie könnten bei Frost einfrieren.

    Glaubt man dem DRK, ist Ingelheim eine mustergültige Unterkunft. Die Registrierung der Flüchtlinge klappt besser als anderswo, da die Rotweinstadt über die Landeseinrichtung für Asylbegehrende und Ausreisepflichtige (LEfAA) verfügt. Und auch Spannungen unter den Flüchtlingen kommen eher selten vor. Kleine Rangeleien, weil sich eine Familie von Kindern einer anderen gestört fühlt. "Alles normale zwischenmenschliche Konflikte ", heißt es. In einer benachbarten Aufnahmeeinrichtung gab es jüngst allerdings eine Massenschlägerei, die glimpflich verlief.

    Der junge albanische Flüchtling im Eingangsbereich hat eine Tüte voll Mülle eingesammelt. Ob er weiß, dass er kaum Bleibeperspektiven hat? Auf die Frage, warum er geflohen ist, antwortet er "Asyl". Dann scheint er zu überlegen, ob er den nächsten Satz aussprechen soll: "No jobs in Albania" "Keinen Jobs in Albanien". Auch ein Grund zur Verzweiflung.

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