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    HunsrückRucksack erzählt vom Schicksal eines Soldaten

    Eigentlich hing er schon immer da. Auf dem Speicher eines alten Bauernhauses im Hunsrück. Niemand fragte sich, woher er kam. Er war einfach da. Umgeben von alten Koffern, Kisten und Körben wartete der geheimnisvolle Rucksack seit dem Zweiten Weltkrieg darauf, die traurige Geschichte seines Besitzers zu erzählen. Jetzt, nach so vielen Jahren, hat er zum ersten Mal sein Schweigen gebrochen – und erzählt vom Schicksal eines jungen Soldaten, wie Heinrich Augustin aus Kirchberg herausgefunden hat.

    Bei einer Entrümpelungskation im März 1998 fiel ihm der grünlich-braune Rucksack in die Hände. Der 66-Jährige nahm ihn mit nach Kirchberg – und wieder landete er auf einem Speicher. Erst jetzt, 15 Jahre später, hat er sich das Fundstück genauer angesehen. „Der Rucksack muss einem Soldaten gehört haben. Auf der Außenseite steht nämlich LT. Duane M. McKay", vermutete Augustin. In diesem Moment wurde seine Neugierde geweckt. Wer war dieser Mann? Wie kam sein Rucksack in mein Elternhaus nach Womrath? Auf diese Fragen hat der pensionierte Lehrer Antworten gesucht – und gefunden.


    Kontaktaufnahme mit
 Verwandten in den USA

    Er recherchierte zunächst im Internet. „Ich hatte nur zwei Hinweise. Einen Namen sowie eine Identifikationsnummer auf der Rucksackklappe." Irgendwann stieß er auf eine Verlustliste. Volltreffer! Der Rucksack gehörte einem Offizier der US-Streikkräfte im Zweiten Weltkrieg. „Ich kontaktierte meine Verwandten in Amerika. Die wiederum machten die Verwandten des Soldaten ausfindig", erzählt Augustin im Gespräch mit unserer Zeitung. „Einige Telefonate und E-Mails später erhielt ich das Foto eines jungen Mannes aus einem alten Jahrbuch der Independence Highschool von Kansas." – und so bekam der alte Rucksack ein Gesicht. Das Gesicht von Duane M. McKay.

    Am 10. November 1944 verließ die 106. Infanteriedivision den Hafen von Boston gen Europa. Mit an Bord war Duane M. McKay. Wie im Report des 424. Regiments vom 31. Dezember 1944 geschrieben steht, führte der junge Leutnant am 15. Dezember 1944 die 3. Kompanie an. Schon am nächsten Tag fand McKay sich Mitten in der Ardennenoffensive wieder – mit 20.000 Toten war sie für die Amerikaner die verlustreichste Landschlacht des Zweiten Weltkriegs. Wie Heimatforscher Heinrich Augustin herausgefunden hat, gerieten McKay und seine Kameraden unter Beschuss. Die Amerikaner hatten den deutschen Panzern nur wenig entgegenzusetzen – und mussten sich bald darauf ergeben. Da SS-Standartenführer Joachim Peiper hinter seinem Zeitplan zurücklag, soll er sich nicht selbst um die 100 amerikanischen Gefangenen gekümmert haben, sondern überließ diese nachfolgenden SS-Einheiten – eine folgenschwere Entscheidung.

    Auf einer Wiese erschossen

    Am Mittag des 17. Dezembers wurden die Gefangenen auf einer Wiese an der Wegkreuzung bei Baugnez aufgestellt und mit Maschinenpistolen erschossen. „Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, was der auslösende Moment für die Erschießungen war", berichtet Augustin. Anschließend wurden noch 40 Soldaten per Kopfschuss getötet, „was bei dem späteren Prozess gegen die SS-Einheit als Beweis herangezogen wurde, da keine Kampfhandlung vorgelegen hatte." Diese kaltblütige Erschießung ging als Malmedy-Massaker in die Geschichte ein. 82 Soldaten wurden getötet, 54 gelang die Flucht. „Ausgangspunkt dieser Erschießung war sicherlich der Befehl Hitlers vom 12. Dezember 1944, nur dann Gefangene zu machen, wenn es die taktische Lage erlaube", vermutet Augustin. Nach dem Massaker soll es auch auf amerikanischer Seite zu einer Radikalisierung im Umgang mit Gefangenen gekommen sein. Wie dem auch sei.

    Leutnant Duane M. McKay schlug sich gemeinsam mit anderen Überlebenden zu den eigenen Linien durch. Doch bereits am nächsten Tag erlag er seinen Verletzungen. Er wurde nur 22 Jahre alt. Zusammen mit 7988 anderen gefallenen Amerikanern wurde der junge Leutnant auf dem Soldatenfriedhof Henri-Chapelle bei Eupen in Belgien bestattet.

    Amerikanische Truppen erreichen den Hunsrück

    Ein unbekannter Soldat, vielleicht auch ein guter Freund, nahm McKays Rucksack an sich, um ihn nach dem Krieg den Eltern zu übergeben. Doch dazu sollte es nicht kommen. Die alliierten Truppen setzten ihren Vormarsch fort und erreichten Mitte März 1945 den Hunsrück. Das 353. und 354. Infanterieregiment der 89. US-Infanteriedivision stießen von Zell aus quer über den Hunsrück nach Kirn vor. Ein kleiner Stoßtrupp kam dabei auch in das abgelegen Dorf Womrath. Wie auch in anderen Orten hatten Womrather Bürger vor dem Eintreffen der amerikanischen Panzer die bestehenden Panzersperren abgebaut, um einen Beschuss zu vermeiden. So konnten die Amerikaner ungehindert das Dorf übernehmen und die üblichen Durchsuchungen vornehmen.Die größten Turbulenzen waren damit vorbei und es kehrte wieder ein Stück mehr Alltag ein.

    Wie in der Womrather Chronik geschrieben steht, verließen am 20. März 1945 die Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter Womrath und wurden zusammen mit 2000 anderen in einem Barackenlager am Kirchberger Feldflughafen untergebracht. Immer wieder kam es in der Folgezeit dazu, dass kleinere Gruppen von ehemaligen Kriegsgefangenen die Gegend unsicher machten, um sich Lebensmittel zu beschaffen. Diese Ereignisse gipfelten in einem blutigen Drama auf der Womrather Gemarkung bei der Schäfereiche, wie Heinrich Augustin zu erzählen weiß.

    Ukrainer und Hunsrücker geraten in Streit

    Bereits am 10. April 1945 wurde der Womrather Ortsteil Wallenbrück von neun ukrainischen Kriegsgefangenen überfallen. Es kam zu einer Schießerei. Dabei wurde Jakob Quär durch einen Lungensteckschuss schwer verwundet. Bereits nach einer Woche kam es erneut zu einem Überfall. Dieses Mal kamen acht Ukrainer vom Neuhof herunter zur Wallenbrück und überquerten den Mühlendeich. Ihr Ziel war aber nicht die Wallenbrück, sondern die Schafherde der Womrather. Gemeindehirte Philipp Paul versuchte den Raub von Schafen zu verhindern.

    Auf der Weide kam es nicht nur zu einem Handgemenge. Es fielen auch Schüsse. Daraufhin suchten die Angreifer das Weite. Einige flohen in Richtung Womrath, Philipp Paul setze ihnen nach und erschoss sie. Als das Drama an der Schäfereiche in den Kirchberger Baracken bekannt wurde, rottete sich eine Menge ukrainischer Landsleute zusammen, um Vergeltung zu üben. Sie hatten die Absicht, Womrath niederzubrennen. Im Dorf war die Gefahr jedoch erkannt worden und man wandte sich an den zuständigen amerikanischen Kommandanten.

    Hunsrücker reitet Seite an Seite mit George Washington

    Dazu eine kurze Vorgeschichte: In den Jahren 1764 und 1769 hatten die Brüder Johann Nicolaus und Johann Christoph Scherer ihre Familien in Womrath verlassen und waren nach Reading in Pennsylvania ausgewandert. Dort kämpfte Johann Christoph an der Seite von George Washington, dem Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Gemeinsam überquerten sie am 29. September 1776 den Delaware River – eine kriegsentscheidende Operation.

    Nach Ende des Unabhängigkeitskriegs wurde John Christopher Shearer, wie er sich jetzt nannte, hochdekoriert geehrt und zum Friedensrichter ernannt, was er bis zu seinem Tod blieb. Neben seinem Richteramt war er ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann und trug wesentlich zum Erfolg der Stadt Reading bei. Im Jahr 1821 schrieb er einen ergreifenden Brief, der bis heute erhalten ist, an die Verwandten und Freunde in Womrath.

    Im April 1945, als die Bedrohung durch die marodierenden Ukrainer in Womrath immer größer wurde, erinnerte sich Familie Scherer an den alten Brief ihres berühmten Vorfahren und zeigten diesen dem amerikanischen Kommandanten. Dieser veranlasste sofort eine intensive Bewachung des Dorfes durch regelmäßige Streifen und verstärkter Einquartierung. So wurde verhindert, dass das Dorf angezündet wurde. Glück gehabt!

    Rucksack landet in US-Militärmuseum

    Auch jener amerikanische Soldat, der nach dem Massaker von Malmedy den Rucksack von Duane M. McKay an sich genommen hatte, kam schließlich nach Womrath. Doch eines Tages musste er weiterziehen – und ließ den Rucksack im Elternhaus von Heinrich Augustin zurück. „Weil der Rucksack damals im Weg stand, hat meine Mutter ihn auf dem Speicher aufgehängt. Wie so oft landete damit etwas auf dem Speicher, weil man es ja vielleicht später einmal gebrauchen könnte. Aber er wurde nie gebraucht, sondern hing einfach nur da und häufte Jahr für Jahr mehr Staub auf sich", berichtet Heinrich Augustin weiter.

    Jetzt, nach so vielen Jahren, habe der Rucksack sein Schweigen gebrochen und erzähle vom bewegenden Schicksal eines jungen Soldaten, das er mit vielen Menschen auf der ganzen Welt teilt. Augustin richtet persönliche Worte an den getöteten Leutnant: „Duane M. McKay, Dein Rucksack, der Dich nur wenige Wochen begleitete, wird bald zu Dir nach Independence in das Militärmuseum kommen und hoffentlich die Menschen hüben und drüben ermahnen, den Irrsinn des Krieges zu erkennen." Von unserem Redakteur Maximilian Eckhardt

    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 2"AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 3"AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 1 "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 4Unterm Strich: Der Weg zur Bundeswehr
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