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    Bad Honnef/BonnPflegekind starb in Badewanne: Nachbarn schildern das Martyrium Annas

    Tränenerstickt ist die Stimme von Annas Nachbarin. „Es kommen die Bilder wieder hoch“, sagt die 51 Jahre alte Mutter zweier erwachsener Kinder entschuldigend zu Richter Hinrich de Vries. Die Schmerzensschreie des Kindes, das mit neun Jahren in der Badewanne starb, kann sie nicht vergessen.

    Von unserem Redakteur Mario Quadt

    Die Frau auf der Zeugenbank lebt noch immer in dem Mehrfamilienhaus, in dem das Pflegekind umkam. „Das Haus ist sehr hellhörig“, schildert sie. Welche Bobachtungen die Nachbarn der Pflegefamilie W. gemacht haben und was Annas Schulleiter an der Schülerin so alles merkwürdig vorkam, war gestern Thema im Prozess gegen eine frühere Mitarbeiterin des Jugendamts Königswinter, die laut Staatsanwaltschaft am Tod des Pflegekinds mitschuldig sei.

    Als eines Nachts wieder die Schreie Annas von der Erdgeschosswohnung bis in die zweiten Stock zu hören sind, greift die Tochter der Zeugin zum Telefon und ruft die Polizei an. Was sie nicht ahnt: Die Geräuschkulissen sind Dokumente der Erziehungsmethoden bei Familie W. Wenn das Pflegekind nicht gehorcht und etwa das Essen wieder erbricht, muss sie in die Badewanne. „Tunken“ nannte das Ehepaar diese Art der Disziplinierung, wie Pflegevater Ralf W. während des Verhandlungstages vor zwei Wochen kleinlaut zugab. Die rund 130 Kilo schwere Petra W. drückte die etwa 40 Kilo leichte Anna dann in der Badewanne unter Wasser – am 22. Juli 2010 endet das Tunken tödlich. „Sogar das Platschen im Wasser habe ich gehört“, berichtet die Zeugin.

    Eine andere Nachbarin erzählt, wie Anna am Tag vor ihrem Tod aus der Wohnung getürmt ist – nur mit Unterhose bekleidet. „Ich habe gesehen, wie sie auf dem Rasen lag“, meint die Frau. Schaum vor dem Mund habe die Neunjährige gehabt, die über den Balkon der Wohnung auf die Wiese davor gesprungen sein muss, um ihrem Martyrium zu entfliehen. „Sie hatte rote und blaue Flecken überall“, erinnert sich die Zeugin. Gleich am nächsten Tag – dem Tag, an dem Anna abends starb – habe sie versucht, das Jugendamt zu informieren. Doch sie sei zuerst falsch verbunden worden unter der Durchwahlnummer, die sie daraufhin erhielt, habe sich niemand gemeldet. Ihre Meinung über die Pflegefamilie fiel eindeutig aus: „Ich hätte denen die Kinder weggenommen“, sagt sie. Da die Hilfeschreie schon häufiger zu hören waren, habe sie sogar den Leiter der Grundschule, die Anna besuchte, kontaktiert. „Die Polizei hat nichts gemacht“, sagte sie. Darum habe sie auf den Einfluss des Schulleiters gehofft. „Der hat direkt reagiert.“

    Der angesprochene Pädagoge hatte gestern als erster Zeuge ausgesagt. Der 48-Jährige beschreibt Anna als „fröhliche und aufgeschlossene Schülerin“. Im Oktober 2009 – also ein Dreivierteljahr vor dem gewaltsamen Tod der Drittklässlerin – sei eine Nachbarn von Familie W. an ihn herangetreten und berichtete von „häuslichem Unfrieden“ in der Pflegefamilie und häufigen nächtlichen Schreiereien. Als es dann Monate später wegen der erneuten lautstarken Streitigkeiten zu einem Polizeieinsatz kommt, alarmiert der couragierte Schulleiter auch das Jugendamt. Während eines Gesprächs mit der angeklagten Jugendamtsmitarbeiterin und der zwischenzeitlich wegen Mord zu lebenslanger Haft verurteilten Pflegemutter bekommt der Grundschulleiter zu hören, dass das Mädchen zu Autoaggression neige, Probleme mit dem Essen habe und an einer Wasserphobie leide – darum die brüske Ablehnung des Duschens.

    Zufrieden gibt er sich damit nicht. Als Schwimmlehrer erlebt er Anna von einer völlig anderen Seite: „Sie hatte Spaß im Wasser. Das mit der Wasserphobie konnte ich nicht verstehen.“ Diese Zweifel bespricht er mit Annas Therapeutin, der die Erklärung von der Angst vor Wasser ebenfalls unplausibel vorkommt.

    Annas Klassenlehrerin berichtet, sie habe Pflegemutter Petra W. als engagierte und interessierte Mutter wahrgenommen, räumt allerdings auch ein: „Wir haben vieles ungeprüft hingenommen.“

     

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