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  • Olau für Anfänger: Als Hanseatin beim Karneval

    Karneval und zurückhaltende Norddeutsche: Wie passt das zusammen? Unsere aus Hamburg stammende Reporterin Anna Aridzanjan hat das „Experiment Karneval“ gewagt und sich auf die Mädchensitzung in Koblenz getraut.

    Premiere für die Hamburgerin Anna Aridzanjan (links im Bild): Die Mädchensitzung in Koblenz ist ihr erster Flirt mit dem rheinis
    Premiere für die Hamburgerin Anna Aridzanjan (links im Bild): Die Mädchensitzung in Koblenz ist ihr erster Flirt mit dem rheinischen Karneval. Die Hanseatin ist sichtlich skeptisch. Da helfen nur Sekt und das Einfühlungsvermögen ihrer Mentorin Jennifer de Luca (rechts), unserer karnevalserfahrenen Digital-Reporterin.
    Foto: RZ

    Wie eine betrunkene Hummel sehe ich aus. Aber ich wollte ja ein einfaches Kostüm, bloß nichts Umständliches. Auf dem Kopf ein Haarreif mit schwarz-gelb gestreiften Fühlern, die unkoordiniert umherwackeln. Auf dem Rücken zartgelb glitzernde Flügel zum Umschnallen. Im Gesicht eine dicke rote Nase. Das muss für den Anfang reichen.

    Mädchensitzung in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz – meine Karnevalspremiere. Als Hamburgerin hatte ich bis jetzt mit der fünften Jahreszeit nichts am Hut. Zum Glück bin ich nicht allein hier: Jennifer de Luca, Digital-Reporterin bei der Rhein-Zeitung und tollitätserfahren, ist an meiner Seite, gewissermaßen meine Mentorin. „Wenn du mal nicht weiterweißt, dann ruf einfach ,Olau!'“, sagt sie und setzt sich ihren Piratenhut auf.

    Kann man mit einem hanseatischen Migrationshintergrund den Karneval in Koblenz überleben? Das Experiment beginnt, wir betreten den Festsaal, es ist 19 Uhr. Die Tische sind lückenlos belegt, alles ist bunt, alles ist voll, alles plappert durcheinander. Mit meiner ungewohnten Bienenflügelspannweite stoße ich in der Menschenmenge ständig Leute an. Erste Kontaktaufnahme.

    Wie auf einer fremden Familienfeier

    „Der Prinz hat immer drei Pfauenfedern auf der Mütze“, erklärt Jennifer mir die Bekleidungsvorschriften. Überhaupt muss sie mir eine Menge erklären. Von den Traditionen, dem Ablauf, den Hierarchien, den Vereinen. Sehr viel auf einmal, es kommt mir vor, als müsste ich eine neue Sprache lernen. Wir schieben uns durch die Menschenmenge zu unseren Plätzen. Alle paar Meter schlagen mir Federn und Perückenlocken ins Gesicht. Clowns sitzen neben Prinzessinnen, Matrosinnen stoßen mit Minnie-Mäusen an. Im wahren Leben sind sie Politikerinnen, Journalistinnen, Lehrerinnen, Verkäuferinnen, Hausfrauen. Aber das spielt hier keine Rolle. Jennifer kennt hier fast alle, ist im Karnevalsverein aktiv. An jeder Ecke gibt es ein freudiges Wiedersehen, ein schrilles, lang gezogenes „Hallooo!“, Küsschen rechts, Küsschen links. Ich werde mitbegrüßt, sehr herzlich sogar – und fühle mich ein wenig wie auf einer fremden Familienfeier.

    Schlagermusik wummert durch die Halle. Wir setzen uns, Sektgläser werden vollgemacht. Prost und Olau.

    Es geht los, die Marschkapelle trommelt sich zur Bühne. Offizielle Begrüßung, Prinz Markus I. ist da. Ein Zirkusgefolge begleitet ihn, auf Einrädern und mit rot-weiß gestreiften Schirmen. Confluentia Gaby wird auf einem weißen Plüschtiger zur Bühne getragen. Zirkusvolk strömt unter Jubel in den Saal. Fast erwarte ich, dass ein Elefant sich auch noch durch die Türen schiebt.

    Bei den Begrüßungsreden, Orden und Geschenken verliere ich den Überblick. Kinderprinz und Kinderprinzessin tanzen und sagen ihre Reden auf. Niedlich, wie verlegen sie lächeln.

    An Musik fehlt es auch nicht. „Humba Tätäräää“, schallt durch den Saal, dann die Koblenzer Stadthymne „Dat Kowelenzer Schängelche“. Aufstehen ist Pflicht, der Liedtext wird mir vorgesagt. „Du musst mitsingen!“, ruft mir eine Tischnachbarin zu, hakt sich bei mir unter und schiebt mich an. Rechts, links, rechts, links. „Schunkele!“, sagt Jennifer grinsend und hakt sich auch unter.

    Prompt schief angesehen

    „Ein dreifach donnerndes Olau, Olau, Olau!“ – Einmal habe ich es nicht rechtzeitig geschafft, den hiesigen Karnevalsgruß mitzurufen und werde prompt schief angesehen. Kommt nicht wieder vor, versprochen!

    Übrigens: Warum heißt es eigentlich Karnevals-„Sitzung“, wenn wir doch die meiste Zeit stehen? Immer wieder aufstehen, hinsetzen – auf und nieder, immer wieder. Wie in der Kirche, bloß in Lustig und mit Klatschen. Überhaupt, das Klatschen ... Wie halten Karnevalisten das eigentlich aus? Ob zum Applaudieren oder rhythmischen Mitklatschen zur Ufftata-Musik – nach einer halben Stunde sind meine Handflächen warm geklatscht.

    Oh, es gibt Livemusik! „Du hast die Haare schön“, und alle grölen mit. Bei „Es war in Altenahr“ verhöre ich mich. Was war denn nun im Hamburger Stadtteil Altona?

    „Nach so viel Musik und Tanz wird es Zeit für den ersten Redner des Abends“, kündigt der Sitzungspräsident an. Es ist 20.30 Uhr.

    Wie ein spanischer Film in Originalfassung ohne Untertitel

    Ach, die Redner. Sie haben's nicht leicht, das närrische Volk zum Lachen zu bringen. Die Reaktionen auf die Altherrenwitze und Kalauer sind durchwachsen: Von einigen Tischen (auf denen sich bereits leere Sektflaschen aneinanderreihen) ist begeistertes Gejohle und Gekreische zu hören. Andere Zuschauer können über die Sprüche nur müde lächeln. Auf der Bühne wird irgendetwas gebrüllt. Was genau, verstehe ich nicht. Als würde man einen spanischen Film in der Originalfassung sehen – ohne Untertitel. Der Grund ist nicht allein der starke Koblenzer Dialekt, sondern die Lautstärke. Als das Geschrei vorbei ist, habe ich Ohrensausen. Tätäää, tätäää, tätäää! Tusch! Olau, Olau, Olau!

    Leichte Langeweile macht sich breit, eine Frau an unserem Tisch fragt grinsend: „Wat machenwa jetzt? Hamwa ein Kartenspiel dabei?“ Die nächste Runde Sekt wird ausgeschenkt, Bier kommt dazu. Mein Magen rumort vor Hunger, aber das hört zum Glück niemand, es wummert im Saal wie beim Start eines Düsenjets. Ich knabbere eine halbe Packung Schokokekse weg.

    Links und rechts haken sich zwei Frauen ein, ich werde von meinem Stuhl gehoben. „Viva Colonia“ erklingt. Aufstehen, klatschen, schunkeln! Fertig? Dann wieder hinsetzen.

    Nicht gerade Schwanensee

    „Jetzt kommt das Männerballett!“, sagt Jennifer. Nein, sie brüllt es mir ins Ohr. Alles andere würde ich bei diesem Lärmpegel nicht hören. Das Männerballett, das ist ein Dutzend Männer, jung, mitteljung und nicht mehr ganz so jung. Sie sind als Mexikaner verkleidet, stilecht mit Sombreros, Ponchos und Bärten. Ein Roy-Black-Doppelgänger schmalzt „Fiesta Mexicana“ ins Mikro, die männlichen Primaballerinen heben die Beine in die Höhe. Nun ja, „Schwanensee“ ist es nicht gerade, aber höchst amüsant – und so rasch vorbei, wie die Männertanzgruppe auf die Bühne gekommen war. „Die sind noch zu angezogen!“, bemängelt Jennifer lachend, „Normalerweise zeigt das Männerballett mehr Haut!“

    Nächster Programmpunkt: Party. Alle Frauen, ob 16 oder 86, springen auf, wie auf Zuruf, und tanzen. Ich werde mitgeschleift. Und jetzt? Zuletzt habe ich mich mit neun so ungelenk gefühlt. Das war auf meiner ersten Kinderdisco. Keine Ahnung, wie man zu Karnevalsliedern tanzt. Und wohin mit meinen Händen? Ach, klatschen, das geht. Im Norden sagen wir: „Wattmuttdattmutt“ – „Was muss, das muss“.

    Das Männerballett tritt noch einmal auf: Zu „I will survive“ lassen die Herren die Hüften kreisen, in Regenbogenkleidern und blonden Perücken. Karneval in Rio, Olau, Olau, Olau!

    Klos sind hier wie die Männer

    Mit den bestrumpfhosten Männern verlasse ich den Saal. Pinkelpause. Die Damentoilettenräume sind vollgestopft mit Närrinnen, mit blendender Laune und viel Alkohol im Blut. Eine Medusa mit Plastikschlangen in den Haaren sucht nach einer freien Kabine. „Die Klos hier sind wie die Männer. Entweder besetzt oder beschissen“, lallt sie und kichert. Ein fülliges Schneewittchen zieht am Spiegel den Lippenstift nach, blutrot natürlich. Neben den Waschbecken stehen zwei Frauen, etwa 40 und 60 Jahre alt – Mutter und Tochter? Sie sind als „Cindy aus Marzahn“ kostümiert. Ich bin gerührt, als ich sehe, wie sie sich gegenseitig ihre rosa Röckchen richten und die pink leuchtenden Lichterketten geradeziehen. Zurück im Saal strahlt Jennifer mich an. „Noch ein Bier?“, fragt sie. Mir ist eher nach einem Mettbrötchen.

    Jemand pustet Luftschlangen über den Tisch. Ich schaue hoch zur Bühne, dort werden munter Harlekinmädchen durch die Luft geworfen. Sie lächeln und wirken so leicht und gelassen, als würden sie nichts anderes kennen, als hochgeschmissen zu werden. Für einen Moment vergesse ich, dass ich bei einer Karnevalssitzung bin, dass ich mich wie ein Fremdkörper fühle, dass ich es albern finde, nach jedem Satz „Olau!“ zu rufen. Jetzt, bei diesem Showtanz mit Akrobatikeinlagen, steht mir der Mund offen, und ich fühle mich wie fünf, als meine Eltern zum ersten Mal mit mir in den Zirkus „Krone“ gegangen sind.

    Karneval ist eine Leidenschaft

    Karneval, das merke ich, ist nicht nur ein Hobby, nicht nur Vereinsarbeit, nicht nur Ehrenamt. Ja, Olau, Tätäää, Ufftata und Schunkele gehören dazu. Aber Karneval ist eine Leidenschaft für diese Menschen hier. Kostüme nähen, Reden schreiben, Spenden sammeln, trainieren, proben, bestimmt auch hinfallen, oft, ein Jahr lang, mindestens. Ein Jahr Liebe und Schweiß und Vorfreude – alles für diesen Auftritt.

    Nach fünf Stunden sehe ich nicht nur aus wie betrunkene hanseatische Hummel, ich bin auch ein wenig angesäuselt. Mit Jennifer wanke ich die Treppe zum Ausgang hinunter, sie blickt mich erwartungsvoll an. „Und? Wie fühlst du dich nach deiner karnevalistischen Entjungferung?“, fragt sie. Seltsam. Angefreundet habe ich mich mit der fünften Jahreszeit nicht, aber vielleicht braucht das mehr Zeit. Und mehr Sekt. Und ein besseres Kostüm. Und Mettbrötchen.

    Von unserer Mitarbeiterin Anna Aridzanjan 

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