40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Lamya Kaddor lädt Rock-am-Ring-Veranstalter Lieberberg zu Anti-Terror-Demo ein
  • Aus unserem Archiv

    BerlinLamya Kaddor lädt Rock-am-Ring-Veranstalter Lieberberg zu Anti-Terror-Demo ein

    Die Islamwissenschaftlerin und Muslimin Lamya Kaddor hat den Konzertveranstalter Marek Lieberberg zu einer geplanten Demonstration von Muslimen gegen den islamistischen Terror eingeladen. Das meldet die Rhein-Zeitung (Koblenz) in ihrer Freitagsausgabe. Kaddor will am 17. Juni in Köln einen Friedensmarsch „mit möglichst vielen Muslimen und Nicht-Muslimen“ veranstalten.

    Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.
    Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.
    Foto: dpa

    „Er ist herzlich eingeladen. Bin gespannt, ob er vorbeikommt“, sagte Kaddor der Rhein-Zeitung. Lieberberg hatte nach der Unterbrechung des Festivals „Rock am Ring“ wegen einer Terrorwarnung gesagt, er „möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten“. Es sei jetzt mal Schluss mit „this is not my islam“ (dies ist nicht mein Islam). Er vermisse, dass „Zehntausende Muslime“ gegen den Terror Flagge zeigen. Kaddor will die Demonstration als Zeichen der Muslime in Deutschland nach den jüngsten Terroranschlägen mit vielen Todesopfern organisieren. Kaddor ist Mitbegründerin der unter Muslimen nicht unumstrittenen Liberal-Islamischen Bundes, der sich für eine moderate Auslegung des Islams ausspricht. Die Demo hat Kaddor aber als Privatperson angemeldet. Abzuwarten bleibt, welche muslimischen Verbände der Demo nun anschließen werden.

    Zur Erinnerung: Marek Lieberberg, der Konzertverantsalter von "Rock am Ring", wetterte in einer Wutrede gegen Moslems, nachdem das Muikfestival wegen einer Terrordrohung abgebrochen wurde.

    Lieberbergs Wutrede

    „Ich bin auch der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit ,This is not my Islam and this is not my Shit and this is not my whatever.' Jetzt ist die Situation, wo jeder Einzelne sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten. Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gefragt haben: Was macht ihr da eigentlich?“, ruft Lieberberg nur Minuten nach der Unterbrechung des Festivals wegen einer terroristischen Bedrohungslage den Journalisten zu. Von einem Teil erhält er später Applaus – ein absolut ungewöhnlicher Vorgang. Dass es in der Vergangenheit durchaus Proteste von Muslimen und deutliche Distanzierungen gab, spielt in dem Moment offensichtlich keine Rolle.

    Marek Lieberberg, Veranstalter von Rock am Ring. dpa
    Marek Lieberberg, Veranstalter von Rock am Ring. dpa
    Foto: dpa

    Doch damit ist Lieberberg noch nicht fertig. Es brodelt in dem Mann, dessen Festival im vergangenen Jahr wegen eines Unwetters mit Verletzten abgebrochen wurde – gegen seinen Willen. Und das nun wieder unterbrochen wurde – gegen seinen Willen. „Im Fall Amri haben Sie die Defizite gesehen. Es ist passiert. Jetzt wird sozusagen im vorauseilenden Gehorsam Rock am Ring geräumt. Gab es eine Explosion? Gab es einen Fund von Sprengstoff? Mir ist es nicht bekannt. Ich warte darauf“, wettert Lieberberg. Und es geht noch eine Nummer größer: „Wir haben einen Polizeiapparat, wir haben einen Verfassungsschutz, wir haben Geheimdienste, wir haben Staatsanwälte, wir haben Richter. Es ist an der Zeit, endlich mal aufzuhören mit lustig.“

    Zum Schluss attestiert Lieberberg den Menschen, die im Sinne der Sicherheit das Festival unterbrochen haben, ein verheerendes Bild abzugeben: „Ist das jetzt das Ergebnis unserer wehrhaften Demokratie? Dass wir einfach die Dinge hinnehmen?“, fragt er und zieht sein Fazit: „Das Signal, das Deutschland heute sendet, ist ein katastrophales.“

    Rock am Ring steht unter keinem guten Stern

    Es ist ein Ausbruch, der auch zeigt, wie sehr die vergangenen beiden Festivaljahre wohl an Lieberberg genagt haben. 2015 muss er den ersten Tag in Mendig kurz vor Schluss abbrechen – bei Gewittern werden 33 Menschen verletzt. Ein Jahr später werden erneut bei Unwettern mehr als 70 Menschen teils schwer verletzt. Zum ersten Mal wird das Festival abgebrochen. Lieberberg will das nicht, wird aber überstimmt und zahlt hinterher den Fans Teile des Eintritts zurück. Und nun wieder die Unterbrechung des Festivals.

    Als am nächsten Tag klar ist, dass Rock am Ring weiterläuft, zeigt sich Lieberberg ruhiger. Er gibt eine schriftliche Erklärung ab, Rückfragen will er explizit nicht zulassen. Er verwehrt sich gegen den Zuspruch von „AfD und anderen populistischen Gruppierungen“ für seine Worte. „Meine Aussage richtete sich nicht gegen die große Mehrheit der friedlichen Menschen – egal welcher Couleur. Die Zeiten erfordern es allerdings, dass wir – und zwar wir alle – uns deutlich positionieren und wehrhaft zeigen gegen jegliche Art von Gewalt und Fanatismus“, findet Lieberberg. „Alle gesellschaftlichen Kräfte – und zwar unabhängig von Nationalität, Herkunft, Religion und Weltanschauung – sind aufgerufen, einer solchen Bedrohung entgegenzutreten. Hierzu haben der Staat, seine Institutionen und jeder Bürger ihren Beitrag zu leisten.“

    Lieberbergs Wutrede nach dem Rock-am-Ring-Abbruch:

     

    Kommentar: Protest von Muslimen ist nötig

    Muslime selbst sind vom grausamen Terror der Extremisten weltweit am stärksten betroffen. Für viele von ihnen ist er wie etwa in Syrien zum traurigen Alltag geworden. Trotzdem würde ein sichtbarer Protest der Millionen friedlich in Deutschland lebenden Muslime in diesen Zeiten helfen, kommentiert unsere Berliner Korrespondentin Rena Lehmann.

    Rena Lehmann
    Rena Lehmann

    Eine Demonstration mit vielen Tausend Teilnehmern wäre ein Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft in Deutschland, wo der internationale Terrorismus zunehmend Verunsicherung, teils sogar offene Ablehnung des Islam auslöst. Der Satz, der Terror habe mit dem Islam nichts zu tun, ist inzwischen zur Phrase geworden. Mit einer Protestaktion würde die große Mehrheit der Muslime im Land, die hier friedlich lebt und arbeitet, endlich sichtbar werden.

    Im öffentlichen Fokus stehen derzeit ausschließlich die Extremisten. Es wäre angezeigt, ihnen deutlich zu machen, dass sie nicht das Bild des Islam in Deutschland bestimmen können.

    Wirksam bekämpfen kann man Terroristen freilich nicht mit Demonstrationen. Hier müssen die Vertreter islamischer Verbände und vor allem die Geistlichen sich stärker engagieren. Es reicht nicht aus, sich mit Pressemitteilungen von Anschlägen zu distanzieren. Eine Distanzierung ist nicht einmal notwendig, denn wer würde ernsthaft vermuten, dass ein muslimischer Verband in Deutschland Terroranschläge unterstützt? Geistliche und Verbandsvertreter sollten aktiv dabei helfen, dem radikalen Islam den Boden zu entziehen. Sie können ihren Einfluss geltend machen und besonders der Radikalisierung von Jugendlichen entschlossen entgegentreten. Moscheen, die Hassprediger sprechen lassen, müssen geschlossen werden.

    E-Mail: rena.lehmann@rhein-zeitung.net

    Hintergrund: Kein Aufschrei der Muslime?

    Berlin. Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat mit seiner Wutrede bei Rock am Ring eine neue Debatte entfacht: Müssen friedlich in Deutschland lebende Muslime stärker Flagge zeigen gegen den Terror im Namen ihrer Religion? Große Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern gegen die Islamisten hat es ihrerseits bislang tatsächlich nur selten gegeben. „Wir brauchen jetzt sichtbare Zeichen, um Zusammenhalt zu demonstrieren und zu zeigen, dass wir uns alle gegen diese Gewalt stellen“, sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

    Gemeinsam mit Tarek Mohamad, dem Geschäftsführer einer Pizzalieferkette, der sich privat für einen friedlichen Islam engagiert, hat Kaddor für den 17. Juni deshalb eine Demonstration in Köln angemeldet. „Der Anschlag von London war ein Auslöser. Wir Muslime müssen uns mehr bewegen“, erklärt Kaddor im Gespräch mit unserer Zeitung. Kaddor ist Mitbegründerin des unter Muslimen nicht unumstrittenen Liberal-Islamischen Bundes, der sich für eine moderne Auslegung des Islam ausspricht. Die Demonstration hat Kaddor aber als Privatperson angemeldet. Sie soll nicht unter der Flagge eines muslimischen Verbandes stattfinden. Noch abzuwarten ist, welche Verbände sich der Demonstration anschließen werden. In der Vergangenheit hatte es bei ähnlichen Vorhaben immer wieder Uneinigkeit unter den Verbänden gegeben, etwa bei der vom Zentralrat der Muslime initiierten Kundgebung am Brandenburger Tor nach dem Anschlag von Paris im Januar 2015. Der Zentralrat der Muslime hatte zu der Veranstaltung aufgerufen, laut Polizei kamen etwa 10.000 Teilnehmer.

    Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, in dem zwischen 10.000 und 20.000 der rund fünf Millionen in Deutschland lebenden Muslime organisiert sind, kann die Kritik von Rock-am-Ring-Veranstalter Lieberberg denn auch nicht nachvollziehen. Lieberberg hatte nach der Unterbrechung des Festivals wegen einer Terrorwarnung gesagt: „Ich habe bisher noch keine Muslime gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?“ Später legte er in einem Interview auf Sat.1 nach: „Man kann nicht sagen, das ist nicht mein Islam. Man muss dann auch zeigen, wofür stehe ich. Ich finde, dass gerade die Vielzahl der friedlichen Muslime Flagge zeigen soll.“

    Zentralratschef Mazyek weist die Kritik zurück: „Es stimmt nicht, dass Muslime sich nicht positionieren. Ich halte es für ein Problem, wenn Wutreden nicht an die Schuldigen adressiert werden, sondern an diejenigen, die selbst unter dem Terror weltweit leiden“, stellte Mazyek gegenüber unserer Zeitung klar. Er erinnert unter anderem an eine Mahnwache gegen die IS-Verbrechen, an der sich 2014 etwa 1500 Moscheen in Deutschland beteiligt hatten. Aus seiner Sicht hilft es den Terroristen, wenn friedliche Muslime hierzulande unter Druck gesetzt werden. Die Extremisten seien „hauptverantwortlich für den Terror“. „Muslime sind aber verantwortlich für das Einstehen für eine friedliche Welt, und deshalb ist es wichtig, immer mal wieder Flagge zu zeigen in Form von Demonstrationen und Erklärungen“, räumt Mazyek ein. Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, stellt klar: „Es gab und gibt einige muslimische Organisationen, die sich gegen den islamistischen Terror zur Wehr setzen und dies immer wieder auf Kundgebungen und Demonstrationen äußern.“ Es sei „schlichtweg falsch“, was Lieberberg behauptet.

    In der Tat hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Protestaktionen von muslimischer Seite gegeben. Als größte Veranstaltung dokumentiert die Initiative „Muslime gegen Gewalt“ auf ihrer Internetseite eine Demonstration in Köln mit 25.000 Teilnehmern im Jahr 2004. Auch nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz im vergangenen Jahr haben Muslime demonstriert. In London haben sich nach den jüngsten Anschlägen 130 Imame aus Protest dazu entschlossen, den Attentätern das übliche Beerdigungsritual zu versagen. Unter dem Stichwort #MuslimsAreNotTerrorists (Muslime sind keine Terroristen) oder #Notinmyname (nicht in meinem Namen) bringen Muslime in den sozialen Medien ihren Unmut über die Gewalt zum Ausdruck.

    Der öffentliche Eindruck scheint trotz aller Bemühungen offenbar ein anderer. Zumindest scheinen sie nicht auszureichen, um einer wachsenden Angst vor dem Islam in der Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Umfragen zufolge empfindet jeder Zweite in Deutschland die Religion als Bedrohung.

    Islamwissenschaftlerin Kaddor beobachtet einen wachsenden Druck, sich als Muslimin noch sichtbarer vom islamistischen Terror abzugrenzen. „Es ist zwar absurd, sich von etwas distanzieren zu müssen, wozu es keine Nähe gibt, aber es wird offenbar auch von der normalen Bevölkerung bisher zu wenig wahrgenommen, dass Muslime in Deutschland den Terror in jeder Form ablehnen.“ Sie fühle sich persönlich nach jedem Anschlag betroffen. „Und es ist deprimierend, nach jedem Anschlag in Sippenhaft genommen zu werden.“

    Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

    Rheinland-Pfalz
    Meistgelesene Artikel
    epaper-startseite
    Anzeige
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Samstag

    12°C - 23°C
    Sonntag

    12°C - 21°C
    Montag

    13°C - 22°C
    Dienstag

    14°C - 25°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!