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  • Fragen und Antworten: Tauziehen um die Styropor-Entsorgung

    Rheinland-Pfalz. Seit Jahrzehnten gilt Polystyrol, besser bekannt unter dem Herstellernamen Styropor, als Allzweckwaffe gegen Wärmeverlust. An Millionen Hausfassaden kleben die Kunststoffplatten als Dämmschicht. Doch jetzt wird das Material zum akuten Problem für Baufirmen, Dachdeckerbetriebe und private Hausbesitzer.

    Foto: dpa

    Von unserer Redakteurin Angela Kauer

    Grund ist das Flammenschutzmittel HBCD. Es soll verhindern, dass sich Hausbrände ausbreiten können, und wurde dem Kunststoff deshalb über Jahrzehnte beigemischt. Allerdings gilt HBCD seit 1. Oktober in Deutschland als Sondermüll und muss separat verbrannt werden. Das Material zu entsorgen, ist schwierig und teuer geworden. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

    Was ist HBCD überhaupt, und warum gilt der Stoff als gefährlich?

    Hexabromcyclododecan (HBCD) ist ein Flammenschutzmittel. Es soll im Brandfall verhindern, dass sich ein Feuer schnell ausbreitet. Doch HBCD gilt laut Europäischer Chemikalienagentur als "besonders besorgniserregend": Es reichert sich in der Natur und in Organismen an und steht im Verdacht, krebserregend zu sein und die Fortpflanzung zu schädigen.

    Wo steckt HBCD drin?

    HBCD wird seit den 60er-Jahren vor allem in Dämmmaterial verwendet. Dem Industrieverband Hartschaum zufolge ist es teilweise auch in Verpackungskunststoffen aus Styropor enthalten. Verpackungen waren und sind aber weitgehend unproblematisch und werden weiterhin auf Recyclinghöfen angenommen. Seit 2014 sind Herstellung und Verwendung von HBCD weltweit verboten. Allerdings gibt es Ausnahmen, auch in der EU. In Deutschland wird der Stoff weiter in Dämmplatten verbaut, voraussichtlich noch bis Februar 2018.

    Muss ich mir Sorgen machen, wenn mein Haus mit HBCD-haltigen Platten gedämmt ist?

    Laut Umweltbundesamt nicht. In der Nutzungsphase und wenn das Material ordnungsgemäß verbaut ist, tritt den Angaben des Amtes zufolge nur sehr wenig HBCD aus den Platten aus, das Bewohner über die Luft oder den Hausstaub aufnehmen könnten. Das Problem ist demnach nicht die direkte Nutzung, sondern die Tatsache, dass der Stoff inzwischen in der Umwelt so weit verbreitet ist, dass er auch über die Nahrung in den menschlichen Körper gelangen kann.

    Gibt es Alternativen zu HBCD-haltigen Dämmmaterialien?

    Ja. Die meisten Hersteller von Styropor haben HBCD inzwischen durch andere Flammenschutzmittel ersetzt. In Deutschland sind es nach Angaben des Industrieverbandes Hartschaum seit 2015 sogar alle. Das Umweltbundesamt listet zudem Mineralwolle, Mineralschaum, Schaumglas oder Blähton als komplette Alternativen zu Styropor auf. Auch Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, zum Beispiel auf der Basis von Holzspänen, Zellulose oder Hanf, isolieren den Angaben zufolge gut.

    Wie wurden HBCD-haltige Dämmstoffe bisher entsorgt?

    Bis vor Kurzem konnte man Styropor als Kunststoff- oder gemischten Bauabfall entsorgen. Daraufhin wurde es geschreddert, mit anderen Abfällen vermischt und in einem zugelassenen Müllheizkraftwerk verbrannt.

    Warum hat sich das geändert?

    Gemäß der Stockholm-Konvention, einem weltweiten Übereinkommen, sollen langlebige organische Schadstoffe komplett aus dem Wirtschaftskreislauf genommen werden. HBCD ist ein solcher Schadstoff. Recycling ist für diese Stoffe ausgeschlossen. Die Europäische Union hat eine entsprechende Verordnung erlassen, die Mitgliedstaaten müssen sie in ihr jeweiliges Recht umsetzen. Und die gehen offenbar unterschiedlich vor: In Österreich zum Beispiel gilt HBCD-haltiges Material nicht als Sondermüll. Es muss dort nur rückstandslos entsorgt werden und wird deshalb nach wie vor als gemischter Bauabfall in Müllheizkraftwerken verbrannt. In Deutschland wurde HBCD-haltiges Dämmmaterial zum Sondermüll erklärt. Es muss nun separat gesammelt und verbrannt werden. Aufgrund des hohen Brennwertes des Materials ist das nicht in jeder Müllverbrennungsanlage ohne Weiteres möglich. Es kommt zu Entsorgungsengpässen.

    Was heißt das für Handwerksbetriebe, vor allem für Dachdecker?

    Weil die Entsorgungswege ungeklärt sind, bleiben sie auf ihrem Styropor sitzen, oder sie müssen hohe Preise für die Entsorgung zahlen: Laut dem Landesinnungsverband des Dachdeckerhandwerks werden inzwischen Preise von 3000 bis 8000 Euro pro Tonne HBCD-haltiges Matrial verlangt - vor den neuen Entsorgungsregeln waren es 150 bis 200 Euro. Weil nicht alle diese Kosten sofort auf ihre Kunden umlegen wollen, liegen derzeit bei vielen Betrieben Aufträge auf Eis. Ein Beispiel aus dem Westerwald: Klaus Koch, der einen Dachdeckerbetrieb in Wirges führt, schätzt, dass er derzeit Aufträge im Wert von 3 Millionen Euro nicht abwickeln kann. "Das betrifft 20 bis 30 Mitarbeiter. Weil wir eine gute Auftragslage haben, können wir sie anderweitig einsetzen. Aber das ist keine Dauerlösung."

    Was heißt die Neuregelung für private Bauherren?

    Im Grunde dasselbe wie für die Handwerker: Auch sie müssen HBCD-belastetes Dämmmaterial von anderen Abfällen trennen - und eine Verbrennungsanlage finden, die ihnen den Abfall abnimmt. Auch sie müssen höhere Entsorgungskosten zahlen - oder höhere Preise in Kauf nehmen, wenn sie die Sanierung bei einem Profi in Auftrag geben.

    Wie könnte eine politische Lösung aussehen?

    Die Bauunternehmen auch in Rheinland-Pfalz setzen ihre Hoffnungen in ein Treffen der Umweltminister der Bundesländer, das heute beginnt. Dann soll der Umgang mit dem HBCD-behandelten Styropor auf der Tagesordnung stehen. Sachsen sowie das Saarland wollen die Vorschrift zur gesonderten Verbrennung der Styroporplatten wieder kippen. Ob der Vorstoß die notwendige einstimmige Mehrheit findet, ist allerdings ungewiss. Rheinland-Pfalz hat angekündigt, sich für Lösungen einzusetzen, "die gewährleisten, dass die Gefährlichkeit eines Inhaltsstoffes wie zum Beispiel Flammschutzmittel beachtet wird und die HBCD-Platten umweltverträglich und kostengünstig verbrannt werden können".

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