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  • Ein Mann des Volkes: Joachim Mertes verabschiedet sich aus dem Amt des Parlamtenspräsidenten

    Mainz/Buch. Wenn man sich die rheinland-pfälzische SPD als großes Anwesen vorstellt, kennt Joachim Mertes jeden Winkel. Der scheidende Landtagspräsident kennt seine Partei wie kaum ein anderer. Er hat miterlebt, wie hinter verschlossenen Türen gestritten und gekämpft wurde. Er hat Bewohner aufsteigen und fallen sehen. Er ist mit den gemütlichen Wohnräumen vertraut, aber auch mit den muffigen Kellergeschossen voller Geheimnisse.

    Der scheidende Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD) an dem Ort, an dem er lange wirkte: dem rheinland-pfälzischen Landtag. Er bemühte sich, das Parlament zum Begegnungsort zu machen. Nun wird der Gebäudekomplex saniert.  Foto: Bernd Eßling
    Der scheidende Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD) an dem Ort, an dem er lange wirkte: dem rheinland-pfälzischen Landtag. Er bemühte sich, das Parlament zum Begegnungsort zu machen. Nun wird der Gebäudekomplex saniert.
    Foto: Bernd Eßling

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

    Seit 1969 ist Joachim Mertes Sozialdemokrat - seit 1983 amtierte er als Abgeordneter im Landesparlament. 1994 wurde er zum Fraktionschef, 2006 zum Landtagspräsidenten gewählt. Nun tritt er von der politischen Bühne ab. Mit ihm geht ein Stück Parteigeschichte - und der vielleicht letzte namhafte Vertreter der Gründerväter jenes fulminanten Aufstiegs der Sozialdemokratie im Land.

    Kein geschliffener Kieselstein

    Joachim Mertes ist ungefähr das Gegenteil eines Politikertypus, den Zeit und Erfahrung wie einen Kieselstein geschliffen haben. Nicht, dass er nicht charmant oder gewinnend auftreten könnte. Aber Mertes mag Kanten. Er mag Typen. Er mag Gegenrede und Widerspruch. In dieser Hinsicht dürfte er mit sich selbst im Reinen sein.

    Der scheidende Landtagspräsident kommt aus dem Hunsrück. Genauer aus der 900-Einwohner-Gemeinde Buch. Dort war er von 1989 bis 2014 Ortsbürgermeister. Das ist bedeutsam, weil es etwas darüber erzählt, wie Mertes Politik versteht. Tatsächlich nah bei den Menschen, ihren Sorgen, aber auch ihrem Lebensgefühl.

    Er hat eine Erfolgsgeschichte der rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten erlebt und geprägt. Sie regieren die einstige CDU-Hochburg seit dem 21. Mai 1991. Wie war das möglich? "Es ist eigentlich einfach. Die SPD muss mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben", sagt er. "Man darf nicht abheben." Wie der altgediente Sozialdemokrat das sagt, klingt es einfach. Ist es aber nicht. Die Versuchung allzu großer Machtfülle hat die SPD häufig genug gespürt. Manchmal ist sie ihr erlegen. Man muss nur an die Phase der SPD-Alleinregierung denken.

    Mertes hat sich auf seinem langen Weg nicht nur Freunde gemacht. Er ließ sich den Mund nicht verbieten. Sein Verhältnis zum früheren Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) war nicht immer tiefenentspannt. Auch zwischen ihm und dem einen oder anderen Protagonisten des Innenministeriums knirschte es zuweilen. Schließlich ist auch sein Engagement um den Flughafen Hahn von Licht und Schatten geprägt. Licht, weil es ihm gelang, ein Bindeglied zwischen dem Hunsrück-Airport sowie regionaler Wirtschaft und Bevölkerung zu sein. Und weil der Flughafen für Jahre zur großen Gewinnergeschichte wurde. Schatten, weil Mertes heute zugibt, dass er als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender "wirtschaftliche Dinge", Perspektiven und Verflechtungen nicht immer genügend durchschaute. Die Kontrolle durch Politiker und Beamte nennt er "verbesserungswürdige Strukturen". Inzwischen sitzen weitgehend Fachleute im Aufsichtsrat.

    Poltern mit Kalkül

    Mertes kann poltern, Menschen frontal angehen. In solchen Momenten reißt er die Augen weit auf, als wolle er sein Gegenüber hypnotisieren. Sein Lachen wirkt lauernd, als könnte es jederzeit in etwas weitaus weniger Angenehmes umschlagen.

    Darin liegt keine Bösartigkeit, eher ein Kräftemessen. Mertes lockt Menschen aus der Reserve, testet Rückhalt und Stehvermögen. Wer ihm standhält, hat einen guten, verlässlichen Dialogpartner.

    Als Parlamentschef blieb Mertes immer auch ein wenig Fraktionschef. Er konnte harsch sein und fast schon autoritär. Immer dann, wenn er seine SPD zu sehr in die Defensive gedrängt sah. Vor allem während der Rededuelle von CDU-Oppositionschefin Julia Klöckner und SPD-Fraktionschef Hendrik Hering rutschte Mertes unruhig auf seinem Sitz hin und her. Er hätte gern schärfere und wirksamere Geschütze aufgefahren, als es der Art und den rhetorischen Fähigkeiten Herings entsprach. Nur wird der Westerwälder sein Nachfolger.

    Mertes bedauert, dass er nicht mehr für ein gutes Klima zwischen den Abgeordneten aus dem Regierungslager und der Opposition tun konnte. Überparteilichen Respekt hat er dennoch errungen. Mertes ist ein schlauer Fuchs, aber auch jemand, mit dem man fair ins Geschäft kommt. So ist ihm sein Meisterstück geglückt. Ihm gelang es, alle Parteien für die Sanierung des Landtags zu gewinnen. Kostenpunkt: 49,9 Millionen Euro. Ein Mammutprojekt.

    Mertes' Führungsstil ist kooperativ. Er ließ seinen 140 Mitarbeitern im Landtag lange Leine, wenn sie sein Vertrauen rechtfertigten. Der gelernte Bäcker ging später zur Bundeswehr, studierte aber nie. Er akzeptiert Grenzen. Mertes hätte Innenminister werden können, wollte sich aber nicht verheben. Legendär sein Satz als Fraktionschef: "Ich mache Minister."

    Eine große Liebe

    Der Hobbyhistoriker und Hobbykoch ist ein zutiefst bodenständiger Mensch. Er ist frankophil, aber im Hunsrück verwurzelt. Als Trennungskind war es ihm wichtig, eine Heimat zu haben. Joachim Mertes hat einmal geheiratet, seine große Liebe. Als seine Frau nach langer Ehe starb, blieb er allein.

    Der Politik gab er viel, aber er ließ sich nicht von ihr auffressen. Mertes fuhr jeden Abend nach Hause, bewahrte sich ein Leben jenseits der Politik. Das schenkte ihm Unabhängigkeit. Dazu passt der Karl Marx in seinem Amtszimmer. Er ist feuerrot - und doch nur ein Gartenzwerg aus Plastik.

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