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    Rheinland-Pfalz"Aufhören! Aufhören!": Zweibrücker wütend auf Mainz und die EU

    Wer als Vertreter der Landesregierung nach Zweibrücken kommt, braucht gute Nerven. "Aufhören! Aufhören!", skandiert die Menge während der Rede von Arbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD) auf dem Herzogplatz vor dem Zweibrücker Rathaus.

    Landrat Duppré
    Landrat Duppré
    Foto: dpa

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

    Die Insolvenz der Flughafengesellschaft hat die Menschen in der Region tief getroffen. Bereits die Erwähnung der rot-grünen Landesregierung löst ein gellendes Pfeifkonzert aus. Bei einer Kundgebung im Stadtzentrum lassen viele Bürger ihrer Wut und Enttäuschung freien Lauf. Unbeliebter als die rheinland-pfälzische Regierungsmannschaft ist nur noch EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia. Wäre er bei der Demonstration vor dem Rathaus erschienen, das Pfeifkonzert hätte vermutlich kein Ende genommen.

    Die Plakate haben eine unmissverständliche Botschaft. "EU = Unser Ende", heißt es da. Oder: "Brüsseler Betrug macht Zweibrücker zu EUnuchen." Ein anderer Demonstrant reckt ein Pappschild mit der Aufschrift "EU-Willkürpolitik - ein solches Europa. Nein danke" in die Höhe. Kurt Pirmann (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Zweibrücken, versteht die Welt ohnehin nicht mehr: "Der Flughafen Zweibrücken hat die längere Landebahn, die bessere Infrastruktur, und die Flughafengesellschaft braucht weniger Subventionen als Saarbrücken", rechnet er in einer flammenden Rede vor. Trotzdem mache Brüssel Zweibrücken dicht. "Almunia ist piepegal, was hier passiert", schimpft er. Und Jürgen Gundacker (SPD), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Zweibrücken-Land, erklärt: "Wie kann ein EU-Kommissar entscheiden, ohne überhaupt vor Ort gewesen zu sein?"

    Schweitzer, aber auch CDU-Oppositionsführerin Julia Klöckner versuchen, die EU-feindliche Stimmung etwas abzumildern. Keine leichte Aufgabe. Die Christdemokratin fordert einen Masterplan und eine Transfergesellschaft, um den von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeitnehmern zu helfen. Klöckner wird immerhin mit freundlichem Beifall bedacht. SPD-Politiker Schweitzer verspricht erneut, dass sich die Landesregierung um jeden Betroffenen kümmern wird. Vereinzeltes Klatschen ist das Echo. Mittenhinein brüllt jemand: "Ihr habt nichts getan."

    Peter Jakobi von den Flughafenfreunden warnt davor, nur das Saarland und die EU zum Schuldigen zu stempeln. "Wir sehen die Fehler in der Landespolitik", betont er unter großem Beifall. Dort hätte man früh erkennen können, dass Saarbrücken es mit der Kooperation nicht ernst meinte. "Das Saarland war einfach cleverer."

    Hans Jörg Duppré (CDU), Landrat im Kreis Südwestpfalz, wirft der saarländischen Landesregierung gegenüber unserer Zeitung indes vor, gar kein ehrliches Interesse an einer gemeinsamen Lösung gehabt zu haben. Und OB Pirmann hofft, dass die Zukunft Zweibrückens nicht zum Opfer des klassischen Parteiengezänks wird. Für ihn zählt, "ob man sich in Mainz auch dann noch um diese Region kümmert, wenn sie wieder aus den Schlagzeilen ist", meint er im Gespräch mit unserer Zeitung.

    Am Flughafen Zweibrücken herrscht gut zwei Stunden vor der Demonstration im Nieselregen professionelle Geschäftigkeit. Gerade hebt ein Jumbo in Richtung Antalya ab, wenig später kommen die ersten Urlauber, um für den Ferienflieger nach Mallorca einzuchecken. Dazwischen ist es ruhig im Terminal. Ein paar Urlauber lassen sich in einem der Reisebüros informieren. Flughafenmitarbeiter mit ihren grellgelben Warnwesten verschwinden in Richtung Abflugbereich. Auf dem Rollfeld steht eine Dornier Do 228. Die kleine Maschine wird mit Fracht beladen, die es besonders eilig hat.

    Am Flughafen hofft man, dass möglichst viel vom Flugbetrieb zu retten ist. Geschäftsflüge? Der Wartungsbetrieb? Oder nur die kleinen Sportmaschinen? "Dafür bräuchten wir unsere Technik nicht", heißt es. Damit der Pfalz-Airport überleben kann, müsste ein Investor her - am besten einer, der viel Fracht mitbringt. Doch auf diesem Weg hat auch schon der größere Flughafen Hahn im Hunsrück viele Federn lassen müssen. Die Beschäftigten rund um den Flughafen beten, dass wenigstens das Designer-Outlet-Center seine zusätzlichen Sonntagsöffnungszeiten behält. Dagegen geht der örtliche Einzelhandel vor. Und ohne Verkehrsflughafen könnte die Genehmigung wackeln. "Wenn wir hier auch noch Abstriche machen müssen, könnten bis zu 400 Arbeitsplätze weg sein", sagt OB Pirmann. Doch die Menschen in der Region sind zäh. Sie haben den Niedergang der Schuhindustrie überlebt, den Abzug der Amerikaner. "Wir werden auch das Aus für den Flughafen überleben", meint später ein Demonstrationsteilnehmer. Enttäuscht und verbittert sind viele Zweibrücker trotzdem.

    Wie tief die Mitarbeiter getroffen sind, macht Markus Rademacher, der Vizevorsitzende des Betriebsrats deutlich: "Wenn sie meinen, sie müssten den Flughafen zuschließen, müssen sie mich raustragen. Ich gehe hier nicht freiwillig raus." Der ganze Platz jubelt ihm in diesem Moment zu.

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