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  • Auch im Hunsrück: Von Kriegsbegeisterung keine Spur

    Hunsrück. Im heißen Sommer 1914 ist die Anspannung im Hunsrück schon fast zum Greifen. Die Stimmung ist aufgeladen. In Laufersweiler liegen viele schon im Bett, als am 31. Juli um 22.30 Uhr öffentlich der Kriegszustand erklärt wird. Großes Entsetzen macht sich breit. Zuerst werden in dem kleinen Dorf die Wirtshäuser geschlossen.

    Der Heimatforscher Dr. Fritz Schellack hat einen lange ignorierten Schatz gehoben: Schulchroniken, Feldpostbriefe und Zeitungsberichte vermitteln einen Eindruck von der Stimmungslage im Ersten Weltkrieg. Foto: Werner Dupuis
    Der Heimatforscher Dr. Fritz Schellack hat einen lange ignorierten Schatz gehoben: Schulchroniken, Feldpostbriefe und Zeitungsberichte vermitteln einen Eindruck von der Stimmungslage im Ersten Weltkrieg.
    Foto: Werner Dupuis

    Von unserem Redakteur Dirk Eberz

    Im heißen Sommer 1914 ist die Anspannung im Hunsrück schon fast zum Greifen. Die Stimmung ist aufgeladen. In Laufersweiler liegen viele schon im Bett, als am 31. Juli um 22.30 Uhr öffentlich der Kriegszustand erklärt wird. Großes Entsetzen macht sich breit. Zuerst werden in dem kleinen Dorf die Wirtshäuser geschlossen. Für viele ist schon das ein schwerer Schlag. Dann werden die Ersten eingezogen. Kein Jubel: Die Frauen lassen Männer und Söhne ungern ziehen.

    Tränen fließen. Es werden nicht die letzten sein. Für viele Soldaten ist es ein Abschied für immer. „Für diese Nacht war den meisten der Schlaf vergangen“, heißt es in der Schulchronik. Nur der Dorfpfarrer schwadroniert von der „Pflicht, das Vaterland zu verteidigen“. Ansonsten ist von Euphorie kaum etwas zu spüren. Stattdessen herrscht blanke Angst. „Mit bangen Ahnungen erfüllt gingen die Leute am nächsten Tag einher.

    Wie Blei lag es in den Gliedern. Jeder fühlte den ungeheuren, fast nicht mehr zu ertragenden Druck“, schreibt der Lehrer weiter.

    Menschen sind von düsteren Vorahnungen bedrückt

    Von wegen Kriegsbegeisterung. Im Hunsrück zieht es offenbar die wenigsten auf die Pariser Boulevards, wie es in den Geschichtsbüchern kolportiert wird. „Jeder war mit sich selbst beschäftigt und von düsteren Vorahnungen bedrückt“, schreibt ein Tiefenbacher Lehrer. Dr. Fritz Schellack entwirft deshalb ein differenzierteres Bild von diesen Schicksalstagen, in denen sich das alte Europa in seinen Untergang stürzt. Der Heimatforscher hat Dutzende Hunsrücker Schulchroniken gewälzt.

    Früh treffen im Hunsrück die ersten Todesnachrichten ein. Karl Leidermann aus Simmern fällt bereits in der ersten Kriegswoche. Quelle: Hunsrücker Zeitung
    Früh treffen im Hunsrück die ersten Todesnachrichten ein. Karl Leidermann aus Simmern fällt bereits in der ersten Kriegswoche. Quelle: Hunsrücker Zeitung

    Fazit: „Es gab zwar einige wenige, die Hurra geschrien haben. Doch der allgemeine Tenor waren Furcht und Betroffenheit.“ Der Kriegsausbruch trifft die Menschen im ländlich geprägten Hunsrück mitten in der Erntezeit. „Für die Bauern war das eine existenzielle Frage“, sagt Schellack. Deshalb werden nun die Schulen geschlossen, damit die Kinder mitanpacken können.

    Aus dem winzigen Schnorbach bei Rheinböllen wird von den ersten Hamsterkäufen berichtet. Auch in Laufersweiler werden die Geschäfte gestürmt. „Es dauerte nicht lange, so war alles ausverkauft.“ Die Preise steigen von Tag zu Tag. Am Ende schreitet die Polizei ein. Im Hunsrück bricht nun eine wahre Franzosen-Hysterie aus. „Überall vermutete man Spione“, sagt Schellack. An vielen Ortseingängen werden Unbekannte angehalten und scharf kontrolliert. Als in Laufersweiler die Nachricht eintrifft, dass ein französisches Auto gesichtet worden sein soll, rottet sich ein wütender Mob von Bauern zusammen, wie der Dorflehrer nicht ganz ohne Ironie vermerkt.

    Deutsche Soldaten posieren für die Kamera. Einer von ihnen ist Rudolf Müller (2. von rechts) aus Tiefenbach. Er fällt bereits 1914. Quelle: Hunsrück-Museum
    Deutsche Soldaten posieren für die Kamera. Einer von ihnen ist Rudolf Müller (2. von rechts) aus Tiefenbach. Er fällt bereits 1914. Quelle: Hunsrück-Museum

    „Mit Äxten, Schlachtmessern, Heugabeln und Knüppeln bewaffnet, stürmten sie die Straße und den Acker hinauf – selbstverständlich ohne etwas zu finden.“ Für viele junge Männer scheint der Krieg zunächst wie ein großes Abenteuer. „Die hatten ja noch nichts von der Welt gesehen“, betont Schellack. „Sie sind ja so gut wie nie aus ihren Dörfern rausgekommen.“ Die Ernüchterung folgt nach den ersten Todesmeldungen. In jeder Ausgabe veröffentlicht die Hunsrücker Zeitung jetzt die Verlustlisten – und die werden immer länger. Am Anfang werden noch die Namen der Verwundeten abgedruckt. Spätestens ab der Marneschlacht im September werden sie aus Platzgründen gestrichen.

    Bald treffen auch die ersten Verwundeten ein. Das katholische Krankenhaus in Simmern – die heutige Kreisverwaltung – wird zum Lazarett. Viele, die als Helden ausgezogen sind, kehren als Krüppel zurück – ein Schock: „Die sahen ja oft entsetzlich aus“, sagt Schellack. Einigen müssen Arme und Beine amputiert werden. Andere sind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

    Traumata werden meist gar nicht erfasst – geschweige denn behandelt. „Da hätten sie ein ganzes Psychologen-Bataillon gebraucht“, sagt Schellack. Feldpostbriefe entwickeln sich zu einer der meistgelesenen Rubriken der „Hunsrücker Zeitung“. Viele sind im Landserstil verfasst, lassen aber die Schrecken des Krieges zwischen den Zeilen durchblicken.

    Deutsche Soldaten zogen im Sommer 1914 in den Krieg. Spätestens an Weihnachten wollten sie wieder zu Hause sein. Doch es kam anders. An der Front fanden nicht wenige Männer den Tod. Männer wie Wilhelm Müller aus Tiefenbach im Hunsrück, gefallen 1917. Quelle: Hunsrück-Museum
    Deutsche Soldaten zogen im Sommer 1914 in den Krieg. Spätestens an Weihnachten wollten sie wieder zu Hause sein. Doch es kam anders. An der Front fanden nicht wenige Männer den Tod. Männer wie Wilhelm Müller aus Tiefenbach im Hunsrück, gefallen 1917. Quelle: Hunsrück-Museum

    „Als unsere Infanterie an den ersten feindlichen Schützengraben kam, fanden wir die Franzosen schlafend. Alle wurden niedergemacht“, schreibt Vizewachtmeister Z. am 2. Oktober 1914 an seine Eltern in Simmern. „Die Franzosen des zweiten Schützengrabens waren fast alle besoffen und ergaben sich.“ Der Brief vermittelt ein anschauliches Bild vom sinnlosen Abschlachten an der Front.

    „Die Toten lagen zu acht aufeinander in den Schützengräben. Schwarze, rote, blaue Hosen – alles durcheinander.“ Dem schiebt das Generalkommando des 21. Armeekorps im Herbst 1914 einen Riegel vor. Danach wird die „Hunsrücker Zeitung“ zensiert. In der Ausgabe vom 21. November heißt es: „Die strengen Vorschriften machen es uns in letzter Zeit unmöglich, in der Wiedergabe von Hunsrücker Feldpostbriefen in der anfangs des Krieges gepflogenen Art fortzufahren.“

    Alle Briefe müssen vor einer Veröffentlichung nach Saarbrücken geschickt werden. Schellack: „Das Militär fürchtete, dass die Moral zu Hause untergraben wird.“ Grausamkeiten und Kampfhandlungen dürfen nun nicht mehr im Detail beschrieben werden. Sie werden durch Floskeln ersetzt. Doch die gesamte Feldpost ist unmöglich zu kontrollieren. Schätzungen gehen von insgesamt fast 30 Milliarden Karten und Briefen aus, die im Ersten Weltkrieg verfasst werden.

    Lange sind sie von der Forschung weitgehend ignoriert worden. „Einzelschicksale haben niemanden gejuckt“, sagt Schellack. Dabei sind sie authentische Zeitzeugnisse – auch abseits der Schützengräben. „Meine französische Hauswirtin wäscht mir die Wäsche“, schreibt beispielsweise Oberarzt Auler an seine Schwester in Simmern aus dem Argonnerwald.

    Jacob Müller aus Tiefenbach starb 1918 an den Folgen der Spanischen Grippe, die er aus dem Krieg mitgebracht hatte. Quelle: Hunsrück-Museum
    Jacob Müller aus Tiefenbach starb 1918 an den Folgen der Spanischen Grippe, die er aus dem Krieg mitgebracht hatte. Quelle: Hunsrück-Museum

    „Die Soldaten bringen von der Ernte und an Kartoffeln ein, was möglich ist, kehren die Straßen, als ob tiefster Friede herrschte. Nur ab und zu hört man das dumpfe Rollen der Geschütze von Verdun.“ Jakob Kasper aus Schnorbach, den die „Hunsrücker Zeitung“ schon für tot erklärt hatte, meldet sich am 26. Oktober 1914 aus der Gefangenschaft zurück. „Unsere französischen Vorgesetzten sind gut, wir werden in keiner Weise schikaniert. Wir dürfen rauchen und können uns nach Belieben bewegen.“

    Postboten werden zu Überbringern von Todesnachrichten

    Der Postbote wird dennoch stets mit gemischten Gefühlen erwartet. Denn immer häufiger treffen Kondolenzschreiben ein. Im Oktober 1916 erhalten Karl und Lisette Walber aus Mengerschied die Nachricht vom Tod ihres Sohnes Gustav. „Mitten aus seinen Leuten heraus traf ihn eine Kugel mitten ins Herz“, schreibt sein Kompanieführer Probst von der Ostfront. „Sein Sterben war leicht. Nur ein Gedanke trennte Tod und Leben.“

    Von einer Sekunde auf die andere bricht das Leben der Eltern zusammen. Ihres einzigen Erben beraubt, versteigern sie in Panik den Großteil ihres Besitzes. Der Erlös wird nach dem Krieg von der Inflation verschlungen. Längst nicht alle Vorgesetzten machen sich noch die Mühe, persönlich zu kondolieren. „Nach schweren Angriffen mussten sie mitunter 100 Tote einsammeln“, sagt Schellack. „Deshalb gab es später für alles Vordrucke.“

    Schier unerträglich muss der Schmerz für die Angehörigen der Brüder Karl und Peter Werner aus Roth gewesen sein, die tragischerweise am selben Tag fallen. In der Heimat wächst von Tag zu Tag die Unzufriedenheit, wie aus einem Bericht des Kastellauner Bürgermeisters hervorgeht. Besonders die Zwangslieferungen an Kartoffeln, Vieh und Butter sind bei den Bauern verhasst. Ansonsten bescheinigt er seinem Vorgesetzten allerdings eine gute Stimmungslage: „Abgesehen von einigen Miesmachern, sieht die Bevölkerung dem günstigen Verlauf des schweren Krieges mit Vertrauen entgegen.“

    Diese Einschätzung darf angezweifelt werden. Warnt die „Hunsrücker Zeitung“ ihre Leser doch ausdrücklich, keine Jammerbriefe zu schreiben: „Eine unwürdige und den Mangel einer rechten Vaterlandsliebe beweisende Erscheinung sind Jammer- und Klagebriefe“, heißt es am 18. Juli 1917, „die zuweilen von Frauen und Müttern, die sich des hohen Ernstes der Aufgaben einer deutschen Frau nicht bewusst sind, an Söhne und Männer ins Feld oder in die Kriegsgefangenschaft geschrieben werden.“

    Eine mehr als zynische Aufforderung. Denn zu dem Zeitpunkt sind Hunderte Hunsrücker bereits irgendwo auf den Schlachtfeldern verblutet. Besonders hart werden im Hunsrück die beiden Dörfer Argenthal (34 Tote) und Mengerschied (38) getroffen. Die Gemeinden verlieren etwa jeden zehnten männlichen Bewohner.

    Rhein-Zeitung, 25. Januar 2014

    Feldpostbriefe als Geschichtsarchiv: Erster Weltkrieg in Zahlen