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  • Hausgeburten sind im Kreis kaum möglich

    Cochem-Zell. Nur noch 6,7 Prozent aller Frauen in Deutschland gebären heute ihre Kinder ohne technische oder medizinische Eingriffe, das besagt eine Statistik der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe. Im Kreis Cochem-Zell ist das gar nicht mehr möglich. Es gibt keine Hebammen, die Hausgeburten begleiten. Ebenso wenig Geburtshäuser oder Krankenhäuser mit Geburtsstation.

    Jana Li Frank-Matla und Sylvia Scherer (mit Sohn David) haben sich für eine Hausgeburt mit der Hebamme Heike Gundert aus Kirchberg entschieden (von links).
    Jana Li Frank-Matla und Sylvia Scherer (mit Sohn David) haben sich für eine Hausgeburt mit der Hebamme Heike Gundert aus Kirchberg entschieden (von links).
    Foto: Christoph Bröder

    "Man kann hier im Kreis kein Kind mehr bekommen", sagt Sylvia Scherer aus Mittelstrimmig. Sie hat es trotzdem getan, Anfang des Jahres kam ihr drittes Kind zur Welt. David heißt der Kleine, er ist zu Hause geboren. "Ich wollte selbstbestimmt gebären und nicht mehr im Krankenhaus Ärzten und Hebammen unterworfen sein, die meinen, mir sagen zu müssen, wie ich mein Kind zu bekommen habe. Ich wollte mein Kind so bekommen, wie die Natur das vorgesehen hat", erklärt die 40-Jährige. Ihre ersten beiden Kinder kamen im Krankenhaus zur Welt. Dort fühlte sie sich nicht wohl und machte schlechte Erfahrungen. Also suchte sich die Sozialpädagogin eine Hausgeburtshebamme. Gar nicht so einfach, denn im Kreis gibt es keine. Fündig wurde die Mutter schließlich in Kirchberg. Heike Gundert ist seit 35 Jahren Hebamme und begleitet zwischen zehn und 18 Hausgeburten im Jahr. Notfallmäßig abbrechen musste die 56-Jährige bisher keine davon. "Es gibt aber klare Ausschlusskriterien für eine Hausgeburt, die sind mir vorgegeben", erklärt die Hunsrückerin. Im Falle einer Beckenendlagengeburt, Zwillingsgeburt oder Frühchengeburt beispielsweise.

    Sylvia Scherer bereut, ihre beiden ersten Kinder nicht auch zu Hause bekommen zu haben. "Ich war fit nach Davids Geburt, habe nachmittags schon die erste Maschine Wäsche gewaschen." Im Krankenhaus sieht das häufig anders aus. Die verschiedenen Medikamente entkräften die Frau. Und sie beeinflussen auch das Kind. Dabei geht es auch ohne Wehen verstärkende Mittel oder Wehenschreiber. Ganz natürlich. "Ich schaue, was tut der Frau gut, was macht sie von sich aus", sagt die Hebamme. Denn oft weiß die Frau selbst, in welcher Position sie ihr Kind am besten gebären kann. Heike Gundert unterstützt mit Massage, Homöopathie oder Anleitungen zum Positionswechsel die Geburt. "Die Rückenlagengeburt, wie sie im Krankenhaus meist stattfindet, ist nach dem Kopfstand eigentlich die ungünstigste Position für eine Geburt", weiß die 56-Jährige und schmunzelt. "Diese Praxis gibt es in Deutschland erst, seit Ärzte bei der Geburt dabei sind." Auch der Kaiserschnitt sei häufig überflüssig. Laut Weltgesundheitsorganisation passen weniger als zehn Prozent der Kinder nicht durchs Becken. Die Kaiserschnittrate in Krankenhäusern liegt jedoch zum Teil bei 50 Prozent.

    Dass es auch anders geht, ist bei unseren Nachbarn in den Niederlanden zu sehen. "In Holland geht man zunächst davon aus, dass das Kind zu Hause zur Welt kommen kann. Es sei denn, die Frau will ins Krankenhaus. Dann muss sie allerdings die Kosten mittragen, falls keine Komplikationen den Krankenhausaufenthalt rechtfertigen", erklärt Jana Li Frank-Matla. Die 31-jährige Laufersweilerin wurde bei ihrer zweiten Geburt ebenfalls von Heike Gundert betreut, hat ihre erste Tochter allerdings in den Niederlanden zur Welt gebracht. Dort ist die Hebammendichte viel höher. Und während der Hausgeburt steht ein Kindernotarztwagen vor der Haustür, falls Probleme auftreten. In Cochem-Zell unvorstellbar. Nicht genügend medizinisches Personal. Die nächstliegenden Krankenhäuser, die für Geburten eingerichtet sind, sind in Simmern, Wittlich, Mayen oder Koblenz. Andere Ärzte und Rettungssanitäter im Kreis sind meist nicht mit Geburten vertraut, sagt Heike Gundert.

    "Ich würde niemandem empfehlen, ins Krankenhaus zu gehen, es sei denn, es gibt schwerwiegende Gründe, die gegen eine Hausgeburt sprechen", sagt Sylvia Scherer. Sie denkt, das Krankenhaus sorgt dafür, dass die Frau das Vertrauen in ihren Körper verliert. Sterile Räume und verschiedene Gerätschaften schüren zudem Ängste bei werdenden Müttern. "Angst stört das Hormonsystem und löst Adrenalin aus, was wiederum die Wehentätigkeit und die körpereigenen Schmerzmittel (Endorphine) hemmt", weiß Gundert. "Die Frau muss sich entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringt", findet Jana Li Frank-Matla. Und Heike Gundert wünscht sich eine Entwicklung in eine natürlichere Richtung. An Krankenhäuser angeschlossene Geburtshäuser, von Hebammen geführt, wären da bereits ein Fortschritt. Falls Probleme auftreten, sind Ärzte nicht weit.

    Christoph Bröder

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    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Chef v. Dienst

     

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