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  • Wo die Colts der Girls rauchen und "Oooah" viel sagt

    Cochem. Wie sich der "Gemeine Cochemer" vom knochen- und knüppelbewehrten "Homo carnevalensis" zum ziemlich abgedrehten Weltraumeroberer entwickelt hat - unter anderem das erlebten Hunderte gut aufgelegte Narren bei der Prunksitzungspremiere der Cochemer Karnevalsgesellschaft (CKG). Ein teils zum Brüllen komisches Bauarbeitercomeback und Tänze, die einem nicht nur wegen gewagter Flugeinlagen den Atem stocken ließen, komplettierten eine Show der Superlative.

    Eine Horde fellbekleideter Wilder stürmt plötzlich ins Halbdunkel der Narrhalla in der Berufsbildenden Schule. Die Urzeitmenschen stoßen affenartige Vokallaute aus, zersausen dem einen oder anderen im Saal die Frisur. Manch einer weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Doch anfängliche Irritation löst sich schnell in schallendes Gelächter auf, als klar wird, was die Gruppe "Baddanouhdah" dem Publikum erteilen möchte: eine Lektion in Cochemer Sprach- und Stammesentwicklung. Vom ersten "Oooah", zu dem die Wilden rhythmisch auf den Bühnenboden klopfen, bis zum ersten vollwertigen Small Talk zwischen Cochemern, "Cunnern" und "Sillern" bedarf es da nur noch des einen oder anderen komischen Konsonanten: "Oooah? Unn? Joah." Alles gesagt - oder?

    Nein. Cochems Karnevalisten können auch ganze Sätze bilden, gar solche, die sich reimen. Beispiel: "Von drauß' vom Wald kommen wir her, wir müssen euch sagen, es fällt etwas schwer", begrüßt Sitzungspräsident Jörg Eckerskorn die Narren. Wie der Elferrat und CKG-Präsident Günter Hammes trägt er einen weißen Bart und eine rot-weiße Bommelmütze. Zum Einmarsch hat der Musikverein (Leitung: Jan Kokic) ein Weichnachtslied angestimmt. Mithin ist auch klar, was schwerfällt: Gefühlt im Nullkommanichts von Festtagsträgheit auf Fastnachtsfidelität umzuschalten.

    Da helfen fröhliche "Holau"-Rufe und ein Tanz der CKG-Prinzengarde (Trainerinnen: Karin Esper, Katharina Burg). Spätestens jedoch "Zumme-Clown" Jakob Heimes vertreibt mit saftigen Schlägen auf seine "Zumm" jede Lethargie. In witzigen Versen verarbeitet er das Stadtgeschehen und mahnt angesichts einiger leer stehender Ladenlokale: "Leute, bestellt nicht so viel im Internet, dann bleibt auch künftig unser Städtchen nett."

    Spitzzüngig, schlagfertig und mit losem Mundwerk treibt Melanie Herpel als Mariechen den CKG-Chef Hammes zur Verzweiflung. Er muss manche Breitseite einstecken. "Günter, hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein richtig guter Präsident bist?", fragt Mariechen. "Bis jetzt: nein", antwortet er. Mariechen: "Dann frag' dich mal, warum!" Eine der harmloseren Pointen aus einem hier und da deftigen Dialog, der jedoch immer Vergnügen bereitet.

    Eher in Erstaunen versetzt Solomariechen Michaela Maibauer die Zuschauer mit einer Mischung aus tanz- und turnsportlichen Topleistungen. Die vier Bauarbeiter - an der Spitze: Chefcholeriker Sebastian Nikolay (er erhält auch den RZ-Orden) - feiert nach einem Jahr Pause ein famoses Comeback. Die Teilzeitmalocher des Betriebs "Sicher & Söhne - dicke Eier, schmale Löhne" elektrisieren mit Bemühungen, den Umbau der Cochemer Sparkasse vorzutreiben. Wobei "elektrisieren" wörtlich zu verstehen ist. Nach einem Stromschlag pflegt der ansonsten eher simpel gestrickte Iggy (Christoph Marx) nämlich plötzlich die feine Kunst des wohlgewählten Wortes: "Ich zuckte und es flackerten die Lichter. Der Franko (Stefan Marx) machte mich zum Dichter." Wutausbruch Nikolay: "Egal, wie dicht du bist, Goethe war dichter."

    Dicht und klug nehmen die Akteure von "Baddanouhdah" in Teil zwei ihrer Cochemer Evolutionstheorie die wachsende Sprachlosigkeit der Generation Smartphone aufs Korn. Und sie entlarven die von deutschtümelnden Demokratieverweigerern geschürte Angst vor Überfremdung als das, was sie in der Regel ist: unbegründet.

    Ein von Zuschauern phasenweise recht offen kritisiertes Kontrastprogramm dazu liefert Michael Reißmann als Heinz Becker, den er allerdings rollengetreu und routiniert verkörpert. An Beckers Stammtisch sind "Arababer" alle "Bombenbaschteler". Wenn sie sich nicht gerade mit einem Gürtel in die Luft sprengen (was Becker zuletzt fast an Weihnachten geglückt wäre), betätigen sie sich in Köln als "Spontangynäkologen", brechen ein oder überfallen Juweliergeschäfte. "Widerlich", entfährt es angesichts solcher Stereotype einer Dame in der Narrhalla.

    Ganz und gar nicht widerlich, sondern beachtlich sind die Tanzleistungen der CKG-Stadtsoldaten (Trainerin: Sonja Ohlberger). Und was die Tanzmädels des TV Cochem im Saloon "Zum lustigen Elferrat" (Eckerskorn) auf die Bretter bringen, ist fernsehreif. Die Kostüme und die attraktiven Cowgirls selbst wären für jeden Westernklassiker aus Hollywoods Traumschmiede eine Zierde. Perfekt aufeinander abgestimmt sind alle Bewegungen und Schritte, und man kann nur erahnen, wie lange die Tänzerinnen um Trainerin Nicole Fiedermann daran gefeilt haben. Nicht minder beeindruckend sind die gewagten Hebe- und Wurffiguren der Tanzgruppe Moselglück.

    Wer's dem futuristisch durchgestylten dritten Teil der Evolutionstheorie à la "Baddanouhdah" noch nicht entnommen hat, weiß spätestens jetzt: Um die Zukunft der "Cochemer Fassenacht" und des "Homo carnevalensis" ist es gut bestellt. David Ditzer

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