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    BendorfReportage: Per Funkhilfe dem Unterricht folgen

    Als blinder oder schwerhöriger Schüler ein normales Regelgymnasium besuchen? Wie das funktioniert, kann man sich am Bendorfer Wilhelm-Remy-Gymnasium anschauen.

    Hannah und Julia (von links) tragen Cochlea Implantate (Hörprothesen). Das Zubehör der Funkanlagen für den Unterricht befindet sich in einem Technikkoffer.
    Hannah und Julia (von links) tragen Cochlea Implantate (Hörprothesen). Das Zubehör der Funkanlagen für den Unterricht befindet sich in einem Technikkoffer.
    Foto: Katrin Steinert

    Leon ist blind und nutzt im Unterricht einen Laptop mit Adapter. Mit seinen Fingern kann er darauf Dateien "lesen".
    Leon ist blind und nutzt im Unterricht einen Laptop mit Adapter. Mit seinen Fingern kann er darauf Dateien "lesen".
    Foto: Katrin Steinert

    Bendorf - Am Wilhelm-Remy-Gymnasium gibt es für niemanden eine Extrawurst. Auch nicht für die behinderten Schüler. Letztendlich muss jeder beweisen, dass er die Hochschulreife verdient hat. Das gelingt mit personeller Hilfe von Fachkräften, Physiotherapeuten und Integrationshelfern – und mithilfe moderner Technik.

    Englischunterricht in der 7a. Lehrerin Hanna Bleckwehl steht mitten im Raum. Die Schüler sitzen in einer U-Form um sie herum. Bleckwehl trägt ein kleines Mikrofon am Kopf. So eines, wie es Theaterschauspieler nutzen. An ihrem Hosenbund hängt ein dazu passender Funksender. „Do you know, what a couchpotatoe is?“, fragt sie in die Runde. Es dauert einige Zeit, bis jemand antwortet. Das Tischmikrofon muss erst weitergereicht werden.

    Der Großteil der 885 Bendorfer Gymnasiasten ist gesund. Die 30 behinderten Schüler werden in die normalen Klassen integriert. Sie sind nahezu gehörlos oder fast blind, sitzen im Rollstuhl, leben mit einer autistischen Störung oder leiden an einer spastischen Lähmung.

    Mitten in den Englischunterricht platzt Julia – sie war beim Arzt. Die 13-Jährige setzt sich und ruft ihrer hörbeeinträchtigten Mitschülerin Hannah zu: „Ey, gib mir mal den Koffer rüber!“

    Julia und Hannah sind zwei von insgesamt acht hörbeeinträchtigten Schülern an dem Regelgymnasium. Beide tragen Hörprothesen, sogenannte Cochlea-Implantate (siehe nebenstehenden Text). Würden ihre langen Haare nicht ab und zu den Blick auf die Technik am Kopf freigeben – man würde ihnen die Behinderung nicht ansehen. Trotz der Implantate bleiben sie schwerhörig und benötigen im Unterricht Hilfsmittel. Der Gebrauch scheint wie selbstverständlich – für Schüler und für Lehrer.

    Julia schnappt sich aus dem Technikkoffer einen Funkempfänger, hängt ihn wie eine Kette um den Hals, geht zur Lehrerin zurück und fasst dieser ohne Ankündigung an den Hosenbund. Sie drückt einen Knopf am Sender, fährt sich durch ihre braunen Haare und schaltet hinterm Ohr den Sprachverarbeitungsprozessor auf die entsprechende Frequenz um. Jetzt ist sie „auf Sendung“, hört, was ihre Lehrerin und die Mitschüler in die Mirkos sagen. Die einzelnen Stimmen werden aus der Geräuschkulisse herausgefiltert.

    Manchmal wollen die Mädchen aber lieber mit den Sitznachbarn reden. Dann stöpseln sie kurz einen Stecker vom Halsempfänger aus. Fertig. Der Empfang wird unterbrochen.

    Lehrerin Bleckwehl ist froh, dass die Schülerinnen so selbstbewusst mit ihrer Behinderung umgehen. „Sie weisen mich auch schon mal darauf hin, dass ich das Mikrofon anlegen soll, oder rufen den Klassenkameraden zu, wenn sie etwas akustisch nicht verstanden haben.“

    Einige Behinderungen schließen gemeinsamen Unterricht aus. So könnten Julia und Hannah zum Beispiel nicht mit dem sehbehinderten Leon in einer Klasse sitzen. „Im Unterricht mit Schwerhörigen müssen die Lehrer ganz viel mit visuellen Darstellungen veranschaulichen. Bei Blinden müssen sie viel mehr beschreiben, was wiederum für die Hörgeschädigten schlecht wäre“, erklärt Doris Bernhard, die für die Integration der behinderten Schüler zuständig ist.

    Chemieunterricht in der 8c. Sven Störmer steht vor 28 Jugendlichen und leitet das sperrige Thema „Teilchenmodell“ ein: „Heute wird es abstrakt. Da wird es Leon vielleicht einfacherer haben, weil er sich Sachen gut vorstellen kann.“

    Leon ist blind. Während die Schwerhörigen in anderen Klassen nah am Lehrer sitzen, damit sie notfalls die Bewegungen der Lippen ablesen können, hat er seinen Platz in der letzten Reihe. Schräg hinter ihm arbeitet seine Integrationshelferin an einem Extratisch. Sie überträgt Arbeitszettel in einen Computer. Diese Dateien schickt sie Leon auf seinen Laptop. Der ist mit einem Adapter für Blindenschrift verbunden. Mit den Händen liest der 13-Jährige die Inhalte. Chemielehrer Störmer hält ein Spielzeugauto und einen großen Plastikzahn in den Händen. Er reicht das Auto einem Schüler. „Beschreib Leon mal, was das ist.“ „Ein schwarzes Auto.“ „Und was steht hinten drauf?“ „Made in China.“ Lachen in der Klasse. „Was noch?“ „1:40“ Es ist die Kleinausgabe eines realen Mercedes. Störmer sagt: „Um Dinge anschaulich zu machen, gibt es Modelle. Wir könnten den Mercedes ja nicht in den Raum holen, um über ihn zu sprechen.“ Die Überleitung zum Teilchenmodell ist gemacht.

     

    Nacharbeiten ist erforderlich

    Dann geht es um die Aggregatzustände des Wassers und um deren Modelle. Die Schüler beschreiben für Leon, welche Teilchenformationen sie auf einer Folie sehen. Die Integrationshelferin schnappt sich ein Brett, eine feste Folie, und ritzt Kreise auf die Folie. Leon spürt mit den Fingern, was die anderen sehen. Zugleich hört er zu, was seine Helferin ihm erzählt. „Das ist manchmal anstrengend, mehrere Sachen gleichzeitig zu machen“, sagt er. Darin gleicht er den Schwerhörigen. Während die anderen Mitschüler sich auf den Lernstoff konzentrieren, lesen sie von Lippen ab, bekommen Randbemerkungen und kurze Nachfragen nicht mit. Vieles müssen sie zu Hause oder im Förderunterricht nacharbeiten. Dass sie dem Zusatzstress standhalten, zeigt, dass sie am Gymnasium richtig sind.

    Die Mitschüler haben sich daran gewöhnt, für Leon mehr zu beschreiben, für Hannah und Julia langsamer und in Mikrofone zu sprechen. „Erst war das komisch. Jetzt finde ich das ganz normal“, erzählt Mitschüler Michel.

    Endlich Pause. Während die Schulhöfe sich füllen, gehen Hannah und Julia in den ruhigeren KB-Bereich (körperbehindert) – dort befinden sich Räume zur Physiotherapie, zum Klausurschreiben und zum Ausruhen. Die Ruhe genießen allerdings auch Schüler, die gesund sind.

    Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

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